Kommunikation Abfall an alle
Jeden Tag bekommen wir von Freunden und Kollegen E-Mails, die wir nicht haben wollen. Denn sie sind nicht an uns persönlich gerichtet, sondern "an alle". Warum eigentlich?
Eine E-Mail. Ich schloss zu Konzentrationszwecken kurz die Augen, schrieb: "Liebe Kollegen", korrigierte mich rasch, ergänzte "Liebe Kolleginnen und Kollegen" – der unschöne Zwitter "KollegInnen" hat sich bekanntermaßen nicht durchsetzen können und erinnert an besonders umweltgerecht graue Flugblätter des Allgemeinen Studierendenausschusses der Universität Göttingen. Ich hätte, schrieb ich, eine Idee zu einem Artikel. Der Artikel solle um moderne Kommunikation kreisen. Ich wisse zwar, schrieb ich sinngemäß, die moderne Kommunikation und den Irrsinn, der mit ihr verbunden sei, habe man oft und ergiebig beschrieben: die Zeit, die sie fresse, die Oberflächlichkeit, die sie erzeuge, die schlimmen Arbeitsunterbrechungen usw. Mir aber gehe es um einen Artikel, der "Müll an alle" heißen könnte. Um E-Mails also, die an alle im Büro gerichtet seien und jeden nervten ("Hat jemand meine Benjamin-Blümchen-Tasse gesehen?").
In diesem Artikel würde ich aufzeigen, dass zwar die Spam-Filter wunderbar funktionierten, dass dies aber seltsamerweise zu kaum einer zeitlichen und emotionalen Erleichterung geführt habe. Denn wir – alle, die eine berufliche E-Mail-Adresse haben: Behördenmitarbeiter, Werber, Sachbearbeiter, Sekretärinnen – produzierten längst selbst den Spam, den wir einst zu bekämpfen suchten und gegen den jeder Filter machtlos sei.
"Habt Ihr, liebe Kolleginnen und Kollegen…", schrieb ich im zweiten Absatz und korrigierte mich sogleich, es würde wohl jemand unter den Adressaten sein, den ich sieze. Ich schrieb also: "Haben Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen…" Das aber würde wiederum unlocker gegenüber meinen Duzkollegen wirken. Ich schrieb also schließlich: "Hat nicht jeder von uns gestern eine E-Mail von Kollegin Sabine Mustermann (Name geändert) erhalten, die uns eine Wohnung in Berlin-Dahlem vermieten möchte? Sie hat diese Wohnungsannonce an schätzungsweise 200 Kolleginnen und Kollegen verschickt, denen sie damit einige Sekunden ihrer Lebenszeit raubte, gut, bis auf die eine Kollegin oder den einen Kollegen (wenn es denn den einen oder die eine überhaupt gab), die oder der tatsächlich eine Wohnung ausgerechnet in Berlin-Dahlem suchte. Oder neulich die E-Mail von Kollege Hans Mustermann (Name geändert), der einen Toaster, gut erhalten, sehr günstig abzugeben hatte. Dann noch die zwei Karten von der Kollegin aus der Presse- und Öffentlichkeits-Abteilung (Abteilung geändert), die sie für sich und ihren Mann zum Udo-Lindenberg-Konzert gekauft hatte. Nun war aber der Geburtstag einer guten Freundin des Hauses dazwischengekommen. Ob an diesen zwei Karten wohl jemand Interesse habe? Was wiederum der Fall war, weshalb zehn Minuten später erneut eine Mail an alle gesendet wurde, in der sinngemäß stand, dass Kollege Hans Mustermann sie erworben habe und jetzt ganz glücklich sei." Sie kam zeitgleich, ergänzte ich, mit der E-Mail eines anderen Kollegen an, dessen Motorboot einen neuen Besitzer suchte…
Ich lehnte mich zurück, überflog meine E-Mail, ganz zufrieden war ich nicht. Denn natürlich war diese E-Mail an viele eine Vorform der E-Mail an alle, deren inflationäres Versenden ich anprangern wollte. Zudem war sie arg glatt geschliffen ausgefallen, da so viele Empfänger zufriedengestellt werden müssen. Und was, wenn sie jemand an Sabine oder Hans Mustermann weiterleiten würde? Würden sie sich düpiert fühlen? Ich formulierte das Thema also etwas entschärfter und allgemeiner (womit sich mein Unwohlsein naturgemäß noch steigerte) und bastelte an den Empfängerzeilen herum. In der Empfängerzeile hat immer eine hierarchische Ordnung zu herrschen, und niemanden darf man vergessen.
Oh, die Empfindlichkeit, wenn jemand im CC: vergessen wurde! "Setz mich ins CC:!", heißt es ja auch allenthalben auf dem Büroflur, wenn irgendeine Sache angeleiert werden soll. Ich aber hatte an alle gedacht, hatte den Ressortleiter an den Anfang gesetzt, es folgten die Textchefin und einige Redakteure, die gleichfalls über derlei Themen schon einmal geschrieben hatten und die man deshalb einbinden musste. Mit jeder E-Mail an mehrere Empfänger wird das Organigramm des Betriebs reproduziert und damit der Status von Kollegen abgesichert.
Ans Ende der Mail setzte ich ein "Liebste Grüße". Ein großes Vorurteil, E-Mails betreffend, ist ja die Behauptung, dass sie häufig flapsig formuliert seien. Sie sind unhöflich gerade aufgrund ihrer Überhöflichkeit, so, wie man sich im Stillen über Menschen ärgert, die einem immer den Vortritt lassen und damit beim Gegenüber ein beständig schlechtes Gewissen erzeugen. E-Mails überbieten sich mit Herzlichkeitsbekundungen, sie wollen verbindlicher sein, als es ein Brief jemals war. Sie kämpfen um die Gunst der Adressaten wie der picklige Gymnasiast um seine unerreichbare Liebe. So auch ich.
Dann folgte das übliche Pingpongspiel. Jemand schrieb knapp: "Superidee!" – "Ach nee, hatten wir doch schon so ähnlich vor einem Jahr", erwiderte jemand anderes, allerdings mit allerlei Freundlichkeitsbekundungen vorab und so weiter. Bis sich der Verkehr ergebnislos erschöpft hatte. Irgendwann in irgendeiner Konferenz wurde dann der Artikel beschlossen, der E-Mail-Verkehr war ein vergnügungsloses Vorspiel gewesen, das allerdings den Anschein großer Betriebsamkeit erweckt hatte.
Wie denn überhaupt immer deutlicher wird, dass E-Mails, die an mehr als eine Person verschickt werden oder im schlimmsten Fall eben "an alle", nur selten zu irgendeinem sachdienlichen Ergebnis führen. Dafür aber soziale Prozesse zumeist ungut prägen. In der Software von E-Mail-Programmen ist durch die CC:-, die BCC:- und die Weiterleiten-Funktion die Intrige fest implementiert. Befinden sich Korrespondenzpartner auf gleicher hierarchischer Ebene, begeht einer von beiden aber den Fehler, im Laufe der Korrespondenz aufgrund einer Meinungsverschiedenheit oder einer geschickten Reizung grob zu reagieren, wird sein Gegenüber eine freundliche Zurechtweisung formulieren und sogleich CC: den Vorgesetzten mit in die Antwort setzen, um diesen über den Vorgang zu informieren.
Wer berufliche E-Mails schreibt, sucht daher stets, ein Meister der Verstellungskunst zu sein. Er schreibt, wenn er verärgert ist, nichts über seine Verärgerung, er schreibt, er sei "irritiert"; er ergänzt die Adressatenliste im Laufe eines E-Mail-Verkehrs, um, mit selbstverständlicher Brechung des Briefgeheimnisses, Vergehen zu dokumentieren. Ja, er fügt gar heimliche Mitwisser ein, für Dritte unsichtbare Teilhaber an einem Informationsaustausch, indem er sie ins BCC: setzt, ins Blind Copy. Oder aber er leitet den E-Mail-Verkehr nachträglich an jemand anderen weiter. Die beständige Gefahr der Instrumentalisierung führt zu jener diffusen Affektgedämpftheit im beruflichen Schriftverkehr, jener vorsichtigen Überfreundlichkeit, die während eines Telefongesprächs, dessen Aufzeichnung und Weiterreichung als grober Regelverstoß gelten würde, unüblich ist.
Wie denn Briefe überhaupt seit je für intrigante Manöver prädestinierter sind als das direkte Gespräch. Sie sind aufgrund ihrer Fälschungs- und Vertauschungsanfälligkeit Hauptrequisit europäischer Dramenliteratur, vorzugsweise wenn ein höfisches Komplott, eine Liebeskonfusion verhandelt wird. Die Zunahme des Schriftverkehrs durch E-Mails bedeutet eine Zunahme machtstrategischer Erwägungen, die – das nur nebenbei – insbesondere unter erhöhtem Konkurrenzdruck, also in Krisenzeiten, recht eigentlich zur Blüte gelangen.
Mit der "E-Mail an alle" wird indes fälschlicherweise suggeriert, dass man ganz transparent und offen, ohne jede Heimlichkeit sich anderen entblößen darf, die Bürogemeinschaft erscheint als WG-Küche, in der man die Mitbewohner ungezwungen nach einer verloren gegangenen Socke befragen darf. Wir sind Freunde. Wie im Netz bekanntermaßen alle Freunde sind.
Telefoniert wurde einst viel im Büro, geschrieben wenig, zumindest wenig, wenn es um interne Absprachen ging. Im Falle eines Ereignisses, von dem alle unterrichtet werden mussten, schrieb man "Hausmitteilungen", die mit Durchschlag getippt oder kopiert wurden und die man dann in Umschläge steckte. Dann rollte ein gut gelaunter junger Mann mit seinem Wägelchen durch den Büroflur und verteilte die Nachricht. Sie war mit einem gewissen Umstand verbunden, was die ungehemmte Versendung von Hausmitteilungen "an alle" eindämmte.
Ohnehin gab es ja das sogenannte Schwarze Brett, an dem allerlei Bekanntmachungen, Anliegen, Angebote hingen, die man in müßigen Minuten, vorzugsweise nach dem Mittagessen, las, statt von ihnen ungefragt heimgesucht zu werden. Elektronische Schwarze Bretter indes, die manche Betriebe eingerichtet haben, um die Flut an privaten oder beruflichen Botschaften "an alle" zu kanalisieren, bleiben zumeist ungenutzt (wie man ja auch nicht stundenlang vor dem haptischen Schwarzen Brett stand, sondern aus gezieltem Zeitvertreib). Wie es auch unsinnig wäre, private Anliegen im beruflichen E-Mail-Verkehr zu verbieten, da sich beide Ebenen längst unauflöslich vermengt haben. Noch unsinniger aber wäre es, den Tipps eines der zahlreichen Bürokommunikations-Ratgeber zu folgen, die einem nahelegen, nur zu bestimmten Uhrzeiten die E-Mails zu checken, als sei die Neugierde eine leicht kontrollierbare Marotte und als harre nicht tatsächlich jede zweite E-Mail einer umgehenden Antwort, wie zweckmäßig sie de facto auch sei. Sich von allgemeinen Normerwartungen abzukoppeln mag zwar zur Seelenruhe führen, doch langfristig eben auch zu einer Sonderlingsrolle, die mit karrierehemmenden Begleiterscheinungen verbunden wäre.
Die "E-Mail an alle" ist die Extremform, in der der Verlust unserer Hemmschwelle, andere zu belangen, offenbar wird. Niemand ist mehr, sofern eine persönliche Sekretärin ihn nicht schützt, unbelangbar. Die dringlich gesuchte Benjamin-Blümchen-Tasse einer Kollegin aus der Controlling-Abteilung versetzt die gesamte Angestelltenschar einen winzigen Moment lang in Schockstarre, sobald ihre E-Mail eingeht. Wir sind anmaßend geworden, grob, wir belästigen, wir müllen uns rücksichtslos zu, von jedem Ort der Welt aus. Zu jeder Zeit. Vorzugsweise aber um 22.30 Uhr, um dem Chef, den wir CC: setzen, mitzuteilen, wie lange und freudig wir doch arbeiten.
Kein Medium ist nur ein schnödes Transportmittel für eine Botschaft, sondern jedes ändert unseren Weltbezug, unser soziales Koordinatensystem, unser Denken und Fühlen. E-Mails haben unser gegenseitiges Misstrauen geweckt, uns die Zeit geraubt (denn jede gewonnene Minute im rasanten Verkehr füllen wir gleich wieder auf), unsere narzisstischen Ansprüche erhöht: Wir warten immer auf Antwort. Und manche, jene E-Mail-an-alle-Schreiber, glauben, dass wir im Büro (wie auch in diversen Netzwerken wie Facebook) mit allen eine Gemeinschaft eingegangen sind, die für jedes Bedürfnis eine Befriedigung, für jedes Wehwehchen ein Pflaster hat. Die E-Mail-an-alle-Schreiber haben daher auch keine Scheu, Intimitäten (ihren Musikgeschmack, Familienstandsänderungen oder Kaffeetassenvorlieben) schamlos offenzulegen.
Abfall für alle hat Rainald Goetz vor zehn Jahren sein in Buchform erschienenes Onlinetagebuch genannt, das von flüchtigen Alltagsbeobachtungen handelt, von wunderbar Banalem. Abfall war, das wissen wir heute, visionäre Avantgarde, Abfall ist das Paradigma unserer Zeit schlechthin geworden. Die Ausrufezeichen, die an Mails mit höchster Priorität kleben, sind inflationär wie der Schwarm von Eitelkeiten in Foren, in denen über Befindlichkeits- und Gewichtsprobleme debattiert wird. Selbst die seit einer gefühlten Ewigkeit donnernden Schlagzeilen der Zeitungen und Onlinemedien zur Krise, die uns heimsucht, sind nur Müll, der nach unten rutscht, sobald die Affäre eines Politikers nach höheren Klickzahlen heischt.
Die Klage darüber ist auch nur Kulturkritikmüll, auf den etwas Kulturkritikkritikmüll folgt im großen Müllcontainer unserer Zeit. Die verlorene Benjamin-Blümchen-Tasse erscheint gleichberechtigt mit der vertraulichen Mitteilung über die jüngste Entwicklung der Umsatzzahlen im Posteingang des Abteilungsleiters. Im Zeichen des Mülls sind alle gleich.
Dann, ich hatte den Artikel bereits mit dem vorherigen Absatz abgeschlossen, erreichte mich die E-Mail einer Kollegin, die über mein Thema informiert war. In der Betreffzeile stand: "Diese Mail ist nur für Sie".
Welche "E-Mails an alle" haben Sie schon bekommen? Schicken Sie die besten Beispiele an emailanalle@zeit.de
- Datum 18.03.2009 - 17:35 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.03.2009 Nr. 13
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Es genügt nicht nur, keine Gedanken zu haben, man muss das auch allen mitteilen;-) Die E-Mail hat sich dank Spam und aufgeblasenen Mailinglisten totgelaufen. Heute muss man neue oder alte Wege der Kommunikation wieder entdecken. Dazu gehört aber auch, dass man selbst auf die eine oder andere Mail verzichtet.
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