Deutschland Ich hab noch Hunger in Berlin!Seite 4/4
Durst! Postsojasaucendurst! Auf in die Berliner Allee ins Damla Bistro! Hier baut man auf innovative Geschäftskonzepte (»Billigbier wird als Schultheissbier verkauft«), freudig und aufgeregt bestelle ich ein Billigbier. Was denn das sein solle, fragt der Angestellte. »Wir ham nur Schultheiss, aber dit is ooch nich teua.« Enttäuscht ziehe ich weiter. Zum Kulminationspunkt der Berliner Kulinaristik am U-Bahnhof Eberswalder Straße, wo sich Danziger und Schönhauser, Pappel- und Kastanienallee kreuzen und wo auf einer Verkehrsinsel seit über fünfundsiebzig Jahren in Konnopke’s Imbiß die Wurstzangen geschwungen werden. Staunend drängt sich eine Gruppe Finnen um die hinter Glas zur Schau gestellten Blut-, Bock- und Currywürste, die Warteschlange hat DDR-Format. Da Konnopke’s aber nicht bemängelt wurde, ist er für mich tabu.
Ich gehe gegenüber ins indische Restaurant Sangeet mit vielversprechender Mängelliste (»Nichteinhaltung der Kühlkette/Rattenbefall der Lagerräume im Keller«). Die Stimmung im Restaurant ist gereizt, der Chef diskutiert mit aufgebrachten Stammgästen die Veröffentlichung der Ekel-Liste im Netz. »Dit Informationsjesetz, dit is ’ne Sauerei!«, ruft eine Dame und klopft dem Chef tröstend auf die Schulter.
Endlich kommt das Essen. Doch was für eine Enttäuschung! Der »Yogitee« ist feinstwürzig, sehr milchig und mit echtem Honig zubereitet; das »Bengen Körma« (»Auberginen in Spezial-Mandel-Cremesauce mit indischem Rahmkäse«) ist von vollendet mandeliger Cremigkeit und angenehmer Schärfe, die Aubergine hat den perfekten Biss; auch das Tikka-Hähnchen liegt, auf den Punkt gegart, in einer milden Marinade aus Paprika, Zwiebeln, Tomate und Joghurt und schmeckt – einfach köstlich. So soll, kann, darf es nicht mehr weitergehen. Ich will endlich echte Berliner Küche!
Ein Taxi bringt mich raus, in Richtung Langhansstraße, dort soll der Alt Berliner Imbiss meine Rettung sein, die letzte Station auf meiner kleinen Reise in die kulinarischen Grenzgebiete der Hauptstadt. Jenseits der Ostseestraße wird das szenige, trendige Berlin schon wieder zum muffigen Dorf. Nur ein einsamer Dackel führt einen Kampfhosenmann durch den Nieselregen spazieren. Laut Mängelliste kann der Alt Berliner Imbiss neben »fehlender Hygienekleidung« mit einer echten Killerapplikation aufwarten, die ihn weit über die Konkurrenz hinaushebt: »Computerarbeitsplatz im Küchenbereich des Imbiss« heißt es da in trockenstem Amtsdeutsch. Ist das nicht ein klares Indiz für hochmoderne Küche? Lädt der Chef sich täglich die neuesten Buletten- und Bratwurstrezepte aus dem Internet, um alsbald in die Gefilde der Molekularküche vorzustoßen? Currywurstschaum auf Senfspiegel an Frittengranulat? Gott sei Dank nicht.
Die Tafeln auf dem Trottoir sind ganz nach meinem Geschmack: »Hotdog 2,00 €« und »Knacker 1,50« – wenn das kein Angebot ist! Der Imbissstand residiert versteckt in einer Brache zwischen bröckelnden Putzfassaden und einem Bauzaun, ist aber aufgrund seiner weithin erschnüffelbaren Fettfahne leicht zu finden. Doch weh! Männer mit Bohrmaschinen traktieren das Innere der entbeinten Bude, es wird gehämmert und genagelt. Die Fettbadewanne ist leer.
»Wird umjebaut, Meesta«, sagt einer, der sieht, wie ich um Fassung ringe. Umjebaut? Wozu das denn? Wo bleibt mein Alt Berlin? Ich bin ratlos, kraftlos, bulettenlos. Wo bist du hin, Küche von Berlin? Etwa nach Mitte? Ich brauche dringend eine neue Negativliste! Hier darf der Modellversuch nicht enden. Ihr Bezirksämter von Lichtenberg und Mitte, von Marzahn und Charlottenburg – worauf wartet ihr?
Die Negativliste ist einzusehen unter www.berlin.de/ba-pankow/verwaltung/ordnung/smiley.html
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- Datum 08.09.2009 - 16:55 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.03.2009 Nr. 13
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Sehr geehrter Herr Schmitt!
Moppelkotze ist mitnichten ein Bohneneintopf!! Hinter diesem Begriff verbirgt sich die Bezeichnung für italienischen Salat. (siehe auch: Langenscheidt "Lilliput Berlinerisch", 2008)
Übrigens finde ich diese "Ekelliste" ganz gut und offensichtlich wirksam, sind doch etliche Lokale derzeit geschlossen; vielleicht putzen die Betreiber gerade verdreckte Kühlschränke oder Abzugshauben!
Wie die meisten anderen in dieser Stadt gehe ich zudem ohne Bullrichsalz im Gepäck essen und vertraue darauf, dass Tiefkühlhühner nicht auf dem Fußboden aufgetaut werden.
Eine wahrlich "verrückter" Streifzug. Ein echter Schmunzelthriller. Danke, Frau Kollegin!
Das wird Oliver Maria Schmitt gewiss köstlich finden.
Das wird Oliver Maria Schmitt gewiss köstlich finden.
Sehr unterhaltsam und trotzdem das Thema gestreift !
mein Favorit war "Von einem echten »Ekel-Restaurant« (B.Z.) erwarte ich mehr."
Und das mit 'Geschlossen' kann ich nur bestaetigen, das ist ueberall so.
Sonntag bis Freitag: Ruhetag, jedenfalls immer wenn ich wo aufkreuze.
der Beitrag. Da kann sich Ihr Groß-Kulinarik-Kolumnist aber mal 'ne Scheibe abschneiden...
Trotzdem wohl bekomms.
Das wird Oliver Maria Schmitt gewiss köstlich finden.
ich war mit Sippschaft aus den USA in Berlin. Dort natürlich auch auf dem Fernsehturm, in dem Turmcafe. Exponiert, frequentiert und nicht ganz billig für berliner Verhältnisse. Also darf man zumindest erwarten dass Mindeststandards an Höflichkeit - von Freundlichkeit red ich ja erst gar nicht - eingehalten werden.
Es fing damit an dass uns die Platzanweiserin einen falschen Tisch zuwies an dem noch Gäste saßen, mitten beim Essen. Da dachten wir uns setzen wir uns eben an einen anderen, bereits freien Tisch. Das rief eine cholerische Bedienung auf den Plan die auf uns einredete und uns erstmal vom Tisch aufscheuchte, ratlos stehen ließ und davonrannte um mit der Anweiserin zu reden, muss ja alles seine Ordnung haben Zack Zack.
Unser Glück war nur dass wir natürlich nur Englisch gesprochen haben und ich keinen deutschen Akzent habe, sie kaum Englisch konnte - da hat sie dann einfach resigniert und uns sitzen lassen. Wehe uns sie hätte gewusst dass Deutsche meine zweite Muttersprache ist. Und wehe anderen Gästen die die Dreistigkeit haben sich als Gäste zu fühlen, und nicht als Bittsteller..
vom Essen will ich gar nicht reden. Fettiges geschmackloses Schnitzel mit Spargel als Beilage. Spargel. Zum Schnitzel.
möglicherweise ohne es zu merken, eine besondere Attraktion geboten. Denn offensichtlich hat in diesem Nestchen ein Stück DDR-Gastronomie pur die letzten 20 Jahre unbeschadet überdauert. Waren denn die Preise in der Speisekarte schon in € ausgezeichnet?
möglicherweise ohne es zu merken, eine besondere Attraktion geboten. Denn offensichtlich hat in diesem Nestchen ein Stück DDR-Gastronomie pur die letzten 20 Jahre unbeschadet überdauert. Waren denn die Preise in der Speisekarte schon in € ausgezeichnet?
möglicherweise ohne es zu merken, eine besondere Attraktion geboten. Denn offensichtlich hat in diesem Nestchen ein Stück DDR-Gastronomie pur die letzten 20 Jahre unbeschadet überdauert. Waren denn die Preise in der Speisekarte schon in € ausgezeichnet?
worüber hat sich die zeit eigentlich beim gammelfleisch echauffiert?
sicher, war etwas älter -- aber es hat doch keinem geschadet und es hat ja auch kein verbraucher gesehen, wie es aussah ...
wenn dem herrn schmitt egal ist, wie's da aussieht, wo das essen zubereitet wird (und wo er ja nicht reinschauen konnte), dann kann sich die zeit doch beim nächsten lebemittelsskandal ihren pseudo-empörung sparen.
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