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Trendstadt Berlin. Wer sich hier langweilt, ist selber schuld. Jeder Zweite ist hip, im Stundentakt entstehen in Hinterhöfen die Moden von morgen. Deswegen hat die Unesco Berlin – als bislang einzige Metropole Europas – zur Stadt des Designs erklärt. Hier wurde nach dem Krieg die Weltniveaudelikatesse Currywurst entwickelt, hier saß man zum Essen und Trinken schon auf dem Bürgersteig, als sich Restdeutschland noch in muffigen Lokalen verschanzte. Berlin – immer zwei Schritte vorweg.

Sogar der weltweite wirtschaftliche Abschwung wurde in Berlin vorausgeahnt. Schon lange kann Berlin stolz von sich behaupten, die unbestrittene Armutshauptstadt zu sein. Jeder fünfte Einwohner erhält Sozialleistungen, in keiner europäischen Großstadt sind die Löhne so gering, und nirgends ist Essengehen so preiswert.

Gut, das mag zum Teil auch an der legendären »Berliner Küche« liegen. Kasseler mit Sauerkraut, Döner mit allem, Moppelkotze mit Gartenwurst (wie der Berliner liebevoll den Bohneneintopf mit Gurke nennt), dazu eine Berliner Weiße rot oder grün – herrlich. Und über allem thront das unerreichte Zentralgestirn der Spreekulinarik: die legendäre Bulette. Wer richtig schlecht essen will, kommt um Berlin nicht herum. Rund 35000 Betriebe sind in Berlin mit der Verarbeitung und Verköstigung von Lebensmitteln beschäftigt, allein 7000 davon im Bezirk Pankow. Doch wo einkehren, wenn’s super low scale sein soll?

Um die Orientierung zu erleichtern, hat das Bezirksamt Berlin-Pankow nun entschlossen gehandelt und – bislang einzigartig in Deutschland – eine »Negativliste« gesundheitsgefährdender Betriebe herausgegeben. Und ins Internet gestellt. Die Seite, seit Anfang März online, hat zigtausend Aufrufe pro Tag. Sofort ging ein Brodeln durch die Gastronomieszene, von »Rufmord« war die Rede, vom »Online-Pranger«. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband läuft gegen die Entscheidung Sturm, erste Klagen sind anhängig. Doch Jens-Holger Kirchner, grüner Stadtrat für Verbraucherschutz und Initiator des Pankower Modellversuchs, ficht das nicht an. Nach dem 2008 novellierten Verbraucherinformationsgesetz sei dies möglich, erklärt er und hofft auf Nachahmer seines »Smiley-Projektes«. Wer besonders sauber kocht, darf sich einen vom Bezirksamt verliehenen Smiley an die Türe kleben – und wer besonders schmuddelig schmort und brutzelt, der findet sich auf der »Ekel-Liste« (Bild) wieder. Nehmen wir sie als Gastroführer der anderen Art, als Guide Michelin für Low-Budget-Esser mit Abenteuerlust und eisernem Magen. Berlin hat ja noch aus jeder Not einen Trend gemacht, und Erlebnisgastronomie geht doch immer.

Natürlich ist die Liste fragwürdig. Sie ist das Ergebnis wahlloser Stichproben, kaum ein deutsches Lokal wird bemängelt, dafür aber mehr als ein Dutzend Asiaten. Schlitzauge, sei wachsam? Außerdem wurden etliche der Sonderserviceleistungen, die einige Gastwirte im Angebot hatten, von den Kontrolleuren gar nicht als solche erkannt. Einem Lebensmittelgeschäft mit Obst- und Gemüsehandel in der Florastraße wird vorgeworfen: »In der Küche wurden auch Blumen gebunden.« Dabei gehörten doch Chrysanthemen, Kornblumen oder sogar Alpenveilchen längst zur avancierten Küche, ausgebackene Kürbis- und Zucchiniblüten sind bei Sterneköchen ein must!