MAIL AUS Brüssel

Von: jochen.bittner@zeit.de Betreff: Bitte (nicht) anstupsen

Indien ist das Land der tausend Unterschiede. Dutzende von Sprachen (allein 15 davon auf jedem Geldschein und in der Verfassung noch ein paar mehr); derselbe Superpluralismus herrscht bei den Religionen, den Kasten, den Klein- und Regionalparteien. Natürlich auch bei der Küche.

Die Dozentin der Universität Delhi, mit der ich zu Mittag esse, stammt aus dem Süden des Landes. Sie ist nicht gerade eine rustikale Speisenvertilgerin, und so frage ich sie, ob ihr die Umstellung von der leichten, schmackhaften Küche des Südens auf die etwas klobigere nordindische Kost schwergefallen sei. (Zugegeben, die Frage ist ein bisschen unsinnig, denn selbstverständlich wird in einer modernen Megacity wie Delhi in allen nur denkbaren indischen und nichtindischen Varianten gekocht und gegessen.)

Die Dozentin lacht und meint, dass sie von der südlichen Küche zu Hause nicht viel mitbekommen habe. Sie stammt aus einer Militärfamilie, ihr Vater war Offizier, und die indische Armeekultur ist traditionell anglisiert. Die Tochter musste daheim bei Tisch nicht nur gerade sitzen, die Ellbogen eng an den Körper gelegt, es gab auch immer bloß Rührei mit Schinken und Toast mit Orangenmarmelade. Nicht Nordindien, nicht Südindien, sondern Kolonialindien. Das ist Indien: Es gibt immer noch einen Unterschied mehr.

Die englische Sprache ist – um eine ihrer Metaphern zu gebrauchen – ein Minenfeld. Das junge Eheglück meiner Tochter wird dadurch getrübt, dass ihr Mann das Wohnzimmer lounge nennt. Wenn er das Wort äußert, verspannen sich ihre Züge. Lounge klingt, sagen wir es ohne Umschweife, nach unterer Mittelschicht. In der mittleren Mittelschicht, zu der wir gehören, setzt man sich nach dem Dinner im sitting room zusammen. Angehörige der oberen Mittelschicht ziehen sich in einen drawing room zurück.

Manche Leute glauben, die Sprachregelung durch den neutraleren Begriff living room umgehen zu können. Meine Frau findet das naff, was laut Wörterbuch mit »bescheuert« zu übersetzen ist. Aber das trifft den Kern der Bedeutung nicht. Naff ist ebenfalls ein gesellschaftlich belasteter Begriff, er ruft Assoziationen wach an Leute, die den Sprung aus einer Sozialwohnung in einen mit braunem Kieselwurf verputzen Bungalow geschafft haben und einen Ford Mondeo fahren.

Meine Tochter hat nun mit Charme und weiblicher List einen linguistischen Umerziehungsprozess ihres Mannes gestartet. Ganz wie ihre Mutter, die mir im Lauf der Jahre ebenfalls die richtige Wortwahl eingetrichtert hat. Wenn ich aufs Klo muss, erkundige ich mich nie nach dem bathroom oder der toilet, sondern immer nach dem loo. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, was ein Ausländer sagt.

Irgendwann hat es die Mitarbeiterin aus der EU-Kommission aufgegeben. »I see. You are not a Facebook person«, mailte sie mir, nachdem sie mehrfach versucht hatte, mit mir Kontakt aufzunehmen. In der Tat, es berührt mich zwar jedes Mal, wenn Leute mich bei ihren Online-Profilen als »Freund/Freundin« hinzufügen oder »anstupsen« möchten. Ich lasse mich aber nicht hinzufügen. Vielleicht bin ich altmodisch, aber ich möchte nicht aller Welt Auskunft über mich und meinen Freundeskreis geben.

Dankbar bin ich der Kommissionsmitarbeiterin allerdings dafür, dass sie mir ein paar Tage später dennoch ungerührt eine E-Mail mit dem Betreff »Facebook in 40 Jahren« schickte. Darin abgebildet war eine fiktive Seite des Forums »pensionbook«. Sie gemahnt die jugendlichen Chatter daran, so habe ich das jedenfalls verstanden, worüber und wozu sie chatten können, wenn sie erst einmal das fortgeschrittene User-Alter erreicht haben.

Da gibt es zum Beispiel die Interessengruppen »Stricken« oder »Treppenlifte«. Im Nachrichtenkanal »sagt George Summner zu«, zu Edgar Jones’ Beerdigung zu kommen. »Drei deiner Freunde«, meldet der Meldungsautomat darunter, »wurden mit dem Spazierstock angestupst. – Zurückstupsen?« Und unter »Anstehende Ereignisse« kündigt sich spektakulär ein »Allein zu Hause herumsitzen!« an. Werbepartner der Seite ist Werthers Echte.

Ich überlege noch, ob dieses Menetekel meine Meinung ändern könnte. Vielleicht kann mich in vierzig Jahren noch mal jemand anstupsen?

 
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