Amok Wir sind so verdammt göttlich
In aller Stille fiebern Amokläufer ihren Taten entgegen, meist über Jahre. Aber warum werden es mehr? Eine Reise in die Gehirne von Schießwütigen
Wenn alle über alles geredet haben, über strengere Waffengesetze, aufputschende Killerspiele und vergiftete Kinderseelen, dann, wenn Anne Will schon darüber hinweg ist und am Ende auch Frank Plasberg nichts mehr hören will vom Amoklauf in Winnenden, dann gibt es immer noch einen, der weiterspricht: Christian Pfeiffer, langjähriger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts in Hannover und zeitweilig niedersächsischer Justizminister. Er geht den Leuten auf die Nerven, wo immer er auftritt. Er lässt nicht locker, präsentiert seine Zahlen und Studien, mahnt und warnt. Man kann sich schon sicher sein, dass gerade etwas Schreckliches passiert ist, wenn man nur Pfeiffers Gesicht auf dem Fernsehschirm sieht. Erklärungen werden gebraucht, und Pfeiffer hat viele. Ein Prophet des Medienzeitalters steht da vor Mikrofonen, fünf Mal am Tag, zehn Mal. So geht das vier, fünf Tage lang, danach versprechen die Lehrer den Eltern eine neue Kultur der Wachsamkeit, die Eltern versprechen den Lehrern dasselbe, die Reporter ziehen ab, die Kerzen auf den Gräbern werden vom Wind ausgeblasen, und Christian Pfeiffer verschwindet aus den Talkshows. Bis zum nächsten Amoklauf.
Man könnte darüber kommentarlos hinweggehen, aber dann würde man den Skandal verdecken, der sich hinter den Ritualen verbirgt – die große Ignoranz zwischen den Intervallen der Aufregung, die Abgeklärtheit der Verantwortlichen, das Pfeiffer-Syndrom. Man begreift, wie dieses Syndrom wirkt, wenn man zurückblendet in den Nachmittag des 26. April 2007, als Christian Pfeiffer vor dem Unterausschuss Neue Medien des Deutschen Bundestags sprach, fünf Jahre nach dem Amoklauf in Erfurt.
15.30 Uhr, Paul-Löbe-Haus, Berlin, die zehnte Sitzung des Ausschusses, der Tag des Expertengesprächs, der Kriminologe Pfeiffer führt 13 Abgeordneten des Bundestags das Computerspiel GTA San Andreas vor. Die Gebrauchsweisung sagt: »Sollten Sie neben einem verletzten Gegner stehen, erscheint gelegentlich eine Exekutieren-Meldung. Drücken Sie in diesem Fall V, die Taste 8, um Ihren Kontrahenten zu erlösen.« Pfeiffer weiß, dass er nur vier Minuten hat, um die Zuhörer im Ausschuss zu überzeugen. Vier Minuten, so sind die Regeln für das Expertengespräch. Einen Schnellkurs für sitzungsmüde Politiker hat er sich ausgedacht, die Inhalte der Spiele im Zeitraffer verdichtet. Das Video startet, Gangster erschießen Menschen aus fahrenden Autos, überfahren Passanten und erdrosseln Frauen mit Drahtschlingen von hinten. Als die Vorführung endet, sagt der Vorsitzende des Ausschusses, der Sozialdemokrat Christoph Pries, belustigt: »Danke, Herr Professor Pfeiffer. Die Jugendlichen – so es denn welche gab, die den Raum verlassen haben – können jetzt wieder hereinkommen.« Danach ist der Mann vom Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware an der Reihe.
Pfeiffer erklärt den Politikern noch hastig, dass sein Institut 6500 Kinder und 17000 Jugendliche befragt hat, Mädchen wie Jungen, aber das Problem seien die Jungen. Jeder dritte besorge sich Computerspiele, die erst ab 18 freigegeben sind oder auf dem Index stehen. Pfeiffer erkannte bei diesen Spielern »dramatische Einbußen an Empathie, an Sensibilität für die Leiden der Opfer – bei denen, die regelmäßig so etwas spielen, nicht bei denen, die das gelegentlich tun.« Damit jeder im Sitzungssaal die Dramatik versteht, sagt Pfeiffer: »Das ist wie beim Zigarettenrauchen: Ein bisschen Zigarettenrauchen erzeugt noch keinen Lungenkrebs. Hohes Zigarettenrauchen dagegen erhöht die Wahrscheinlichkeit beträchtlich bei gefährdeten Menschen.« Brutale Filme im Fernsehen oder im Kino hätten bloß »eine moderate Wirkung«, anders als jene Computerspiele, die ein aufregend echtes Gefühl vom Töten in den Herzen der Kinder hinterließen.
Aber Pfeiffer kann die Politiker nicht beeindrucken, sie scheuen die Debatte und die mögliche Konsequenz, das Verbot der Spiele. Dabei erklärte der amerikanische Militärpsychologe Dave Grossman schon vor zehn Jahren, dass die Armee der USA bei der Rekrutenausbildung den meisten Erfolg im Abbau der Tötungshemmung immer dann erzielt, wenn sie Videosimulatoren einsetzt. Nur dann gelingt es, die Wirklichkeit des Krieges in die Köpfe der Soldaten zu bringen. Aber wen interessiert das in einer amokfreien Sitzungswoche?
»Es war eine Farce«, sagt Pfeiffer heute über seine Anhörung im Bundestag. Christoph Pries, der Vorsitzende des Ausschusses Neue Medien, sagt heute, er könne sich an diese Sitzung kaum noch erinnern.
- Datum 26.03.2009 - 15:36 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.03.2009 Nr. 13
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Kann das Buch "On Killing: The Psychological Cost of Learning to Kill in War and Society" von D. Grossman empfehlen (bei Amazon)
Zitat aus einem Kommentar bei Amazon:
... What is the most shocking about this book is that we as a society are training our youngsters to become programmed killers. Our video games and violent movies teach kids to be numb to the violence and emotions that arise from killing. ...
Ich glaube nicht, dass es auf die Art der Computerspiele oder Videos ankommt. Obwohl der Hinweis auf den Abbau der Tötungshemmung interessant ist, das war mir neu.
Das große Problem ist aber eher der Verlust an Realität, der durch die Unterhaltungselektronik möglich geworden ist: Jungs können Stunden um Stunden damit verbringen, ihren Adrenalinspiegel durch computerspielgenerierten Nervenkitzel emporschnellen zu lassen - ohne eine Menschenseele um sie herum.
Alle Zeit, die damit verbracht wird, ist für's so wichtige soziale Lernen verloren: Wie wird man ein Mann? Auf diese Frage haben sie keine Antwort gelernt. Jedenfalls keine realistische.
Das Denken bewegt sich in Bahnen, die der Wirklichkeit einfach nicht angemessen sind, das war schon beim "Werther" so, der nach Goethe ja eine Pathologie der Empfindsamkeit (also frömmelnder Heulsusen) war. Nicht weit weg von Kurt Cobain, übrigens.
Was tun?
Sich um Kinder kümmern - nicht nur Kindergärtnerinnen, sondern auch Kindergärtner, nicht nur Lehrerinnen, sondern auch Lehrer, nicht nur Mütter, sondern auch Väter.
Und den Jungs endlich beibringen, dass man Aggression sozial verträglich ausleben kann, in allen Arten von Wettkämpfen, Sport, Mannschaftssport, auch Kampfsport. Feste Regeln müssen gelten, und wer einmal Verlierer ist, kann dennoch das nächste Mal siegen.
Keiner darf sich aus der Gesellschaft verabschieden, keiner wird allein gelassen.
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