AtomenergieAlles unter Kontrolle

Im März 1979 kommt es im US-Atomkraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg erstmals zu einer Kernschmelze – Auslöser ist eine unbedeutende Panne. Das Protokoll einer Beinahekatastrophe von Manfred Kriener

Das AKW Three Mile Island bei Harrisburg in dem US-Bundesstaat Pennsylvania nach dem Unglück

Das AKW Three Mile Island bei Harrisburg in dem US-Bundesstaat Pennsylvania nach dem Unglück  |  © AFP/Getty Images

Vor 30 Jahren, im März 1979, geschah, was nach Prognosen von Atomgutachtern praktisch ausgeschlossen war: Der Reaktorblock eines Atomkraftwerks geriet außer Kontrolle. Es passierte im AKW Three Mile Island bei Harrisburg , der Hauptstadt des US-Bundesstaats Pennsylvania . Eine ganze Woche lang kämpften die Operateure der Betreiberfirma Metropolitan Edison Company und eine kontinuierlich anschwellende Expertenschar gegen das Inferno. Die erste Kernschmelze in einem Großreaktor konnten sie nicht verhindern. Als tonnenschwerer Sturzbach ergoss sich das weiß glühende Reaktorherz auf den Grund des Druckbehälters. Fast drei Viertel des Kerns aus 36.816 Brennstäben, gebündelt in 177 Brennelementen, waren bei Temperaturen nahe 2800 Grad geschmolzen. Noch lange grübelten Fachleute, warum das Stahlgefäß der ungeheuren Belastung standhielt und die radioaktive Glut sich nicht durch den Reaktor hindurchfressen konnte. Bis heute gibt es keine überzeugendere Antwort als: Glück gehabt.

Mehrere Hunderttausend Menschen in Harrisburg, Royalton, Goldboro, Middletown, Hummelstown und Hershey waren mit dem Schrecken (und mehreren radioaktiven Dampfwolken) davongekommen. 144.000 Anwohner hatten die Flucht ergriffen oder waren evakuiert worden. Harrisburg markierte den bis dahin schwersten Unfall in der Geschichte der Atomindustrie. "Ein Erdbeben, das die Menschen aus dem Kinderglauben gerissen hat, dass Atomenergie eine Technik wie jede andere ist", schrieb stern- Autor Heinrich Jaenecke. "Harrisburg hat den Propagandanebel zerrissen."

Anzeige

Es ist Mittwoch, der 28. März 1979, 4.00 Uhr morgens, als Anwohner ein donnerndes Geräusch hören. Es kommt aus dem zweiten Reaktorblock, der erst wenige Wochen zuvor, am 30. Dezember 1978, in Betrieb gegangen ist. In dem Kraftwerk haben sich gerade zwei Wasserpumpen im nichtradioaktiven Kreislauf von selbst abgeschaltet. In das pneumatische Steuerungssystem ist ein wenig Feuchtigkeit eingedrungen und hat die Abschaltung ausgelöst. Der Defekt bedeutet keine besondere Gefahr, aber er ist für die Sicherheit doch relevant. Denn die Pumpen halten die Zirkulation des Kühlwassers in Schwung, die dafür sorgt, dass die im Reaktorkern bei der Atomspaltung produzierte Hitze ständig abgeführt wird. Dies geschieht über den Wärmetauscher, wo ein Teil der Wärme des Primärkreislaufs an den zweiten, den nichtradioaktiven Kühlkreislauf abgegeben wird.

Wenn die Pumpen ausfallen, müssen die Notspeisewasserpumpen ihre Arbeit übernehmen und für den notwendigen Nachschub an Kühlwasser sorgen. Ohne Verzögerung springen die beiden Reservemaschinen an, die Operateure überzeugen sich durch einen Blick auf die Schalttafel. Was sie nicht sehen: Der Wasserzufluss für die beiden Notpumpen ist blockiert. Bei den letzten Wartungsarbeiten sind versehentlich zwei Ventile nicht wieder geöffnet worden. Wie jede Hausfrau beim Verlassen ihrer Wohnung fest davon überzeugt ist, den Elektroherd abgeschaltet zu haben, so beeiden auch die für die letzte Wartung verantwortlichen Atomwerker Earl Hemmila und Martin Cooper bei späteren Vernehmungen, dass sie nach ihrem Routinecheck die Ventile wieder in die vorschriftsmäßige Offenstellung gebracht haben.

Doch an diesem Mittwochmorgen sind die Ventile definitiv geschlossen, die ordnungsgemäß arbeitenden Reservepumpen drücken das Kühlwasser pausenlos in eine gesperrte Leitung. Auf dem Steuerpult der Anlage, wo 1600 Anzeiger und Lämpchen den Betriebszustand vielfarbig kommunizieren, hätten die Reaktorfahrer die falsche Ventilstellung erkennen können. Ein kleiner gelber Reparaturzettel verdeckt aber einen der zwei Ventilanzeiger, und die Bediener haben ja auch keinerlei Grund, eine falsche Position zu vermuten.

Als Folge der gesperrten Zuflüsse wird die Wärme des Reaktors nicht mehr ausreichend abgeführt. Temperatur und Druck im Reaktorkern steigen, das heißer werdende Wasser dehnt sich aus wie ein Ballon. Zur Entlastung öffnet sich ein Überdruckventil PORV (pilot operated relief valve), Wasser und Dampf schießen röhrend aus dem Druckhaltertank des TMI-2-Reaktors. Nur acht Sekunden sind seit dem Ausfall der Speisewasserpumpen vergangen. Und schon wieder reagieren die Sicherheitssysteme des Kraftwerks. Sie leiten wegen der Störung vollautomatisch die Schnellabschaltung ein. 69 Steuerstäbe, die den Neutronenfluss abbremsen, fallen wie rettende Engel zwischen die Brennstäbe des Reaktorkerns. Sekunden später ist die Kernspaltung unterbrochen, das Reaktorherz von TMI-2 beruhigt sich und produziert keine direkte Reaktionswärme mehr. Nur die heimtückische Nachzerfallswärme des nuklearen Prozesses, die etwa sechs Prozent ausmacht, heizt jetzt noch ein. Auch sie muss zuverlässig abgeführt werden, um ein Überhitzen zu verhindern.

Weitere 13 Sekunden vergehen. Nach der Schnellabschaltung sinken Temperatur und Druck. Das Messgerät zeigt 155 bar, jetzt müsste sich das Überdruckventil wieder schließen. Ein Signal auf der Schalttafel bestätigt, dass der Schließbefehl angekommen ist, aber eben nur der Befehl. Aus unerklärlichen Gründen klemmt das PORV. Es bleibt für die nächsten zwei Stunden und 22 Minuten geöffnet und wird zur infernalischen Schwachstelle.

Leserkommentare
  1. ...ist ein schöner Euphemismus. Tatsächlich war es doch wohl so, dass ein Kraftwerksmitarbeiter aus Schlamperei und/oder Dummheit die Druckluftleitung mit der Wasserleitung verbunden hat. Die Tatsache, dass beide Leitungssysteme kompatible Anschlussstutzen aufweisen, ist ein Konstruktionsfehler dieses Kraftwerkstyps.

  2. Genau t_schmidt, menschliches Versagen war die Hauptursache dieser Katastrophe. Und Konstruktionsfehler treten immer wieder auf, der Teufel steckt in Detail.

    Ich danke der ZEIT für diesen Beitrag. Allerdings ist es nun in Japan nicht so verlaufen wie in Harrisburg. Das hat auch sehr viel mit der Konstruktion des Kraftwerks zu tun und mit der Tatsache, dass in Fukushima viele andere Anlagen des Kraftwerks zerstört wurden. Dieser Unfall liegt derzeit auf Platz 2 hinter Tschernobyl und vor Harrisburg. Leider.

    • dschun
    • 15. März 2011 14:31 Uhr

    Auf youtube gibt es diesbezüglich eine erhellende Dokumentation. Da sieht man mal, wie so eine Schaltzentrale im Jahre 1979 ausgesehen hat.

    In England gab es Anfang der 1950er ein Unglück im ersten AKW. Auch da gibt's eine sehenswerte Doku, die einen die Starrsinnigkeit von Wissenschaftlern und Politikern schonungslos vor Augen führt. Die Leutchen waren der festen Meinung, dass nicht Wasser, sondern eingeblasene kalte Luft den Reaktorkern kühlen sollte. Hm.

  3. Ist das nicht eigentlich ein Beispiel dafür dass es am Ende an an der Dummheit des Menschen lag?

    Eine Maschine ist nur so gut wie der Mensch der sie bedient.

  4. Damals mag er zu Recht das Vertrauen in die Kernenergie verringert haben - heute ist dies ohne Bedeutung.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Jimmy Carter | Island | Harrisburg | USA | Pennsylvania
Service