Die Welt ist schwarz-weiß an diesem Morgen. In einigen Häusern brennt schon Licht, die schneebedeckte Küste bei Horten, hundert Kilometer südlich von Oslo, funkelt wie ein Band aus Eiskristallen. Das Meer ist tiefschwarz, am Pier vertreten sich ein paar Männer und Frauen die Füße. Jeden Morgen machen sie sich auf diesen Weg vier Kilometer über das Wasser, jeden Nachmittag fahren sie wieder zurück zum Festland. Im Sommer, schwärmen sie, da sollte man kommen, wenn die Insel mit kleinen blauen Blumen bedeckt sei.

Sie sind Justizangestellte auf der Insel Bastøy, das gleichnamige Gefängnis ist eines der liberalsten der Welt. Gefängnisinseln – damit assoziiert man abgeschottete Orte des Bösen wie Alcatraz, wo brutale Gesetze herrschen. Bastøy ist das Gegenteil von Alcatraz, hier gibt es keinen Stacheldraht, sondern eine Dorfidylle mit Holzhäusern und sogar einen öffentlichen Strand für Ausflügler vom Festland. Bastøy will eine bessere Welt sein, in der alle Arbeit haben, in der es keine Gewalt und keine Drogen gibt. Eine Schule des Guten für Mörder, Vergewaltiger und Diebe. Die Insel ist ein Labor, in dem Fragen gestellt werden: Wie viel Strafe muss sein? Können sich Menschen ändern? Was brauchen sie dafür?

Die Leine wird losgemacht. Egal, wen man anspricht, ob die Therapeutin, den Sozialarbeiter, die Frau, die den Gefängnisladen führt, alle sagen, dass sie ihre Arbeit lieben. Der Direktor Arne Nilsen hat es sich auf einer der Bänke bequem gemacht und erzählt, dass der Boden, der Wald und die Ställe von den Häftlingen nach ökologischen Gesichtspunkten bewirtschaftet würden. "Die Gefangenen sollen lernen, dass alles, was sie der Natur, den Tieren und Menschen tun, auf sie zurückwirkt."

Neben dem Direktor sitzt der Wachmann Jørn Willemsen, er ist 39 und sieht aus wie eine kleine Ausgabe von Oliver Kahn. "Es gibt keinen großartigeren Ort, um eine Strafe zu verbüßen", sagt er und scheint keine Sekunde daran zu zweifeln, dass ein Gefängnis das sein darf: ein großartiger Ort. Das Team des amerikanischen Filmemacher Michael Moore hat einmal auf Bastøy gedreht. Doch Moore ist davon abgekommen, das Material zu zeigen, weil er dachte, niemand werde ihm glauben, dass es sich um ein echtes Gefängnis handele.

Während die Fähre die kleine Gemeinschaft, die an das Gute im Menschen glaubt, übers Wasser bringt, machen sich die Wachleute auf der Insel auf den Weg zu ihrer ersten Runde. Sie stapfen durch den Schnee von Haus zu Haus und zählen die Gefangenen, 105 müssen es sein. Nur fünf Aufseher bleiben nachts auf Bastøy, die Gefängnisleitung hält die Fluchtgefahr für extrem gering, vor allem im Winter, wenn das Wasser eiskalt ist. Einmal wollte ein Häftling mit einem Boot fliehen, auf halber Strecke kenterte er und musste gerettet werden. Die anderen versuchten es erst gar nicht, sagt Willemsen. Sie hätten viel zu große Angst, in ein geschlossenes Gefängnis zurückgeschickt zu werden.

Die meisten Häftlinge haben einen Teil ihrer Strafe schon im geschlossenen Vollzug verbüßt, wenn sie sich um einen Platz auf Bastøy bewerben. Die Direktoren beider Gefängnisse entscheiden dann gemeinsam, ob der Bewerbung stattgegeben wird. Ausschlaggebend sind eine positive Sozialprognose, gute Führung und dass keine Fluchtgefahr besteht – Täter, die wegen ihrer besonderen Gefährlichkeit in Sicherheitsverwahrung sind, haben keine Chance auf einen Platz in Bastøy. Hundertprozentige Sicherheit gibt es natürlich nie bei der Beurteilung eines Menschen, aber die Tatsache, dass es in den 25 Jahren, seit Bastøy ein Gefängnis ist, nur den einen Versuch gab, von dort zu fliehen, ist eine ziemlich gute Bilanz.

Das geschlossene Gefängnis ist die Folie, vor der man Bastøy betrachten muss. In geschlossenen Gefängnissen sind die Häftlinge oft 23 Stunden am Tag eingesperrt, eine Stunde am Tag dürfen sie sich auf dem Hof bewegen. Sie sind von Verantwortung weitgehend entbunden, sie werden geweckt, ihnen wird gesagt, wann sie essen sollen. In den geschlossenen Gefängnissen sitzen Schwerkriminelle, aber auch Betrüger und Drogenhändler mit kürzeren Strafen. In ein offenes Gefängnis kommen vor allem Menschen mit kleineren Delikten und kurzen Strafen. In Bastøy aber, das ist unter den offenen Anstalten einmalig, sitzen auch Kapitalverbrecher.