MEINUNG WIDERSPRUCH Mehr Schwere!
Der Staat hat sich seine Rolle nicht ausgesucht
Der globale Finanzmarkt kracht gerade zusammen, da meint Josef Joffe in dem Artikel Ich bin dein Staat … sich schon wieder auf den verantwortungslosen Staat einschießen zu müssen (ZEIT Nr. 11/09). Es ist anscheinend nicht so einfach, sich vom Dogma des allzeit überlegenen Marktes zu verabschieden.
Wie kommt der Autor eigentlich dazu, den »biederen Bürger, der weit über seine Verhältnisse gelebt hat«, in eine Reihe zu stellen mit Finanzakrobaten und Bankvorständen, die Billionen vernichtet und die Weltwirtschaft ruiniert haben? Meint er damit Menschen, die zur privaten Altersvorsorge ein Haus kauften? Meint er den Familienvater, der mehr Lohn wollte, um die Ausbildung seiner Kinder finanzieren zu können?
Von einem Logenplatz aus gesehen, mag das Desaster wie eine griechische Tragödie wirken, der man mit einem behaglichen Schauder beiwohnt, um dem Regisseur zuzurufen: Etwas mehr Tragik, mehr Schwere, bitte. Da ist es natürlich ärgerlich, wenn plötzlich der Staat auftritt und das Finale verderben will.
Aber der Staat hat sich seine aktuelle Rolle ja nicht ausgesucht. Er steht vor den Trümmern, die ein wild gewordener Kapitalismus ihm hinterlässt. Die Katastrophe ist das Ergebnis einer hemmungslosen Deregulierung der Finanzmärkte, der zunehmenden Privatisierung der Altersversorgung und einer ständigen Umverteilung von unten nach oben. Dadurch wurden die riesigen Summen erst aufgebaut, die dann nach immer riskanteren Anlageformen suchten.
Dies kann allerdings nicht heißen, dass der Staat jetzt alles richten soll. So stellt sich etwa die Frage, ob er die Banken retten muss (eher ja) oder Opel helfen soll (eher nein). Und wahrscheinlich brauchten wir bald Leute wie Joffe, die ihm auf die Finger schauen, damit er nicht ebenso gefräßig wird wie die entfesselten Märkte. Aber solange er beim Stichwort Staat nur Entmündigung ruft, fällt er für die notwendige Debatte leider aus.
Jürgen Schlachter, 57, ist Bereichsleiter in Mülheim-Kärlich
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- Datum 12.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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