Atomenergie Alles unter KontrolleSeite 4/4

Um 9.06 Uhr schickte der Nachrichtendienst Associated Press eine erste Meldung über die Fernschreiber. In einem Reaktor von Three Mile Island gebe es einen Notstand, durch ein nicht näher bezeichnetes Leck sei Radioaktivität entwichen. Die Betreiberfirma habe mit dem Polizeihubschrauber ein Überwachungsteam eingeflogen.

Um 9.15 Uhr wurde US-Präsident Jimmy Carter von der Atomaufsichtsbehörde informiert. In den nachfolgenden Stunden häuften sich Erklärungen und Interviews von Regierungsstellen, Polizeisprechern, Gouverneuren und Atomexperten – der Bienenkorb summte. Der Vize-Gouverneur von Pennsylvania, Bill Scranton, der die Notfallmaßnahmen überwachte, erklärte den versammelten Journalisten am späten Vormittag: »Alles ist unter Kontrolle. Es gibt und gab keine Gefahr für Gesundheit und Sicherheit der Bevölkerung. Es sind geringe Mengen Radioaktivität freigesetzt worden. Alle Sicherheitseinrichtungen arbeiten zur vollen Zufriedenheit.«

Nur einmal in 100.000 Jahren könne so etwas passieren

Im Reaktor kämpften die Operateure verzweifelt weitere fünf Tage. Inzwischen bangte die ganze Welt mit. Hoffnung in Harrisburg, hieß am 3. April 1979 die Schlagzeile der FAZ auf Seite eins. Der Meiler sei wieder stabil, die »in die Luft abgegebene Radioaktivität hat bislang nicht zur Verseuchung der untersten Luftschichten oder des Bodens geführt«.

Wie viel Radioaktivität tatsächlich entwichen war und wie viele Menschen deshalb an Krebs erkrankten, wird für immer umstritten bleiben. Der offizielle Untersuchungsbericht wollte es dennoch ganz genau wissen und bezifferte die Strahlenbelastung im Umkreis von acht Kilometern zum Reaktor auf »10 Prozent der jährlichen natürlichen Strahlenexposition«. Die Frauen von Harrisburg, die sich nach dem Unfall zusammenschlossen, hatten dazu ihre eigene Meinung: »Wir werden nie erfahren, wie viel wir wirklich abbekommen haben.«

Der alles zerstörende GAU konnte auf Three Mile Island mit viel Glück gerade noch vermieden werden. Aber Harrisburg wurde zum Fanal. Die Kernkraft-Konjunktur hatte schon vorher einen Einbruch erlebt, nun beschleunigte sich der Niedergang. Allein in den USA, wo heute noch 104 Meiler am Netz sind, wurden mehr als 100 Bauprojekte aufgegeben. Die Kernschmelze war kein Hirngespinst von Berufsdemonstranten und Latzhosenbrigaden mehr, sie war bittere Realität. Nur einmal in 100.000 Jahren, so hatten Experten die Skeptiker einst beruhigt, könne so etwas passieren. »Kinder, wie die Zeit vergeht!«, höhnten jetzt die Atomgegner.

Der Autor ist Journalist und einer der beiden Chefredakteure des neuen Umweltmagazins »zeozwei«

 
Leser-Kommentare
  1. ...ist ein schöner Euphemismus. Tatsächlich war es doch wohl so, dass ein Kraftwerksmitarbeiter aus Schlamperei und/oder Dummheit die Druckluftleitung mit der Wasserleitung verbunden hat. Die Tatsache, dass beide Leitungssysteme kompatible Anschlussstutzen aufweisen, ist ein Konstruktionsfehler dieses Kraftwerkstyps.

  2. Genau t_schmidt, menschliches Versagen war die Hauptursache dieser Katastrophe. Und Konstruktionsfehler treten immer wieder auf, der Teufel steckt in Detail.

    Ich danke der ZEIT für diesen Beitrag. Allerdings ist es nun in Japan nicht so verlaufen wie in Harrisburg. Das hat auch sehr viel mit der Konstruktion des Kraftwerks zu tun und mit der Tatsache, dass in Fukushima viele andere Anlagen des Kraftwerks zerstört wurden. Dieser Unfall liegt derzeit auf Platz 2 hinter Tschernobyl und vor Harrisburg. Leider.

    • dschun
    • 15.03.2011 um 14:31 Uhr

    Auf youtube gibt es diesbezüglich eine erhellende Dokumentation. Da sieht man mal, wie so eine Schaltzentrale im Jahre 1979 ausgesehen hat.

    In England gab es Anfang der 1950er ein Unglück im ersten AKW. Auch da gibt's eine sehenswerte Doku, die einen die Starrsinnigkeit von Wissenschaftlern und Politikern schonungslos vor Augen führt. Die Leutchen waren der festen Meinung, dass nicht Wasser, sondern eingeblasene kalte Luft den Reaktorkern kühlen sollte. Hm.

  3. Ist das nicht eigentlich ein Beispiel dafür dass es am Ende an an der Dummheit des Menschen lag?

    Eine Maschine ist nur so gut wie der Mensch der sie bedient.

  4. Damals mag er zu Recht das Vertrauen in die Kernenergie verringert haben - heute ist dies ohne Bedeutung.

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