Argentinien Bis der Atem stocktSeite 3/3
Das Viadukt, einer der technisch schwierigsten Bauabschnitte der Strecke, gilt heute als Meisterwerk. Sein längster Pfeiler misst 67 Meter. »Die Eisenträger wurden eigens aus Italien angeschifft«, sagt Evelia. Das weiß sie nicht aus Büchern, ihre Großmutter hat es ihr erzählt. Die wohnte als kleines Mädchen direkt neben der Baustelle. »Und ihre Mutter, meine Uroma also, wusch die Wäsche der Arbeiter und verkaufte ihnen Feuerholz«, sagt Evelia und sieht dabei ein bisschen stolz aus. Sie gehört zur vierten Generation der Familie, die mit und von dem Zug lebt. Die strohgedeckte Hütte der Urgroßmutter steht noch im Tal des Viadukts. Darin ist heute ein Souvenirladen, in dem Evelias Tante arbeitet. Und daneben wurde das einzige Restaurant weit und breit erbaut. Für die Trainspotter, die im eigenen Auto anreisen, um den Zug aus der Froschperspektive zu fotografieren. »Meine Großmutter hatte den Rummel irgendwann satt. Sie hütet lieber Schafe in den Bergen«, sagt Evelia. Mit ihren dunklen Augen mustert sie die mitfahrenden Touristen, dann schaut sie durchs Fenster.
Fast 70 Meter geht es rechts und links des Viadukts in die Tiefe. »Nichts für mich!«, sagt die Frau des Zugführers aus Buenos Aires und setzt sich auf ihren Platz am Gang. Evelia lehnt still am Fenster, zum ersten Mal sieht sie das Häuschen ihrer Urgroßmutter von hier oben. Die Schaukel, auf der sie als Kind hin- und herschwang, ist nur mehr ein kleiner Punkt. »Es ist genauso schön, wie ich es mir vorgestellt habe«, sagt sie.
Nach seiner Ankunft in San Antonio de los Cobres hält der Zug 15 Minuten lang. Zeit zum Beinevertre- ten. Ein Mann mit silbrig glänzender Brille begrüßt die Fahrgäste auf dem Bahnsteig, seit 15 Jahren ist er Stationsvorsteher. »Wir sind froh, dass el tren wieder fährt«, sagt Luis Roberto Cari und rückt seine Schirmmütze zurecht. Auch während der zwei Jahre, in denen der Zugverkehr eingestellt war, kam Cari täglich zu seinem Arbeitsplatz. Schließlich musste der Bahnhof in Schuss gehalten werden. Nun sichert der Zug wieder seine Existenz. Und nicht nur seine.
Dutzende von Kunsthandwerkern haben ihre Stände aufgebaut. Sie bieten den Passagieren Miniatur-Lamas, Wollponchos und Kräutertee an. Der Andenkenhandel ist ihre einzige Chance, ein paar Pesos zu verdienen, nachdem viele Minen in San Antonio de los Cobres geschlossen wurden. »Für uns wäre es viel besser, wenn die Touristen über Nacht blieben«, sagt eine Verkäuferin. Sie trägt eine hellblaue Wolljacke und einen Hut mit breiter Krempe, vor ihr liegen selbst gestrickte Schals und Westen. »Es gibt nur Rückfahrtickets für denselben Tag, das ist schlecht für uns.« Außer Evelia bleibt kein Fahrgast in der Puna. »Das mit dem Tourismus in San Antonio ist erst im Aufbau«, sagt sie. Es klingt wie eine Entschuldigung. Und ein bisschen, als mache sie sich selbst Mut. »Ich hätte so gerne den Leuten unseren Sternenhimmel gezeigt.« Schon klatschen die Zugbegleiter in die Hände: »Vamos, weiter geht’s!« Die Türen schließen, die Reise zurück ins Tal beginnt. Evelia winkt dem Zug hinterher, als säßen darin alte Freunde.
INFORMATION
Anreise: Zum Beispiel mit Iberia oder Lufthansa nach Buenos Aires, weiter mit dem Bus (circa 18 Stunden bis Salta) oder mit LAN, Andes oder Aerolíneas Argentinas
Unterkunft: Hostería de las Nubes in San Antonio de los Cobres, DZ ab 40 Euro, www.hosteriadelasnubes.com.ar
Zug zu den Wolken: Er fährt mittwochs, freitags und sonntags um 7.05 Uhr ab Salta, Estación Belgrano. Das Ticket kostet 140 Dollar für Touristen, 100 Dollar für Einheimische. Von Dezember bis Februar fährt der Zug nicht wegen der starken Regenfälle in der Region, www.trenalasnubes.com.ar
- Datum 20.03.2009 - 10:01 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 19.03.2009 Nr. 13
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






das liest sich schön. reisen ist eh eine schöne sache- wenn sie nicht so teuer wäre.
übrigens müsste es "Druck in den Ohren" heissen und nicht "..auf den Ohren".
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren