Theater Insekten in der Fremde
Der Filmregisseur Christian Petzold macht erstmals Theater und inszeniert Arthur Schnitzlers »Der einsame Weg« in Berlin
Gesetzt den Fall, Christian Petzold müsste uns das Leben der Ameisen filmisch vorführen – wir würden mit Sicherheit keinen Ameisenhaufen zu sehen bekommen. Das Naheliegende lässt dieser Regisseur nicht zu. Vertrautes Gewimmel, übliche Abläufe, intakte Strukturen, das alles interessiert ihn nicht. Stattdessen würde er sich vom großen Haufen einige Exemplare greifen, sie irgendwo in fremdem Terrain aussetzen und dann erst, mit dem kalten Auge des Naturforschers, die krabbelnden Irrläufer intensiv beobachten: Mal sehen, was unter solchen Extrembedingungen passiert.
Als »physikalische Versuchsanordnungen« hat Petzold seine Filme einmal bezeichnet. Sie alle, von Die innere Sicherheit über Toter Mann, Wolfsburg und Yella bis zu Jerichow, spielen im Deutschland von heute. Immer agieren darin Einzelgänger, unbehauste Existenzen in leeren Städten und, so Petzold, »ausgeträumten« Landschaften. Woher, wohin – es bleibt ein Rätsel. Unheimliche Zufälle spielen Schicksal, schaffen melodramatische Konstellationen von Schuld und Schulden, Liebe und Tod. Die Gefühlsregungen sind so karg wie die Gespräche, der Blick des Regisseurs bleibt kühl und ungerührt wie der eines Insektenkundlers. Er wolle nicht »anschaffen gehen beim Mitleid der Zuschauer«, erklärt Petzold seine Distanz.
Auch jetzt in Berlin, am Deutschen Theater, wo viel Prominenz bis hin zum Bundespräsidenten sein Bühnenregiedebüt mit Arthur Schnitzlers Der einsame Weg begleitete, wollte Petzold ersichtlich nicht anschaffen gehen. Es ist kein Abend für Identifikationsbedürftige. Die Taschentücher können bei diesem Konversationsstück, das fünf Akte lang vom Herbst und Winter des Lebens handelt, eingepackt bleiben. Petzold bleibt seinem ästhetischen Credo treu. Den Text haben er und der Dramaturg Roland Koberg fast um die Hälfte, vor allem um das »Wiener Zuckerwerk«, gekürzt, im Schlusstableau auch kräftig umgestellt. Dass ein so erfolgsgewohnter Filmregisseur überhaupt den Sprung ins andere Medium riskiert, zeugt von Mut. Petzold hat den deutschen Film dieses Jahrzehnts wie kaum ein anderer geprägt; das internationale Renommee des heimischen Kinos verdankt sich zu einem guten Teil der Arbeit des 48-Jährigen. Im Theater jedoch ist er ein blutiger Anfänger – mehr als ein Jahr als Beleuchter an Peter Steins Schaubühne kann er nicht vorweisen. Und doch waren es sicher nicht nur die Überredungskünste seiner Lieblingsdarstellerin Nina Hoss, der Protagonistin des Deutschen Theaters, die ihn jetzt zu diesem Wagnis verlockten. Wer es im Film so sehr auf Verdichtung, Vereinzelung und Reduktion anlegt, in dem schlägt auch ein Theaterherz. Und warum Schnitzler? In dessen »Melancholödie« von 1904, die der Autor in einem frühen Arbeitsstadium noch Egoisten betitelte, geht es um lauter Solisten, Monomanen und Moribunde. Da kennt Petzold sich aus.
Es ist nun kein »Schnitzler-Ereignis« geworden – aber doch eine Aufführung, die sich je länger, je mehr das Prädikat »sehenswert« erarbeitet. Anfangs tut sie sich schwer, dem Kunstkokon zu entschlüpfen. Henrik Ahrs Bühne ist einer jener geschlossenen, tür-, fenster- und requisitenlosen Kästen, wie sie sich auch Thalheimer oder Gosch gern bauen lassen. Sie strahlt in grellem Weiß. Nach hinten verjüngt sie sich zu einem Leinwandrechteck, auf das zwei Stunden lang in Echtzeit ein Film projiziert wird: das Berliner Urban-Krankenhaus bei Nacht, ein Halbrund beleuchteter Hochhäuser vor flimmerndem Gewässer – für Petzold eine moderne Variante der Toteninsel, Arnold Böcklins berühmtes Gemälde.
Doch lange, lange sieht man von dieser »Außenwelt« nicht mehr als ein schwaches Lichterglimmen – und so hermetisch, so ortlos wirken auch im Innern die Auftritte, so blass die Dialoge. Da erkennt man, was Petzolds Theater- im Unterschied zu seinen Kinofiguren fehlt: die Interaktion mit der Realität, der Austausch mit Landschaften und Räumen. Schnitzler abstrakt: Die Menschen bleiben Schemen, Vorwand für aparte Standbilder. Man sieht Scherenschnitte vor weißen Wänden, die Frauen tragen eher neueren Schick, die Männer den schwarzen Muff von damals. Von Liebesschmerz und Todesnähe ist viel die Rede, aber zu begreifen ist beides nicht.
Irgendwann jedoch, wenn das Morgengrauen über dem Klinikum dämmert und das Licht im Bühnenkasten heruntergedimmt wird, stellt sich eine stärkere Aufmerksamkeit für diese Menschen ein. Und jetzt kann das fabelhafte Ensemble des Deutschen Theaters endlich seine Qualitäten entfalten. Nina Hoss und Alexander Khuon sind die jungen Geschwister im Hause Wegrat: sie ganz unverweint, fast ein wenig kokett in der tränenschweren Rolle der Selbstmörderin Johanna, er ein jugendlich flatternder Felix, der Haltung gewinnt, als sich ihm sein wahrer Erzeuger, der Maler Julian Fichtner, offenbart und er sich dennoch für seinen bisherigen Vater entscheidet, den biederen – bei Jörg Gudzuhn geradezu anrührend seelenschlichten – Professor.
Die schillerndsten Figuren sind die beiden alt gewordenen Künstler. Alle Erfolge haben sie hinter sich, vor sich nur noch das Sterben. Und wie Vampire saugen sie am Blut der Jungen. Der todkranke Dichter Stephan von Sala (ein bitteres Selbstporträt Schnitzlers) genießt Johannas Liebe wie einen letzten Sonnenuntergang; Ulrich Matthes kultiviert den korrekten Elegant, weniger den Zyniker als den von sich selbst gnadenlos Desillusionierten. Von donnerndem Ernst seine große Schlussabrechnung – da spürt man, warum Schnitzlers Freund Jakob Wassermann das Stück einen »Moralbesen« nannte. Ernst Stötzner dagegen setzt als Fichtner eher komische Akzente: ein einst genialischer, jetzt nur noch schlamperter Hallodri, der in grotesker Selbstüberschätzung, mit rudernden Armen seine Vaterrechte reklamiert. Narzisstin ist auch seine frühere Geliebte Irene Herms, die Schauspielerin: Almut Zilcher gibt zunächst die patente Nervensäge, im Finale wird Felix ihr zum Objekt des Mitgefühls, aber auch der Besitzergreifung.
Eines hat dieser Abend, trotz mancher Deutungsdefizite, dennoch gezeigt: Seiteneinsteiger wie Petzold könnten dem deutschen Theater, dieser sehr geschlossenen Gesellschaft mit ihren sehr geschlossenen Konzepten, durchaus guttun. Da kommt einer von außen, der einen kritischen, völlig unsentimentalen Blick auf Menschen richtet – und doch nie dem Zwang verfällt, sie zu banalisieren, zu veralbern, kurz und klein zu machen. Ja, auch er macht »Regietheater« – und kommt doch ohne Blecheimer, Gartenschlauch, Plastikflaschen, Konfettikanone oder Häschenkostüm aus. Auch das muss dankbar vermerkt werden.
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- Datum 24.03.2009 - 17:37 Uhr
- Serie Audio
- Quelle DIE ZEIT, 19.03.2009 Nr. 13
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Es wird viel geredet bei Schnitzler (wie bei den Zeitgenossen Cechov oder Ibsen auch und ebenfalls bei Nachfahren wie T. Williams und Arthur Miller, und und), also tun kräftige Kürzungen einer Aufführung selbstverständlich gut (auch Goethe hat sich seine Theaterstücke von Schiller für die Bühne einrichten und also heftig kürzen lassen). Aber es gibt kein "Wiener Zuckerwerk" bei Schnitzler, das ist einfach dummes Geschwafel.
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