Fernsehfilm

Wie der Stahl gehärtet wird

In "Krupp" verherrlicht das ZDF den Typus des heldenhaften Firmenpatriarchen – und empfiehlt Autorität als Heilmittel für unsere Gegenwart

Als der Kapitalismus noch gut bürgerlich war: Szene aus Carlo Rolas dreiteiligem TV-Film mit Fritz Krupp (Fritz Karl, rechts)

Als der Kapitalismus noch gut bürgerlich war: Szene aus Carlo Rolas dreiteiligem TV-Film mit Fritz Krupp (Fritz Karl, rechts)

Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst des alten vertrauenswürdigen Kapitalismus. Es ist ein Vorfahre des neuen gewissenlosen Kapitalismus und wird beschworen in der Stunde des endgültigen Vertrauensverlusts. Alle haben sich zu seinem Lob verbündet, die Kanzlerin und die Bischöfe, die Gewerkschafter und die Autoschlosser. Sie verherrlichen die unternehmerische Vernunft von gestern angesichts der spekulativen Gier von heute. Sie sehnen sich nach der Vergangenheit, aber hat es die je gegeben? Das Geschichtsfernsehen zumindest glaubt an den Heroismus früherer Wirtschaftseliten. Mit dem opulenten Dreiteiler Krupp liefert es den passenden Spielfilm zur Lage, der unserer kollektiven Sehnsucht nach einem Tugendkapitalismus Ausdruck verleiht.

So sieht also der ideale Unternehmer aus: Er trägt Zylinder und Großvaters goldene Taschenuhr. Er bewegt sich in den dröhnenden Maschinenhallen seines Essener Stahlwerkes ebenso selbstsicher wie auf dem Parkett seiner kostbar tapezierten Villa Hügel. Er besiegelt Verträge noch mit Handschlag, doch sein konservativer Stil ist es nicht allein, der ihn von postmodernen Börsenhallodris unterscheidet. Es ist vor allem sein Pflichtbewusstsein gegenüber der Belegschaft, gepaart mit Härte gegen sich selbst.

»Sie arbeiten für uns, und wir arbeiten für sie«, sagen die Krupps über die Kruppianer. Es bedeutet, dass der Patriarch in Krisenzeiten durchaus das Privatvermögen seiner Ehefrau riskiert, um den Betrieb vor der Pleite zu retten; aber auch, dass der Gatte seine unbotmäßige Gattin in eine Irrenanstalt sperren lässt, wenn der Kaiser als Hauptauftraggeber es befiehlt. Der ideale Unternehmer tut so etwas ungern, aber tut es aus Verantwortungsgefühl. Entscheidend ist im Film nicht, dass Krupp Waffen ans kaiserliche Heer liefert, sondern dass er sich zähneknirschend dazu durchringen muss und nachher seinen kaputt geschossenen Arbeitern teure Beinprothesen bezahlt. Diese verlogene Barmherzigkeit erscheint als ehrliche Selbstaufopferungsbereitschaft, die von Generation zu Generation vererbt wird.

Für das ZDF hat der Regisseur Carlo Rola ein Ahnenporträt der bedeutendsten deutschen Fabrikantenfamilie gemalt. Ein Triptychon von heiliger Einfalt und nationaler Größe! Es zeigt das Bürgertum in seiner dynastischen Phase, in jener wechselvollen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als es Ehre und Geld gleichzeitig verteidigen musste. Dass die Krupps scheitern, nimmt der Porträtist als Beweis ihres Anstands. Seine Helden erscheinen auch in ihren brutalen Momenten anständig, denn sie handeln im Namen der »Idee«, von der die Filmfigur Bertha Krupp sagt, dass sie größer sei als die Menschen, die Fabriken, die Produkte. Das klingt pompös, und Bertha (gespielt von Iris Berben) neigt wirklich zum spätbürgerlichen Cäsarenwahn. Trotzdem wirbt der Film für dieses letzte Heilsversprechen: Kapitalismus als Religion und Unternehmertum als Utopie.

Am Anfang sieht Krupp von Carlo Rola noch aus wie Die Verdammten von Luchino Visconti, jene böse Kinopersiflage auf deutsche Großindustrielle, die sich an den Faschismus verkaufen. Es sind ja die gleichen Anfangsmotive: der wie im Fegefeuer glühende Stahl und die weltuntergangsmäßig hallenden Hammerschläge; das Familientreffen an der langen Tafel, wo schöne Menschen einander in stummem Hass gegenübersitzen; die verhängnisvolle Liebe, die zu spätromantischen Streicherklängen erblüht. Doch während Visconti den Verfall bürgerlicher Tugenden anhand der fiktiven Familie Essenbeck betrauert, verteidigt Rola den Konservatismus in Gestalt problematischer historischer Personen.

Einerseits haben die Krupps ihre Arbeiter schon vor Bismarcks Sozialgesetzgebung gut abgesichert – andererseits haben sie während des »Dritten Reiches« Zehntausende Zwangsarbeiter ausgebeutet. Vor solchen Widersprüchen kapituliert der Regisseur von Anfang an, indem er sie so klein wie möglich macht und mit beinahe devotem Einfühlungsvermögen die Familie zwischen 1901 und 1967 schildert: Fritz Krupp, der heimliche Homosexuelle, geht trotz seiner Tüchtigkeit an übler Nachrede durch die Sozialdemokraten zugrunde; seine Tochter Bertha und der Legationsrat Gustav von Bohlen und Halbach werden durch Kaiser Wilhelm II. zwangsverheiratet, aber bekommen glücklich acht Kinder, sie bauen die »Waffenschmiede des Reiches« auf, aber machen auch Geschäfte mit Sowjetrussland, sie empfangen widerwillig den Proleten Hitler auf ihrem Familiensitz, aber helfen ihm eiligst beim Aufrüsten; ihr Ältester Alfried, der 1943 zum Konzernchef aufsteigt, stellt sich nach dem Krieg freiwillig und sitzt bis 1951 in Haft.

Es liegt in der Entschuldungslogik des populären Geschichtsfernsehens, dass das Private das Politische weitgehend zum Verschwinden bringt: Wir erleben ausführlich die ambivalente Freundschaft der Krupps zum Kaiser, aber erfahren nicht, dass sie zwischen 1914 und 1918 die Zahl ihrer Beschäftigten verdoppeln konnten. Wir sehen einen Gefechtstest des berüchtigten Mörsers »Dicke Bertha«, aber erleben den Krieg nur in einer kurzen blutigen Szene. Da liegen auf rauchendem Schlachtfeld zitternde Männer mit zerfetzten Gliedmaßen, es ist ein Moment der Wahrheit, er dauert fünf Sekunden. Später folgt die minutenlange Flucht der Krupps vor schießwütigen Novemberrevolutionären. Dass wir mit den Waffenfabrikanten mehr Mitleid haben als mit den Soldaten, liegt an einer perfiden Dramaturgie der Gefühle, die unseren Verstand planmäßig außer Kraft setzt.

An der Oberfläche argumentiert der Film gegen den Mythos vom Kruppstahl, aber im Herzen ist er ihm innig zugetan. Er macht uns vergessen, dass für den finalen Aufstieg des Großunternehmens zwei Weltkriege nötig waren, und tut, als hätten die Kriege Krupp ruiniert. So verfehlt man als Zuschauer das Wesen des preußischen Kapitalismus mit seiner militärischen Sozialordnung und lässt sich überwältigen von dem, was das ZDF am besten kann: Privatisieren und Mythisieren von Geschichte. Der ideale Unternehmer (nacheinander gespielt von Fritz Karl, Heino Ferch, Thomas Thieme, Benjamin Sadler) ist ein tragischer Tatmensch. Er handelt gegen sein Gewissen nicht um des Profits, sondern um seiner Schutzbefohlenen willen. Darin besteht seine schicksalhafte Ritterlichkeit: im Verzicht auf den eigenen Seelenfrieden und in zeitig erlernter Selbstverleugnung.

Zu den bewegendsten Episoden des Films zählen jene, in denen das Kind Alfried getriezt wird. Wenn es versehentlich eine Kaffeetasse umwirft, zweifelt die gestrenge Mutter sofort an seiner Eignung als Alleinerbe. Wenn es wegen einer Fahrradpanne zwei Minuten zu spät zum Abendessen erscheint, lässt der Vater es vor verschlossener Tür stehen. In Alfrieds trotzigtraurigem Kindergesicht leuchtet dann die Erkenntnis auf, dass es sich keine Fehler leisten darf. Perfektion ist die Bürde, derentwegen wir diesen Sensibelsten der Krupps bemitleiden sollen, auch als Erwachsenen noch, der seine Ehefrau nicht gegen seine boshaften Eltern schützt. Warum eigentlich nicht? Aus Disziplin.

Die verständliche Sehnsucht nach einem Kapitalismus mit menschlichem Antlitz geht im Film einher mit der Verherrlichung festgefügter Ordnung. In der Villa Hügel mit ihren adretten Dienstmädchen und im Park mit seinen gestutzten Rabatten hat ein Jegliches noch seinen Platz. Ist Sicherheit nicht doch besser als Freiheit? Ist eine vorhersehbare Biografie nicht besser als ein flexibilisierter Lebenslauf? Ist Opportunismus nicht besser als Orientierungslosigkeit? Vor diese Alternativen stellt uns Krupp. »Weißt du, was das Geheimnis von perfektem Stahl ist?«, wird eines der Kinder gefragt. »Er ist nicht nur hart, sondern auch biegsam, denn dann lässt er sich schmieden, dann ist er nahezu unzerstörbar.«

Der Mensch muss geschmiedet werden, bis er nicht mehr bricht: So lautet die reaktionäre Botschaft dieses Films, der uns den Typus eines sehr tapferen feigen Mannes zur Identifikation anbietet. Alfried ist zutiefst unglücklich, aber lebt in stabilen Verhältnissen, in klaren Hierarchien, in verlässlichen Zwängen. Als »stahlhartes Gehäuse« hat der Soziologe Max Weber die Institutionen des stabilen Kapitalismus beschrieben. Es wäre schön, wenn wir den flexiblen Kapitalismus einmal kritisieren könnten, ohne sogleich in einem kruppstahlharten Gehäuse zu landen.

»Krupp« im ZDF: 22., 23., 25. März, jeweils 20.15 Uhr

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leser-Kommentare

  1. entronnen und nun Papa Chef oder ein Vorarbeiter. Oder König? Oder Diktator? Psychologen sagen, die Firmenpatriarchen wollen sowas wie ein Königreich erschaffen.
    Was ist dann bloß mit der Demokratie unter diesen Umständen? Einfach ausgehebelt für die Arbeitszeit.
    Außerdem gab es Ende der 20er eine Weltwirtschaftskrise und ein Börsendebakel, verursacht durch ganz ähnliche Vorgänge wie heute.

    Ich wünsche dem Kapitalismus dem Tod!

    Ich wünsche, daß die Massen sich für Geist, statt für billige Sinnenfreuden, Hedonismus, Opportunismus und Ignoranz entscheiden!

    Das ist der Ausweg.

    Man muss ja nicht ganz auf schöne Dinge verzichten. Aber diese Verramschung unserer Ressourcen und die Einfältigkeit, die damit einher geht, das muss sich ändern und die Menschheit hat es nicht anders verdient.

    FG

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    edit   KingBuzzo

    Statt "und" ein "oder" im der letzten Satz. Der Sinn ist sonst verstellt. Vorher noch ein "n", statt "m".

    Sorry!

    FG

  2. 2. edit

    Statt "und" ein "oder" im der letzten Satz. Der Sinn ist sonst verstellt. Vorher noch ein "n", statt "m".

    Sorry!

    FG

    Antwort auf "Der Schule"
  3. in noch so "gut" gedrehten, manipulativen Filmchen zeigen, was man will, aber zehntausende Zwangsarbeiter erbarmungslos ausbeuten kann meiner Meinung nach nur jemand, dessen hervorstechende Eigenschaften Machtbesessen- und Armherzigkeit sind -
    vollkommen egal, wieviel (gespielte) Mildtätigkeit und (berechnende) Hilfsbereitschaft dieser scheinheilige Jemand auch immer an den Tag legt.

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    Im Gesundheitswesen arbeiten 75.000 Zwangsarbeiter, die man euphemistisch "Zivis" nennt. Im Unterschied zur Privatwirtschaft ist das allerdings weder Armherzigkeit noch Machtdrang, sondern der "Sozialstaat", demnach vollkommen okay.

  4. Im Gesundheitswesen arbeiten 75.000 Zwangsarbeiter, die man euphemistisch "Zivis" nennt. Im Unterschied zur Privatwirtschaft ist das allerdings weder Armherzigkeit noch Machtdrang, sondern der "Sozialstaat", demnach vollkommen okay.

    Antwort auf "Man möge mir"
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    Na, Na !   la borsa

    Im 3. Reiche waren 8,3 Mio. Zwangsarbeiter und 5,9 Mio. Zivilarbeiter beschäftigt. Zivildienst ist ein Ersatzdienst, der von Wehrpflichtigen geleistet werden muss, die aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigern. Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ist in Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes verankert. Ihre schwerwiegende Gleichsetzung von Zwangsarbeit und Staatsbürgerlichen Pflichten zielt ab auf die Zersetzung der Gesellschaft. Ist Ihnen das klar?

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    Die Aufklärung darf kein leerer Wahn werden in einer Zeit der Anmaßungen.

  5. Ich wäge ab, mir den Film anzusehen.
    Ich habe mich dann gegen den Film entschieden
    und schaue mir den Krimi mit dem Prahl an.

    Mit zunehmender Verärgerung registriere ich die Kampagne der öffentlichen-rechtlichen Sender, die Deutsche Vergangenheit via Historismus bewältigen zu wollen. Egal, ob Alt oder Jung, die Zahl derer nimmt zu, die die öffentliche Agitation zur Zeitgeschichte des Nachkriegsdeutschlands "Dicke haben".

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    Die Aufklärung darf kein leerer Wahn werden in einer Zeit der Anmaßungen.

    • 22.03.2009 um 21:42 Uhr
    • th

    Bei einem historischen Film kann die Frage doch nur sein, ob die Vergangenheit verfälscht oder manipuliert dargestellt wird oder nicht. Wenn das autoritäre Sozialsystem in gewisser Weise funktioniert hat - in Essen war man stolz, "Kruppianer" zu sein, und Wohnungen in der Krupp-Siedlung "Margaretenhöhe" (unter Denkmalschutz) sind heute noch begehrt - dann ist das eine Tatsache, die man nicht unter den Tisch zu kehren braucht, und keine Propaganda für zukünftige Entwicklungen.

    Vielleicht wäre es ja auch gut für das Verständnis unserer Geschichte, wenn die Jüngeren erführen, warum so viele Deutsche dem schon Anfang des 20. Jahrhunderts veralteten Kaiserreich so lange nachtrauerten, bis sie auf Hitler hereinfielen.

    Rückwärtsgewandte Schwarzmalerei trägt jedenfalls überhaupt nichts zum Verständnis der Geschichte bei. Sondern nur zur moralischen Selbstbestätigung des "empörten" Zuschauers.

  6. Im 3. Reiche waren 8,3 Mio. Zwangsarbeiter und 5,9 Mio. Zivilarbeiter beschäftigt. Zivildienst ist ein Ersatzdienst, der von Wehrpflichtigen geleistet werden muss, die aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigern. Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ist in Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes verankert. Ihre schwerwiegende Gleichsetzung von Zwangsarbeit und Staatsbürgerlichen Pflichten zielt ab auf die Zersetzung der Gesellschaft. Ist Ihnen das klar?

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    Die Aufklärung darf kein leerer Wahn werden in einer Zeit der Anmaßungen.

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    was Sie da schreiben, oder ist das nur ein verunglücktes Humorderivat?

  7. was Sie da schreiben, oder ist das nur ein verunglücktes Humorderivat?

    Antwort auf "Na, Na !"
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    Klar.   la borsa

    Karneval ist vorbei. Die Aschermittwoch-Zeit hat wieder begonnen. Die Zivis im Maschinenraum des Rentner-Dampfers BRD sind "not amused".
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    Die Aufklärung darf kein leerer Wahn werden in einer Zeit der Anmaßungen.

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  • Von Evelyn Finger
  • Datum 22.3.2009 - 15:36 Uhr
  • Serie Audio
  • Quelle DIE ZEIT, 19.03.2009 Nr. 13
  • Kommentare 13
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