Für Valerie Kroner sind die Professoren immer da. Auch an diesem Morgen in der so bildungsfern dahinratternden Regionalbahn von Moosburg nach München. Die 22-jährige Medieninformatikstudentin hat sich die Kopfhörer in die Ohren gesteckt, ihren iPod auf den Schoß gelegt und starrt auf den kleinen Bildschirm, auf dem eine Aufzeichnung der Vorlesung »Mensch-Maschine-Interaktion« läuft. Eine Dreiviertelstunde dauert die Fahrt zur Uni, in Kroners neuer Zeitrechnung macht das hin und zurück eine komplette virtuelle Vorlesung. »Noch nie konnte ich mich so praktisch auf Klausuren vorbereiten«, sagt sie.

Ihre Universität, die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, hat seit Kurzem einen eigenen Auftritt auf der Plattform »iTunes«. Jeder kann dort mit der »iTunes University« sein Wohnzimmer in einen Hörsaal verwandeln. Aktuelle Vorlesungen und Lehrmaterialien sind hier gebündelt und können auf portable Video- und Audiogeräte geladen werden: Es gibt die »Einführung in die Ethnologie« in 14 Folgen, eine Blutabnahme in Nahaufnahme für Mediziner, Forscher zeigen, warum Korallenriffe vom Klimawandel bedroht sind und wie aus Plastik Strom gewonnen wird.

Schon länger bieten US-Universitäten in der »iTunes University« kostenlos Aufzeichnungen von Seminaren und Vorlesungen an, mittlerweile sind über 100.000 Audio- und Videodateien abrufbar. In Deutschland stellen sich seit Januar neben der LMU auch die Universität Freiburg, die RWTH Aachen und das Potsdamer Hasso-Plattner-Institut auf diesem Portal einer weltweiten Öffentlichkeit. Vorlesungen anderer deutscher Universitäten muss man meist auf den Seiten der jeweiligen Hochschule oder im Videoportal YouTube suchen.

Valerie Kroner hört nicht nur Vorlesungen auf Video, sie sorgt auch selbst für Nachschub. Kroner ist studentische Hilfskraft der »Unterrichtsmitschau« – das schöne deutsche Wort klingt ein wenig anachronistisch in Zeiten von Podcasts. Zusammen mit einem Kommilitonen stellt sie an diesem Vormittag im Hörsaal eine Kamera auf, richtet ein Mikrofon in die Sitzreihen und ein weiteres in Richtung Rednerpult.

Als die Vorlesung »Einführung in die Programmierung« beginnt, greift sie zur Stoppuhr. Sie misst, wie viele Minuten die Folien jeweils an die Wand geworfen werden, damit sie später zum richtigen Zeitpunkt in das Video geschnitten werden können. Die digitale Revolution kommt manchmal noch handgemacht daher. Ein paar Tage später können die Studenten die Vorlesung zu Hause ansehen – ohne sich frühmorgens in den überfüllten, fensterlosen Hörsaal gequält zu haben, außerdem können sie langweilige Passagen per Vorspulfunktion zu umgehen.

Hat die klassische Vorlesung bald ausgedient, können die Studenten zu Hause bleiben? »Niemals«, sagt Medieninformatikprofessor Heinrich Hußmann, einer der Podcast-Vorreiter an der LMU. »Kein Professor will alleine vor der Kamera stehen. Wir brauchen Publikum für eine lebendige Vorlesung, wir brauchen Fragen, die den Vortrag anregen.« Die digitale Revolution, sagt Hußmann, ändere trotzdem unterschwellig Lehre und Selbstverständnis der Professoren. »Es ist verpönt, dass Professoren sich in die Veranstaltungen von Kollegen setzen, nun kann ich mir bequem auf dem Bildschirm ansehen, wie andere ihren Studenten die Themen nahebringen.«

Neulich hat er zum Beispiel geschaut, wie in Aachen gelehrt wird. »Die neue Öffentlichkeit trägt dazu bei, dass Didaktik im Gespräch unter Kollegen wichtiger wird.« Am Anfang des Semesters hat sich Hußmann auch eine seiner alten Vorlesungen angesehen, geprüft, was er verbessern kann. Doch einen Haken haben die Kameras im Hörsaal. »Viele Dozenten hüten sich jetzt, Anekdoten zu erzählen oder Scherze einzustreuen – die Weltöffentlichkeit und der veralberte Kollege könnten ja zuschauen«, sagt Hußmann und lacht.