Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst des alten vertrauenswürdigen Kapitalismus. Es ist ein Vorfahre des neuen gewissenlosen Kapitalismus und wird beschworen in der Stunde des endgültigen Vertrauensverlusts. Alle haben sich zu seinem Lob verbündet, die Kanzlerin und die Bischöfe, die Gewerkschafter und die Autoschlosser. Sie verherrlichen die unternehmerische Vernunft von gestern angesichts der spekulativen Gier von heute. Sie sehnen sich nach der Vergangenheit, aber hat es die je gegeben? Das Geschichtsfernsehen zumindest glaubt an den Heroismus früherer Wirtschaftseliten. Mit dem opulenten Dreiteiler Krupp liefert es den passenden Spielfilm zur Lage, der unserer kollektiven Sehnsucht nach einem Tugendkapitalismus Ausdruck verleiht.

So sieht also der ideale Unternehmer aus: Er trägt Zylinder und Großvaters goldene Taschenuhr. Er bewegt sich in den dröhnenden Maschinenhallen seines Essener Stahlwerkes ebenso selbstsicher wie auf dem Parkett seiner kostbar tapezierten Villa Hügel. Er besiegelt Verträge noch mit Handschlag, doch sein konservativer Stil ist es nicht allein, der ihn von postmodernen Börsenhallodris unterscheidet. Es ist vor allem sein Pflichtbewusstsein gegenüber der Belegschaft, gepaart mit Härte gegen sich selbst.

»Sie arbeiten für uns, und wir arbeiten für sie«, sagen die Krupps über die Kruppianer. Es bedeutet, dass der Patriarch in Krisenzeiten durchaus das Privatvermögen seiner Ehefrau riskiert, um den Betrieb vor der Pleite zu retten; aber auch, dass der Gatte seine unbotmäßige Gattin in eine Irrenanstalt sperren lässt, wenn der Kaiser als Hauptauftraggeber es befiehlt. Der ideale Unternehmer tut so etwas ungern, aber tut es aus Verantwortungsgefühl. Entscheidend ist im Film nicht, dass Krupp Waffen ans kaiserliche Heer liefert, sondern dass er sich zähneknirschend dazu durchringen muss und nachher seinen kaputt geschossenen Arbeitern teure Beinprothesen bezahlt. Diese verlogene Barmherzigkeit erscheint als ehrliche Selbstaufopferungsbereitschaft, die von Generation zu Generation vererbt wird.

Für das ZDF hat der Regisseur Carlo Rola ein Ahnenporträt der bedeutendsten deutschen Fabrikantenfamilie gemalt. Ein Triptychon von heiliger Einfalt und nationaler Größe! Es zeigt das Bürgertum in seiner dynastischen Phase, in jener wechselvollen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als es Ehre und Geld gleichzeitig verteidigen musste. Dass die Krupps scheitern, nimmt der Porträtist als Beweis ihres Anstands. Seine Helden erscheinen auch in ihren brutalen Momenten anständig, denn sie handeln im Namen der »Idee«, von der die Filmfigur Bertha Krupp sagt, dass sie größer sei als die Menschen, die Fabriken, die Produkte. Das klingt pompös, und Bertha (gespielt von Iris Berben) neigt wirklich zum spätbürgerlichen Cäsarenwahn. Trotzdem wirbt der Film für dieses letzte Heilsversprechen: Kapitalismus als Religion und Unternehmertum als Utopie.

Am Anfang sieht Krupp von Carlo Rola noch aus wie Die Verdammten von Luchino Visconti, jene böse Kinopersiflage auf deutsche Großindustrielle, die sich an den Faschismus verkaufen. Es sind ja die gleichen Anfangsmotive: der wie im Fegefeuer glühende Stahl und die weltuntergangsmäßig hallenden Hammerschläge; das Familientreffen an der langen Tafel, wo schöne Menschen einander in stummem Hass gegenübersitzen; die verhängnisvolle Liebe, die zu spätromantischen Streicherklängen erblüht. Doch während Visconti den Verfall bürgerlicher Tugenden anhand der fiktiven Familie Essenbeck betrauert, verteidigt Rola den Konservatismus in Gestalt problematischer historischer Personen.

Einerseits haben die Krupps ihre Arbeiter schon vor Bismarcks Sozialgesetzgebung gut abgesichert – andererseits haben sie während des »Dritten Reiches« Zehntausende Zwangsarbeiter ausgebeutet. Vor solchen Widersprüchen kapituliert der Regisseur von Anfang an, indem er sie so klein wie möglich macht und mit beinahe devotem Einfühlungsvermögen die Familie zwischen 1901 und 1967 schildert: Fritz Krupp, der heimliche Homosexuelle, geht trotz seiner Tüchtigkeit an übler Nachrede durch die Sozialdemokraten zugrunde; seine Tochter Bertha und der Legationsrat Gustav von Bohlen und Halbach werden durch Kaiser Wilhelm II. zwangsverheiratet, aber bekommen glücklich acht Kinder, sie bauen die »Waffenschmiede des Reiches« auf, aber machen auch Geschäfte mit Sowjetrussland, sie empfangen widerwillig den Proleten Hitler auf ihrem Familiensitz, aber helfen ihm eiligst beim Aufrüsten; ihr Ältester Alfried, der 1943 zum Konzernchef aufsteigt, stellt sich nach dem Krieg freiwillig und sitzt bis 1951 in Haft.

Es liegt in der Entschuldungslogik des populären Geschichtsfernsehens, dass das Private das Politische weitgehend zum Verschwinden bringt: Wir erleben ausführlich die ambivalente Freundschaft der Krupps zum Kaiser, aber erfahren nicht, dass sie zwischen 1914 und 1918 die Zahl ihrer Beschäftigten verdoppeln konnten. Wir sehen einen Gefechtstest des berüchtigten Mörsers »Dicke Bertha«, aber erleben den Krieg nur in einer kurzen blutigen Szene. Da liegen auf rauchendem Schlachtfeld zitternde Männer mit zerfetzten Gliedmaßen, es ist ein Moment der Wahrheit, er dauert fünf Sekunden. Später folgt die minutenlange Flucht der Krupps vor schießwütigen Novemberrevolutionären. Dass wir mit den Waffenfabrikanten mehr Mitleid haben als mit den Soldaten, liegt an einer perfiden Dramaturgie der Gefühle, die unseren Verstand planmäßig außer Kraft setzt.