Kino Sohn schlägt Mutter

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen - Nurý Býlge Ceylan erzählt in seinem unnahbaren Melodram "Drei Affen" die vielfältigen Formen der Abhängigkeit

Der junge Ismail: schmal, depressiv vor Energie, die sich auf keine Zukunft richtet. Hacer, seine Mutter: schön, aber gezeichnet von der Melancholie verpasster Lebensträume. Sie stehen einander in brennender Spannung gegenüber. Da entgleisen Ismails Züge, er holt aus… Ein Sohn schlägt seiner Mutter ins Gesicht: undenkbar. Doch das Bild vom Ausbruch bitterster Distanz hat den türkischen Filmemacher Nurý Býlge Ceylan nicht losgelassen. Es ist die Schlüsselszene seines jüngsten, großartigen Films Drei Affen , für den er 2008 in Cannes den Preis für die beste Regie erhielt. Was kann einen jungen Mann so weit treiben? Die Antwort erspürt der Regisseur in den Verletzungen, die Ismails Familie durch vielfältige Formen der Abhängigkeit zugefügt werden.

Am Anfang steht die Schuld. Der Politiker Servet hat einen Fußgänger überfahren. Noch in der Nacht ruft er seinen Chauffeur Eyüp an und bittet ihn, sich an seiner statt zu stellen. Was bedeuten neun Monate Haft für den Bediensteten, wenn sein Chef Servet mitten im Wahlkampf steht? Der unmenschliche Vergleich bleibt unausgesprochen, doch in Eyüps Miene gefriert die Ahnung zur Erkenntnis: Er hat keine Wahl. Diese Demütigung gebiert alle folgenden Selbsttäuschungen, Lügen und Heimlichkeiten. Ismail, Eyüps Sohn, unfähig, ein Studium aufzunehmen, gibt hinter dem Rücken des inhaftierten Vaters einen Teil von Servets Abfindungssumme für ein Auto aus. Seiner Mutter verschweigt er, wo er sich herumtreibt. Hacer betrügt ihrerseits ihren Mann – mit dessen Chef. Der Sohn entdeckt die Affäre, aber er verrät seinem Vater nicht, was dieser ahnt, aber nicht wissen will. In Ismails Ohrfeige gegen die Mutter entlädt sich hilflos der Schmerz darüber, dass Eheleute, Eltern und Sohn immer weiter auseinanderdriften. Verbunden sind sie nur mehr durch ihre Sprachlosigkeit.

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen – Drei Affen seziert minutiös die Dialektik dieser alten Metapher. In ihrer ursprünglichen, japanischen Deutung versinnbildlicht sie die Möglichkeit, über Schuld und Konflikte hinweggehend das Gesicht zu wahren. Im Westen hingegen steht sie für die feige Verdrängung der Wahrheit und damit der Verantwortung, eine Tragödie doch noch zu verhindern. Unausweichlich steht der Tod eines weiteren Menschen am Ende des Films, und erneut muss ein Unschuldiger dafür büßen. Der Intensität seiner Beziehungsstudien und der Kraft seiner Bilder wegen wird Nurý Býlge Ceylan oft mit Michelangelo Antonioni oder Ingmar Bergman verglichen. Auch in Drei Affen sind weder Morde noch Liebesakte ausgemalt, drängt keine Musik unzweideutige Gefühle auf, sind die Ereignisse und ihre Folgen, die Hoffnungen und Abgründe allein in den Gesichtern glänzender Darsteller zu lesen. Manchmal fast zu kunstvoll inszeniert Ceylan die Vereinzelung seiner Figuren, die schon in früheren Filmen sein Thema war; streckenweise wird sein Melodram so unnahbar wie sie. Doch unvergesslich bleibt die existenzielle Wucht der Bilder von Schuld, Angst und Scham – und die Kritik an einer patriarchalischen Gesellschaft, die Armut hinnimmt, ausnutzt und vielen Menschen den Ausbruch daraus so sehr verbaut, dass der Weg ins Gefängnis kaum mehr als einen Ortswechsel bedeutet.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 19.03.2009 Nr. 13
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    • Schlagworte Ingmar Bergman | Affe | Cannes | Film | Kino | Michelangelo Antonioni | Dialektik
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