Was mache ich hier? Nr. 79 Barrows Schweigen

Wissenschaftler und Künstler diskutieren in Dortmund über Kreativität

Es dauerte einen halben Tag, dann verlor John Barrow endlich die Geduld. Eine halbe Stunde hatte der Brite, ein zurückhaltender Mittfünfziger in einem leicht ausgebeulten Anzug, still dagesessen inmitten der Gruppe, die über die »Kreativität der Kreaturen« unter besonderer Berücksichtigung von Schwarmbildung diskutierte. Eine koreanische Künstlerin hatte über die koreanische Kultur geredet, und zwar genau so, wie man es von einer Künstlerin erwartet – sie kam nicht zum Punkt. Dann hatte ein emeritierter deutscher Mathematikprofessor übernommen mit der provokant gemeinten Frage, ob die Nationalsozialisten möglicherweise Kreativität entwickelt hätten bei der brutalen Deformation der deutschen Gesellschaft zu einer Art willenlosem Schwarm; worauf ein deutscher Choreograf geantwortet hatte: Nur wenn Weltzerstörung in die Kategorie Kreativität fällt. Das war der Moment, als Barrow, Professor für theoretische Physik und angewandte Mathematik an der Universität Cambridge, aufstand und ging.

Tagungsberichte sind die Hölle. Vor allem, wenn man sie schreiben muss. Als anständiger Reporter lehnt man so was normalerweise glattweg ab, denn bei Tagungen passiert einfach nichts, was man beschreiben könnte. Bloß sprechende Köpfe auf Podien, und im schlimmsten Fall versteht man kein Wort von den großen Gedanken, die da so ausgeatmet werden.

Doch diese Tagung versprach anders zu werden: Das British Council hatte unter dem Titel Einstein and Picasso knapp 80 Wissenschaftler und Künstler für ein Wochenende nach Dortmund eingeladen in die Deutsche Arbeitsschutzausstellung, um über Kreativität zu reden; und zwar nach den Regeln des »Open Space«, einer Konferenzform, die ein britischer Tagungsleiter erfand, nachdem er gemerkt hatte, dass Podiumsdiskussionen nicht nur für Reporter, sondern auch für Fachzuhörer häufig die Hölle sind. Beim Open Space reden alle, und zwar miteinander in losen Gruppen, die ihre Agenda selbst bestimmen; den Teilnehmern ist ausdrücklich erlaubt, jederzeit dazuzustoßen oder wegzulaufen.

Das versprach gutes Material für eine kleine Reportage: buntes Personal, der potenzielle Grundkonflikt zwischen Wissenschaftlern und Künstlern, ein merkwürdig klingender Ort und durch die Gruppensituation eine bewegte Szenerie. Ich suchte mir anhand der Lebensläufe vorab drei Menschen aus, die ich beobachten wollte, meine Auswahlkriterien waren: erstens Prominenz, zweitens Initiator-Status, drittens maximal einschüchternder Lebenslauf. Nummer eins wäre Jane McAdam Freud, Tochter des Malers Lucian Freud, Urenkelin von Sigmund Freud; Nummer zwei Arthur I. Miller, emeritierter Wissenschaftsphilosoph, der mit seinem Buch Einstein, Picasso der Tagung ihren Namen gegeben hatte; Nummer drei John Barrow, dessen Curriculum Vitae wie erfunden klang, Oxford, Berkeley, Cambridge und immer so weiter, Forschungsschwerpunkte Kosmologie und Astrophysik, 440 wissenschaftliche Artikel, 19 Bücher und ein Theaterstück verfasst. Barrow machte mir schon auf dem Papier Angst.

Doch bald war klar, dass Nummer eins und zwei nicht genug Konfliktstoff boten. Da hatte ich eine Gruppendiskussion mit Jane McAdam Freud durchgesessen, in der sich Wissenschaftler und Künstler viel zu einig darüber waren, dass die Kreativität uns allen irgendwie im Unterbewusstsein hockt und rauswill; leider gibt es kein Patentrezept, wie man sie rausholt. Mein Gespräch mit Arthur I. Miller hatte im Wesentlichen ergeben, dass Wissenschaft und Kunst aufeinander zugehen müssten. Das aber taten sie ja gerade. Nach den zwei Tagen in der gar nicht so merkwürdigen Deutschen Arbeitsschutzausstellung, die ein fantastisches Mitmachmuseum zu Geschichte und Gegenwart der Arbeitswelt ist – danach also würden sich alle einig sein, dass diese Tagung ein wunderbarer erster Schritt aufeinander zu gewesen war. Alles gut, alles richtig. Leider kein Material für eine noch so kleine Reportage.

Also John Barrow. Nachdem er die Schwarm-Diskussionsrunde aus Langeweile oder wegen ihrer unbestreitbaren Esoterik verlassen hatte, schlenderte er ein wenig unschlüssig zwischen den Stuhlgruppen umher, die alle paar Meter zusammengeschoben waren zu Gesprächsinseln. In einer Ecke redete man über »Kreativität und Innovation«, in einer anderen über »Kreativität und Ethik«. Barrow tat mir den Gefallen und blieb bei der richtigen Gruppe stehen. Deren Thema war: »Glaubt ihr wirklich, dass es eine fruchtbare Verbindung zwischen Wissenschaft und Kunst gibt/geben kann?«

Das, dachte ich, wäre doch ein prima Schlussgag. Dann aber kam John Barrow wieder zurück zu uns Schwärmern und begann plötzlich mitzureden. Er hielt einen kurzen Monolog über die Gesetze der Robotik, die Strukturen des menschlichen Denkens und ein Gespräch, das er mal mit Garri Kasparow über die Logik des Schachcomputers Deep Blue geführt hatte. Leider begriff ich quasi nichts davon. Aber ich war mir sicher: die anderen auch nicht. Das war dann doch beruhigend. Dirk Peitz

 
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