Nach unten offen

Selbst im besten Fall ist der Niedergang nicht so bald zu stoppen. Vor allem nicht am Arbeitsmarkt

Minus drei Prozent! Minus vier Prozent! Minus fünf Prozent! Die Skala für Wachstumsprognosen – beziehungsweise Schrumpfungsprognosen – scheint in diesen Tagen nach unten offen. Wie schlimm wird es wirklich?

Eindeutig beantworten lässt sich diese Frage im Augenblick nicht. Dazu ist die Lage zu unübersichtlich. Man kann sich der Antwort aber annähern und Möglichkeiten aufzeigen.

Die schlechte Nachricht: Es ist noch lange nicht vorbei. Finanzkrisen folgen einer Art Drehbuch. Erst wanken die Banken, dann lahmt die Wirtschaft, dann steigt die Arbeitslosigkeit. Die amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart haben Daten über die größten Krisen seit dem Zweiten Weltkrieg ausgewertet. Ihr Ergebnis: Im Schnitt schrumpft die Wirtschaft binnen zweier Jahre um zehn Prozent, die Arbeitslosenquote steigt über einen Zeitraum von fünf Jahren um sieben Prozentpunkte. In Deutschland wären in einer solchen Durchschnittskrise am Ende also mehr als sechs Millionen Menschen arbeitslos – fast doppelt so viele wie heute.

Es kann noch schlimmer kommen. Diese Krise ist globaler Natur, anders als viele andere Rezessionen in der Nachkriegszeit. Ein wichtiges Instrument zur Überwindung einer Wirtschaftsflaute ist in der Regel der Export, und es exportiert sich schlecht, wenn die ganze Welt im Schlamassel steckt. Das spürt vor allem das stark vom Außenhandel abhängige Deutschland. Im Januar brachen die Ausfuhren um 20,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr ein.

Auf der anderen Seite ist der Ölpreis gesunken. Und die Politik stemmt sich heute entschlossener gegen diese Krise als in früheren Fällen. Die Notenbanken haben die Zinsen gesenkt, die Regierungen legen, wenn auch zögerlich, Konjunkturprogramme auf. All das hilft, die Krise schneller zu überwinden. Bleiben solche Hilfen ganz aus – wie in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, als das theoretische Rüstzeug für eine antizyklische Politik fehlte – zieht sich eine Flaute oft mehrere Jahre lang hin.

So ruht denn die Hoffnung der Konjunkturexperten vor allem darauf, dass der Stimulus zu wirken beginnt. Dass die öffentlichen Ausgabenprogramme Produktion und Nachfrage ankurbeln, dass die niedrigen Zinsen Unternehmen und Verbraucher zum Geldausgeben bewegen. Es gebe noch keine Anzeichen für eine »endogene Konjunkturbelebung« in Deutschland, formuliert Bundesbankpräsident Axel Weber und will damit sagen: Aus sich selbst heraus kann die Wirtschaft nicht wachsen. Sie ist auf staatlichen Anschub angewiesen.

Der wird, so hofft man bei der Bundesbank, dafür sorgen, dass die Wirtschaftleistung gegen Mitte oder Ende dieses Jahres zumindest weniger stark sinkt als derzeit – und dass das Bruttoinlandsprodukt dann 2010 allmählich wieder steigt. Indes werden die Wachstumsraten nach Schätzungen der Notenbank vorerst nicht hoch genug sein, um die Potenziale der Volkswirtschaft auszulasten und alle Arbeitnehmer zu beschäftigen. Die Arbeitslosenquote steigt also weiter. Bei privaten Banken sind die Volkswirte ähnlich pessimistisch: Die Deutsche Bank etwa sagt für 2010 einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um lediglich 0,6 Prozent voraus.

Tatsächlich gibt es erste Anzeichen, dass sich der Absturz wenigstens verlangsamt. In Deutschland blicken die vom Münchner ifo Institut befragten Unternehmen bereits im zweiten Monat in Folge zuversichtlicher in die Zukunft. Auch in China schöpften die Firmen zuletzt Mut. In den Vereinigten Staaten haben sich einige der von Ökonomen regelmäßig beobachteten konjunkturellen Frühindikatoren stabilisiert. Die Lage an den Kreditmärkten hat sich ebenfalls etwas entspannt, und die Preise einiger Rohstoffe – zum Beispiel Kupfer – sind gestiegen. Das ist eine gute Nachricht, denn Rohstoffe werden teurer, wenn die Unternehmen mehr Waren produzieren wollen.

Selbst wenn sich dieses Szenario einer allmählichen Erholung bewahrheiten sollte: Als sicher gilt in Expertenkreisen, dass die Wirtschaft zu Jahresbeginn – also im ersten Quartal – immer noch ähnlich schlecht läuft wie Ende vergangenen Jahres. Da war sie um 2,1 Prozent abgestürzt. Damit wird das Bruttoinlandsprodukt im Gesamtjahr wohl um mindestens drei Prozent schrumpfen – und ein Rückgang von vier Prozent oder mehr ist durchaus realistisch. Intern sieht man das auch in der Bundesregierung längst so.

 
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