Bildung, Bescheidenheit oder bessere Manager? Eine Abwrackprämie vielleicht? Was dieses Land nötig hat, ist eine Frage, die gemeinhin Politiker, Wirtschaftswissenschaftler oder Gebrauchtwagenhändler umtreibt. Rapper weniger. Samy Deluxe hat trotzdem einen Vorschlag. »Wir brauchen viel mehr Farbe im Land«, postuliert er in seinem neuen Album Dis wo ich herkomm. Jemand macht sich Sorgen, und dies mit rekordverdächtigem Ergebnis. Nie zuvor in der Geschichte der deutschen Popmusik wurde in solcher Frequenz das Wort »Land« verwendet. »Dies ist ein schlaues Land, aber ein graues Land, dies ist ein reiches Land, aber ein steifes Land«, diagnostiziert Deluxe zu einem gemütlich schunkelnden Reggaerhythmus, gibt die Hoffnung aber nicht auf. »Dieses Land hat Potenzial.«

Rap als Medium der Welt- und Landesverbesserung – das ist ein vergleichsweise neuer Trend innerhalb eines Genres, das eher durch die Verklärung von Beischlaf und Drogenhandel auffällig geworden ist. Auch Samy Deluxe, bürgerlich Samuel Sorge, als Sohn eines sudanesischen Vaters und einer deutschen Mutter in Hamburg-Eppendorf aufgewachsen, galt bislang nicht eben als Berufsbetroffener. Einer seiner größten Hits feierte die entspannende Wirkung spezieller Rauchwaren. Ansonsten rühmte er wortreich vorzugsweise sich selbst und seine zweifellos vorhandenen Fertigkeiten als Rapper. Doch mit den absoluten Spitzenkräften in diesem zuletzt allein auf den Schockeffekt zielenden Gewerbe konnte er kaum mithalten. Aggro-Rapper wie Bushido und Sido eigneten sich einfach besser zum Erziehungsberechtigtenerschrecken.

Sorge, mittlerweile selbst Vater, verabschiedet sich mit Dis wo ich herkomm endgültig aus diesem umkämpften Marktsegment. Seine im Vergleich zum Berliner Gebelle eleganten Verse formt er nun nicht mehr zu Imponiergesten, sondern zu Leitartikeln. Deren Themen sind, mal von altmodischem Jazzknistern, mal von synkopierten Beats unterlegt, durchaus staatstragend: Nationale Identität, der Sozialstaat in den Zeiten der Krise oder gar das »neue Deutschland«. Die eigene Erfahrung als erfolgreicher Musiker hat Sorge zudem zu einem Experten für Abgabenpolitik befördert: »Würden die Politiker hier wirklich mal an Deutschland denken, würden sie mal die Steuern senken.« Mutiert der deutsche Rap zum Debattierklub?

Wenn Sorge die Silben zum Swingen bringt, entsorgt er wie nebenbei den ironisch-distanzierten Umgang seiner Kollegen mit Begriffen wie »Heimat« oder »Deutschland«. Dass er dabei nicht umstandslos in die Nationalismusfalle tappt, hat er vor allem der Privatisierung der Problemstellungen zu verdanken: Im Song Vatertag verschränkt er geschickt die Klage über den (eigenen) abwesenden Vater mit dem Lob auf einen fürsorgenden Staat. Als gerappter Gemeinschaftskundeunterricht taugt das, aufs Ganze gesehen, nicht immer, wohl aber als öffentliche Selbstermannung: »Früher dachte ich, fick Politik, heute will ich mitreden.«