Kosovo Der linke Krieg

Kosovo, zehn Jahre danach: War es richtig, dass sich deutsche Soldaten 1999 am Nato-Kampfeinsatz beteiligten?

Mai 1999: Jugoslawien-Flüchtlinge in Albanien beoachten einen US-Helikopter mit Hilfslieferungen

Mai 1999: Jugoslawien-Flüchtlinge in Albanien beoachten einen US-Helikopter mit Hilfslieferungen

Am 24. März 1999 begann der Kosovokrieg. Es war der erste Krieg, an dem sich die Bundesrepublik Deutschland beteiligte, ein Krieg gegen einen souveränen Staat, ohne UN-Mandat. Immer wieder war das Milošević-Regime durch den UN-Sicherheitsrat aufgefordert worden, die brutale Unterdrückung, Vertreibung und Ermordung der albanischen Bevölkerung im Kosovo zu beenden, ohne Erfolg. Am Ende monatelanger, ergebnisloser Verhandlungen, während derer das Morden im Kosovo andauerte, hatte sich die Nato zum Krieg entschlossen. »Wir können uns unserer Verantwortung nicht entziehen. Das ist der Grund, warum deutsche Soldaten zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg in einem Kampfeinsatz stehen«, erklärte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) im Bundestag.

Es war eine rot-grüne Regierung, die am Vorabend der »Berliner Republik« mit der pazifistischen Tradition der »Bonner Republik« brach. Ausgerechnet die Parteien, die einer militärischen »Normalisierung« der deutschen Politik über Jahre hinweg skeptisch gegenübergestanden hatten, setzten nun die entscheidende außenpolitische Zäsur. Das stürzte SPD und Grüne in schwere Identitätskonflikte – und es half zugleich, die Entscheidung zu legitimieren. Denn niemand unterstellte SPD und Grünen einen ideologischen Hang zur militärischen Konfliktlösung, im Gegenteil. Gerade das verschaffte der Entscheidung eine Aura politisch-moralischer Ernsthaftigkeit.

Eine »bürgerliche« Regierung, so konnte man vermuten, hätte den Protest auf der Straße mobilisiert – und einen beachtlichen Teil des rot-grünen Spektrums gegen sich gehabt. So fand der Protest gegen den Krieg vorwiegend im Saal statt. Am heftigsten auf dem Parteitag der Grünen in Bielefeld im Mai, bei dem Joschka Fischer von einem Farbbeutel am Ohr getroffen wurde und sich danach in ambulante Behandlung begeben musste. Dennoch: Fast zwei Monate nach dem Beginn der Bombardements gegen Jugoslawien stimmten die Grünen für den Krieg. Sie beugten sich dem politisch-moralischen Druck zur humanitären Intervention – und dem Überlebensinteresse als Regierungspartei.

Anzeige

Was diese Entscheidung damals so unbehaglich erscheinen ließ, war das Ineinander des humanitären und des machtpolitischen Motivs. Noch bevor die rot-grüne Regierung überhaupt gebildet worden war, hatten sich die künftigen Partner unter dem Druck Washingtons bereit erklären müssen, sich an einem etwaigen Nato-Einsatz zu beteiligen. 15 Minuten, so heißt es, hätten Fischer und Schröder im Oktober 1998 Zeit gehabt, sich zu entscheiden. Der politische Lebenstraum der rot-grünen Generation hing plötzlich an ihrer Bereitschaft zum Krieg. Die sachlichen Argumente, die dafürsprachen, die serbische Ausrottungspolitik militärisch zu beenden, waren deshalb nicht falsch. Und doch lag über dem Entschluss ein Schatten machtpolitischen Opportunismus.

Was bleibt im kollektiven Gedächtnis von diesem Krieg? Wohl weniger die Bilder realer Kampfhandlungen, an denen deutsche Soldaten in ihren Tornados beteiligt waren. Eher schon der Begriff, der damals für die unbeabsichtigten zivilen Opfer des Krieges gebräuchlich wurde: »Kollateralschaden«. In Erinnerung bleibt auch die Schärfe und die übertriebene Moralisierung, mit der die Befürworter den Einsatz verteidigten. Wer sich der Logik des »gerechten Krieges« nicht beugen wollte, geriet schnell in die Nähe serbischer Mittäterschaft. »Wo sind die mehreren Tausend Männer aus Srebrenica?«, herrschte Joschka Fischer Gregor Gysi im Bundestag an. »In welchem Massengrab liegen sie? Wer trägt dafür die Verantwortung?«

Der Pazifismus der dreißiger Jahre habe Auschwitz erst möglich gemacht: Mit dieser Polemik hatte einst Heiner Geißler die Grünen in Rage versetzt. 15 Jahre später war es plötzlich ein grüner Außenminister, der diese Schuldkonstruktion aktualisierte: Wer auf seinem Pazifismus beharre, nehme den ungehinderten Völkermord in Kauf. »Ich habe«, sagte Fischer, »aus der Geschichte nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg, sondern auch: Nie wieder Auschwitz.«

Dabei hätte es zur Begründung des Krieges gar keiner großen Aufladung mehr bedurft. Denn die Bereitschaft zur Intervention in Jugoslawien war durch die lange Phase der Nichtintervention in den frühen neunziger Jahren längst bereitet. Nur weil Europa und die USA lange zugeschaut hatten, wie im bosnischen Krieg 200000 Menschen den Tod fanden, waren sie nun entschlossen, im Kosovo eine Wiederholung nicht zuzulassen.

»Das wird in wenigen Tagen vorbei sein« , vermutete Madeleine Albright zu Beginn der Angriffe. Es dauerte am Ende elf lange Wochen, in denen die Nato serbische Städte und Einrichtungen bombardierte, ohne dass sie ihrem Ziel – dem Ende der Vertreibungen im Kosovo und dem Rückzug der serbischen Truppen – sichtbar näher kam. Im Gegenteil. Die Angriffe aus der Luft eskalierten die Lage am Boden. Die Flüchtlingsströme drohten die ganze Region zu destabilisieren. In Serbien schien die Solidarität mit Milošević ungebrochen. Der Diktator kalkulierte mit der Unfähigkeit demokratischer Gesellschaften, auf Dauer Krieg zu führen. Milošević setzte auf den Zerfall der Koalition. Und in der Tat, Woche für Woche schien es unwahrscheinlicher, dass der Luftkrieg den Diktator bezwingen würde. Erst als es dem Westen gelang, Russland aus dem Bündnis mit Serbien herauszubrechen, lenkte er ein.

»Wir wollen miteinander einen multiethnischen und demokratischen Kosovo, in dem alle Menschen in Frieden und Sicherheit leben können«, so hatte es der Bundeskanzler in fast schon naiver Tonlage im Bundestag erklärt. Der Krieg befreite die albanische Bevölkerung von der serbischen Unterdrückung. Doch die Perspektive eines multiethnischen Kosovos als Teil einer Republik Jugoslawien war am Ende des Krieges schon unrealistisch geworden. Aus dem befreiten Kosovo flüchtete jetzt die serbische Minderheit. Und die Stationierung von Nato-Truppen nach dem Ende der Kämpfe erwies sich als die Vorstufe zur Abtrennung des Kosovos aus Serbien.

Leser-Kommentare
  1. Wenn die Intervention im Kosovo richtig gewesen sein soll, dann hätte man aus dem selben Grund auch Militärschläge gegen Israel durchführen müssen um das Massaker zu verhindern. Bevor jetzt wieder jemand mit Hamas und Raketenbeschuss kommt: Die Kosovoalbaner und Kroaten waren sicherlich auch keine Engel. Die Heuchelei schreit hier zum Himmel. Fischer wollte ein "neues Auschwitz" verhindern und schuf dabei ein neues Auschwitz für die serbische Zivilbevölkerung. Es ist eine Schande dass der Mann hier in Deutschland überhaupt noch was zu sagen hat.

  2. Man müsste versuchen militärische aufrüstung der weltpolizei überlassen, und ich meine nicht jetzt GB bzw.USA die haben genug schaden angerichtet. In meiner kultur denken wir nicht im hir und jetzt. wir denken globaler, wir denken an unsere Enkel. Sollen sie über Mienenfelder laufen?

  3. Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    In dieser Angelegenheit scheinen die Deutschen Spezialisten zu sein, zum damaligen Zeitpunkt fast genau 60 Jahre zuvor, hatte man schon mal mit einer lüge Polen überfallen und damit den 2WK ausgelöst.
    (Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf NS-Vergleiche. Die Redaktion/jk)

    In dieser Angelegenheit scheinen die Deutschen Spezialisten zu sein, zum damaligen Zeitpunkt fast genau 60 Jahre zuvor, hatte man schon mal mit einer lüge Polen überfallen und damit den 2WK ausgelöst.
    (Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf NS-Vergleiche. Die Redaktion/jk)

  4. hätte den Serben gegen die albanische Landnahme helfen sollen!
    Naja es kam anders, mit dem Ergebnis, eines Mafia Clan Regimes islamischer Prägung mitten in Europa.
    Super Politik.
    Der Autor glaubt aber immer noch den Märchenerzählern von der UCK.
    Auf das Gejammere aus Pallywood fallen ja auch die Meisten rein.
    (Anmerkung: Bitte tragen Sie zu einer sachbezogenen Debatte bei. Die Redaktion/jk)

  5. Durch den Einsatz gegen Serbien hat die Internationale Gemeinschaft mit dem Kosovo wirklich einen Musterstaat geschaffen: (siehe auch: http://www.zeit-fragen.ch... Deutschland braucht noch ein paar Jahre, um dieses Niveau zu erreichen)! Die damalige Akteure einer Rot-Grünen Koalition können wirklich stolz darauf sein, dass sie daran mitgewirkt haben. Ihren Verdienst hat natürlich auch die heutige Bundesregierung, welche die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt hat. Ich freue mich schon jetzt auf den Beitritt des Kosovo zur EU, vermutlich haben sich dann die entsprechenden Gesellschaften auch schon hinreichend aufeinander zuentwickelt, bereits jetzt sind ja in Deutschland und anderswo in Europa Experten dabei, eine reibungslose Transformation zu gewährleisten.

  6. In dieser Angelegenheit scheinen die Deutschen Spezialisten zu sein, zum damaligen Zeitpunkt fast genau 60 Jahre zuvor, hatte man schon mal mit einer lüge Polen überfallen und damit den 2WK ausgelöst.
    (Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf NS-Vergleiche. Die Redaktion/jk)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich bin auch Deutscher und habe immer entschieden die Jugoslavien Kriege abgelehnt. Alleine weil gar nicht klar war, wer die Guten und wer die Bösen waren. Serbien bekam den schwarzen Peter vorallem weil es tratditioneller Verbündeter Russlands war. Aus strategischen Gründen wollte man diesen Staat zerstören und zu einem Mini-Staat degradieren.

    Ich bin auch Deutscher und habe immer entschieden die Jugoslavien Kriege abgelehnt. Alleine weil gar nicht klar war, wer die Guten und wer die Bösen waren. Serbien bekam den schwarzen Peter vorallem weil es tratditioneller Verbündeter Russlands war. Aus strategischen Gründen wollte man diesen Staat zerstören und zu einem Mini-Staat degradieren.

  7. Wie schon im Beitrag 3 verlinkt, gibt es ernsthafte Belege dafür, dass der sogenannte Hufeisenplan, auf den Joschka seine Auschwitzargumentation aufbaute, eine Fälschung war.

    Gerade vor ein paar Tagen gab es die sehr interessante Meldung, dass der Chef des serbischen Geheimdienstes unter Milosevic und Verantwortliche für unzählige Menschenrechtsverletzungen wohl ein CIA Agent war.

    http://www.sundayherald.c...

    http://leninology.blogspo...

    Welch ein reiches Recherchefeld für mutige Journalisten!

    Was soll man von einem Journalismus halten, der diese Punkte auslässt, von "Vernichtung" spricht, d.h., weiterhin der nicht mehr haltbaren Völkermordsthese anhängt und weiter der absurden Legende von der "moralischen Natur" der Kriege des westlichen Bündnisses anhängt?

    Ich denke, die Antwort auf diese Frage ist sehr einfach: NICHTS!

    v.

  8. Der Autor wischt die Kritik der letzten auch 10 Jahre einfach beiseite (bzw. nennt sie gar nicht).

    2 Punkte für alle zur Erinnerung (ich will hier nicht erneut das ganze Fass aufmachen, hat ja eh keinen Sinn):

    - der albanische Nationalismus gegenüber den Serben ist älter als Jugoslavien (es gabe eine albanische SS-Einheit, die massenhaft ihre serbischen Nachbarn massakrierte -damals gab es im Kosovo noch mehr Serben als Albaner)

    - nicht nur die serbische Minderheit floh/ wurde vertrieben, nein auch alle anderen Minderheiten (Juden, Roma usw.). Wer war dann wohl der Nationalist?

    Na immer noch so klar wer hier die Guten und wer die Bösen sind. Man darf eben nicht jedem Journalisten glauben - da ist häufig Unvermögen und politische Parteiung im Spiel.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service