Jugendliche Ultimativer NervenkitzelSeite 2/2
ZEIT: Also heißt es verhindern, dass echte und künstliche Welt im Spielerkopf ineinanderfließen?
Romer: Ja, Prävention hat mit realen Beziehungserfahrungen zu tun. Wie verankert ist der Spieler in seiner Familie, in seinen Freundschaften? Auf Beziehungsreichtum und Mitgefühl kommt es an. Das Entscheidende ist nicht allein, was Kinder am Bildschirm erleben, sondern was sie außerhalb des Bildschirms nicht erleben. Wer sich sozial isoliert in diese virtuellen Welten zurückzieht und sich nur noch in der Überreizung der Action selbst spüren kann, droht sich in ihnen zu verlieren. Ein Junge, der außerhalb des Bildschirms schöne Dinge im Kontakt mit anderen erleben kann, wird ihn nach einer Weile von selbst ausmachen.
ZEIT: Aber Kinder, die sich in den Computer flüchten, wird es immer geben. Sind weitere Amokläufe nicht mehr verhinderbar?
Romer: Dass diese Taten gehäuft von Jugendlichen begangen werden, hat ganz sicher mit den Videospielen zu tun. Die bekannten erwachsenen Amoktäter waren oft wahnhaft psychisch erkrankt, was für die jugendlichen Täter nicht zutrifft. Amokläufe sind Einzel- und Extremtaten. Was fast alle bisherigen jugendlichen Täter verbindet, ist der private Zugang zu Waffen. Wir leben in einer Realität, in der männliche Halbwüchsige ihre gewaltgetönten Fantasien in der elektronischen Medienwelt kultivieren, die Konkretisierung dieser Fantasien wird durch jeden Kontakt mit einer realen Waffe also exponentiell wahrscheinlicher. Dass junge Leute erst mit 18 ans Steuer eines Autos gelassen werden, hat einen guten entwicklungspsychologischen Grund. Deshalb frage ich mich ernsthaft, ob wir verantworten können, dass 14-Jährige in Schützenvereinen mit Waffen schießen lernen dürfen.
Die Fragen stellte SABINE RÜCKERT
Georg Romer ist kommissarischer Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
- Datum 26.03.2009 - 15:40 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.03.2009 Nr. 13
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