Am 24. März 1999 begann der Kosovokrieg. Es war der erste Krieg, an dem sich die Bundesrepublik Deutschland beteiligte, ein Krieg gegen einen souveränen Staat, ohne UN-Mandat. Immer wieder war das Milošević-Regime durch den UN-Sicherheitsrat aufgefordert worden, die brutale Unterdrückung, Vertreibung und Ermordung der albanischen Bevölkerung im Kosovo zu beenden, ohne Erfolg. Am Ende monatelanger, ergebnisloser Verhandlungen, während derer das Morden im Kosovo andauerte, hatte sich die Nato zum Krieg entschlossen. "Wir können uns unserer Verantwortung nicht entziehen. Das ist der Grund, warum deutsche Soldaten zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg in einem Kampfeinsatz stehen", erklärte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) im Bundestag.

Es war eine rot-grüne Regierung, die am Vorabend der "Berliner Republik" mit der pazifistischen Tradition der "Bonner Republik" brach. Ausgerechnet die Parteien, die einer militärischen "Normalisierung" der deutschen Politik über Jahre hinweg skeptisch gegenübergestanden hatten, setzten nun die entscheidende außenpolitische Zäsur. Das stürzte SPD und Grüne in schwere Identitätskonflikte – und es half zugleich, die Entscheidung zu legitimieren. Denn niemand unterstellte SPD und Grünen einen ideologischen Hang zur militärischen Konfliktlösung, im Gegenteil. Gerade das verschaffte der Entscheidung eine Aura politisch-moralischer Ernsthaftigkeit.

Eine "bürgerliche" Regierung, so konnte man vermuten, hätte den Protest auf der Straße mobilisiert – und einen beachtlichen Teil des rot-grünen Spektrums gegen sich gehabt. So fand der Protest gegen den Krieg vorwiegend im Saal statt. Am heftigsten auf dem Parteitag der Grünen in Bielefeld im Mai, bei dem Joschka Fischer von einem Farbbeutel am Ohr getroffen wurde und sich danach in ambulante Behandlung begeben musste. Dennoch: Fast zwei Monate nach dem Beginn der Bombardements gegen Jugoslawien stimmten die Grünen für den Krieg. Sie beugten sich dem politisch-moralischen Druck zur humanitären Intervention – und dem Überlebensinteresse als Regierungspartei.

Was diese Entscheidung damals so unbehaglich erscheinen ließ, war das Ineinander des humanitären und des machtpolitischen Motivs. Noch bevor die rot-grüne Regierung überhaupt gebildet worden war, hatten sich die künftigen Partner unter dem Druck Washingtons bereit erklären müssen, sich an einem etwaigen Nato-Einsatz zu beteiligen. 15 Minuten, so heißt es, hätten Fischer und Schröder im Oktober 1998 Zeit gehabt, sich zu entscheiden. Der politische Lebenstraum der rot-grünen Generation hing plötzlich an ihrer Bereitschaft zum Krieg. Die sachlichen Argumente, die dafürsprachen, die serbische Ausrottungspolitik militärisch zu beenden, waren deshalb nicht falsch. Und doch lag über dem Entschluss ein Schatten machtpolitischen Opportunismus.

Was bleibt im kollektiven Gedächtnis von diesem Krieg? Wohl weniger die Bilder realer Kampfhandlungen, an denen deutsche Soldaten in ihren Tornados beteiligt waren. Eher schon der Begriff, der damals für die unbeabsichtigten zivilen Opfer des Krieges gebräuchlich wurde: "Kollateralschaden". In Erinnerung bleibt auch die Schärfe und die übertriebene Moralisierung, mit der die Befürworter den Einsatz verteidigten. Wer sich der Logik des "gerechten Krieges" nicht beugen wollte, geriet schnell in die Nähe serbischer Mittäterschaft. "Wo sind die mehreren Tausend Männer aus Srebrenica?", herrschte Joschka Fischer Gregor Gysi im Bundestag an. "In welchem Massengrab liegen sie? Wer trägt dafür die Verantwortung?"

Der Pazifismus der dreißiger Jahre habe Auschwitz erst möglich gemacht: Mit dieser Polemik hatte einst Heiner Geißler die Grünen in Rage versetzt. 15 Jahre später war es plötzlich ein grüner Außenminister, der diese Schuldkonstruktion aktualisierte: Wer auf seinem Pazifismus beharre, nehme den ungehinderten Völkermord in Kauf. "Ich habe", sagte Fischer, "aus der Geschichte nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg, sondern auch: Nie wieder Auschwitz."

Dabei hätte es zur Begründung des Krieges gar keiner großen Aufladung mehr bedurft. Denn die Bereitschaft zur Intervention in Jugoslawien war durch die lange Phase der Nichtintervention in den frühen neunziger Jahren längst bereitet. Nur weil Europa und die USA lange zugeschaut hatten, wie im bosnischen Krieg 200000 Menschen den Tod fanden, waren sie nun entschlossen, im Kosovo eine Wiederholung nicht zuzulassen.

"Das wird in wenigen Tagen vorbei sein" , vermutete Madeleine Albright zu Beginn der Angriffe. Es dauerte am Ende elf lange Wochen, in denen die Nato serbische Städte und Einrichtungen bombardierte, ohne dass sie ihrem Ziel – dem Ende der Vertreibungen im Kosovo und dem Rückzug der serbischen Truppen – sichtbar näher kam. Im Gegenteil. Die Angriffe aus der Luft eskalierten die Lage am Boden. Die Flüchtlingsströme drohten die ganze Region zu destabilisieren. In Serbien schien die Solidarität mit Milošević ungebrochen. Der Diktator kalkulierte mit der Unfähigkeit demokratischer Gesellschaften, auf Dauer Krieg zu führen. Milošević setzte auf den Zerfall der Koalition. Und in der Tat, Woche für Woche schien es unwahrscheinlicher, dass der Luftkrieg den Diktator bezwingen würde. Erst als es dem Westen gelang, Russland aus dem Bündnis mit Serbien herauszubrechen, lenkte er ein.

"Wir wollen miteinander einen multiethnischen und demokratischen Kosovo, in dem alle Menschen in Frieden und Sicherheit leben können", so hatte es der Bundeskanzler in fast schon naiver Tonlage im Bundestag erklärt. Der Krieg befreite die albanische Bevölkerung von der serbischen Unterdrückung. Doch die Perspektive eines multiethnischen Kosovos als Teil einer Republik Jugoslawien war am Ende des Krieges schon unrealistisch geworden. Aus dem befreiten Kosovo flüchtete jetzt die serbische Minderheit. Und die Stationierung von Nato-Truppen nach dem Ende der Kämpfe erwies sich als die Vorstufe zur Abtrennung des Kosovos aus Serbien.