MAIL AUS Delhi
Von: jan.ross@zeit.de Betreff: Ein Unterschied mehr
Indien ist das Land der tausend Unterschiede. Dutzende von Sprachen (allein 15 davon auf jedem Geldschein und in der Verfassung noch ein paar mehr); derselbe Superpluralismus herrscht bei den Religionen, den Kasten, den Klein- und Regionalparteien. Natürlich auch bei der Küche.
Die Dozentin der Universität Delhi, mit der ich zu Mittag esse, stammt aus dem Süden des Landes. Sie ist nicht gerade eine rustikale Speisenvertilgerin, und so frage ich sie, ob ihr die Umstellung von der leichten, schmackhaften Küche des Südens auf die etwas klobigere nordindische Kost schwergefallen sei. (Zugegeben, die Frage ist ein bisschen unsinnig, denn selbstverständlich wird in einer modernen Megacity wie Delhi in allen nur denkbaren indischen und nichtindischen Varianten gekocht und gegessen.)
Die Dozentin lacht und meint, dass sie von der südlichen Küche zu Hause nicht viel mitbekommen habe. Sie stammt aus einer Militärfamilie, ihr Vater war Offizier, und die indische Armeekultur ist traditionell anglisiert. Die Tochter musste daheim bei Tisch nicht nur gerade sitzen, die Ellbogen eng an den Körper gelegt, es gab auch immer bloß Rührei mit Schinken und Toast mit Orangenmarmelade. Nicht Nordindien, nicht Südindien, sondern Kolonialindien. Das ist Indien: Es gibt immer noch einen Unterschied mehr.
- Datum 12.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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