Die Krähe hat, anders als der Rabe, keinen guten Ruf, auch wenn sie ihresgleichen kein Auge aushackt. The Murder of Crows, so der Titel der Mixed Media Klanginstallation von Janet Cardiff und ihrem Partner George Bures Miller, kann beides heißen: Der Mord der Krähen oder der Mord an den Krähen. Doch sind die kanadischen Künstler keine Sprach-Haarspalter, sondern Klang-Collagierer und Bild-Evokationisten. Und so bleiben die Krähen in ihrem Stück ein eher akustisch wiederkehrendes Repoussoir. Dafür fließt sehr hörbar Katzenblut aus einer Maschine, in der die Tiere zu Hack gemacht wurden.

In der großen, von tonnenschweren oder auch leichteren Meisterwerken des 20. Jahrhunderts entleerten Halle des Hamburger Bahnhofs stehen braune Klappstühle, locker in der Mitte und um einen Tisch herum verteilt, auf dem ein alter Trichterlautsprecher liegt. Auf einigen dieser Stühle sitzen Lautsprecher, auf den anderen Zuhörer, über den Raum verteilt stehen Ständer mit Lautsprechern, andere baumeln an Kabeln von der Decke, mal höher, mal tiefer, 98 sind es insgesamt. Im Hintergrund stapeln sich 20 Verstärker und ein Computer, auf dem das Programm abläuft.

Sitzen oder gehen? Man kann und muss beides machen, um das halbstündige Klang- und Text-Spiel einerseits von der Mitte aus in seinem Ablauf zu verfolgen, andererseits wandernd in der räumlichen Aufspaltung der Stimmen und Geräusche zu hören. Strukturiert wird das Stück durch drei Texte, die Janet Cardiff geschrieben hat, Notate von Träumen, die sie mit brüchiger, erschrocken verlockender Stimme vorliest. Der erste Traum handelt von mörderischen Maschinen, die Mensch und Tier zerlegen. Und die Geräusche dieser Gewaltakte und elektronische Klänge sind die martialische Begleitmusik.

Der zweite Traum trägt sich in einem mörderischen Land zu, wo junge Menschen von Kommandanten in Ketten geworfen werden und einem, der entfliehen will, der Fuß amputiert werden soll. Dazu russische Marsch- und Revolutionslieder, das Krächzen der Krähen und Rauschen der Wellen. Der dritte Traum, er spielt in einem Holzhaus hinter irgendwelchen Dünen, zieht von der mörderischen Idylle des privaten Refugiums die Bettdecke weg, ein Bein mit einem Joggingschuh liegt darunter, Gesang ertönt, der in ein Wiegenlied übergeht. Ende der schwarzen Oper, deren Wirkung sich in der bahnhofshellen Halle aus harten Kontrasten aufbaut: Pathos und Banalität, Poesie und Materialität treffen dreidimensional im Raum und vielkanalig im Klang zusammen. Eine Installation, die einen nicht ins Schwärmen, sondern zum Schweigen bringt.

»Das Ohr ist ein Organ der Angst«, schrieb der Philosoph Ludwig Feuerbach, »hätte der Mensch nur Augen, Hände, Geschmacks- und Geruchssinn, dann hätte er keine Religion, denn jene Sinnesorgane sind Organe der Kritik und des Skeptizismus.« Das Organ der Angst, das natürlich auch das Organ der Freude ist, ist ein direkteres, ungeschützteres Einfallstor menschlicher Wahrnehmung als das Auge. Als sie von ihrem kleinen, stillen Heimatort in die große Stadt zum Studium zog, so erinnert sich Janet Cardiff, da gab es zu viele Geräusche, da traute sie sich kaum über die Straße. »Kanada ist ein stilles Land«, sagt sie. Die Stillen im Lande heißt ein Radiohörspiel, das ihr Landsmann, der geniale Pianist und Exzentriker Glenn Gould, im Jahr 1973 aus Tonbändern von einer Reise in den Norden collagiert hat, damals noch in Handarbeit.

Janet Cardiff machte sich, nachdem sie ein Studium als Grafikerin abgeschlossen hatte, auf die Spur des Klanges und seiner Bilder. Das Flüstern einer Stimme, das Hämmern der Maschinen, das Rascheln von Papier, das Krächzen der Krähen, das Tröpfeln von Wasser, das Pfeifen des Windes: Das sind die, wie Carolyn Christov-Bakargiev, eine frühe Entdeckerin von Janet Cardiff schrieb, »entkörperten Stimmen« ihrer Installationen und Inszenierungen, durch die oft ein Hauch von Hitchcock weht. Zumal, wenn näher kommende Schritte zu hören sind; natürlich kommen sie stets von hinten.

Die Tatsache, dass das Potenzial des Klanges als Frontalerfahrung längst nicht ausgeschöpft ist, hatte Richard Wagner dazu veranlasst, für sein Festspielhaus in Bayreuth einen eigenen akustischen Raum zu entwerfen, und heute sind die Möglichkeiten der Rundumbeschallung unbegrenzt. Durch eine Mehrkanaltechnik können zudem gezielt akustische Akzente gesetzt werden. So spürt man zum Beispiel in The Murder of Crows beim Einsatz der russischen Marschmusik einen fast physischen Druck und schaut in Erwartung der marschierenden Kolonne sofort in die Richtung, aus der der Klang kommt.