Gesellschaftskritik Echte und falsche Gigolos

Der Fall Helg Sgarbi - wann wird der Liebesbetrug zum schmutzigen Geschäft?

Der Schweizer Gigolo Helg Sgarbi, der dieser Tage wegen Betrugs und Erpressung reicher Damen verurteilt wurde, steht in einer großen, nicht durchweg schmutzigen Tradition. Man braucht in Casanovas Memoiren nicht lange zu blättern, um festzustellen, dass auch dieser berühmteste aller Liebhaber nicht nur Frauen verführte, die ihm gefielen, sondern ebenso solche, die ihn finanzieren konnten.

Indes scheint es damals vielen Damen, insbesondere den älteren der besseren Gesellschaft, durchaus klar gewesen zu sein, dass dieser Mann nicht nur geistreich und erotisch begabt, sondern auch teuer war. Insofern fällt es schwer, Casanova, der sonst durchaus hochstaplerische Züge hatte, in diesem Punkt des Betrugs zu zeihen; ganz abgesehen davon, dass Erpressung mit amourösen Details im libertären 18. Jahrhundert und erst recht in der Aristokratie schwer denkbar schien. Man könnte also sagen: Selbst wenn es grundsätzlich nicht schön ist, Liebe gegen Bezahlung zu bieten, so wird es erst dann zum demütigenden Skandalon, wenn dem, der zahlen soll, diese Geschäftsbedingung zunächst nicht ersichtlich ist.

Bei Studentinnen, die sich von einem älteren Liebhaber das Appartement finanzieren lassen, wird man also nicht von Liebesbetrug sprechen wollen. Etwas anderes ist es bei klassischen Heiratsschwindlern, obwohl es selbst hier Opfer gibt, die nicht nur mit Empörung, sondern auch einer gewissen schwärmerischen Nostalgie zurückblicken und sagen, alles in allem sei der Betrüger oder die Betrügerin ihr Geld wert gewesen. Eine solche Perspektive auf den Liebesverrat, der es doch schließlich war, setzt allerdings eine gewisse Bereitschaft zur Selbstdistanzierung voraus: Man muss erkennen, dass man nicht ohne Grund so bedenkenlos freigebig gewesen ist, sondern auch etwas bekommen hat, das sich kostbar anfühlte, auch wenn es geheuchelt war.

Eine solche Empfindung lässt sich allerdings nicht aufrechterhalten, wenn Erpressung im Spiel war. Erpressung, die das Liebesgeschehen von sich aus in etwas potenziell Anstößiges verwandelt – noch ehe der Betrogene ahnt, dass er sich zu schämen hat –, erzeugt ein Gefühl der Demütigung, das schlimmer ist als die Täuschung. Der getäuscht Liebende ist immer noch Subjekt, als Erpresster ist er nur noch Objekt. Diese Verwandlung in einen bloßen Gegenstand finsterer Machenschaften ist ein tatsächlich schmutziger Vorgang, der durch keinen Verweis auf die Leichtigkeit der ursprünglichen Verführung zu rechtfertigen ist.

Helg Sgarbi hat offenbar nicht damit gerechnet, dass die Milliardärin Susanne Klatten, die er so tief stieß, noch die Kraft finden würde, mit einer Anzeige ihre Demütigung öffentlich zu machen. Sie hat einen Mut bewiesen, der ihn erblassen lassen müsste. Denn dieser Mut beweist, dass die Frau, zu der er Liebe nur heuchelte, auch verdient hätte, wirklich geliebt zu werden.

 
Leser-Kommentare
  1. ...vor allem aber zum Verhalten von Frau Klatten schrieb ich am 9.3.

    Frau Klatten verdient den grössten Respekt
    für ihren Mut, diesen Gauner angezeigt zu haben, ebenso wie ihre Bereitschaft, ggf. auch öffentlich gegen ihn vor Gericht auszusagen.

    Über die Gründe ihres "Fehltritts" zu spekulieren ist müssig...
    http://kommentare.zeit.de...

    Was Sie zum Thema der Studentinnen, die sich von einem älteren Liebhaber das Appartement finanzieren lassen, schreiben, das wäre allerdings einen eigenen Artikel zum Thema wert.

    Darüber sollte sich evtl. Gero von Randow in Frankreich kundig machen, denn dort ist dieses Thema inzw. wohl beinahe schon "gesellschaftlicher Sprengstoff". Dies vor allem wegen der ungenügenden Studentenförderung, die manche Studentin fast zu einem solchen unehrenhaften Verhalten zwingt.

  2. 2. Jessen

    -
    Der Text ist lesenswert. Erstaunt hat mich, dass er von jenem Jens Jessen stammt, an dem die Herausgeberschaft offenbar intransigent festhält, eine Solidarität, die ihr bei Benjamin Henrichs oder Fritz Raddatz gut zu Gesicht gestanden hätte.

  3. Herr Jessen, ich hoffe sehr, daß Frau Klatten auch solche Stimmen hört, die voller Mitgefühl und Liebe sind, wie Ihr Artikel. Aber ich bin mir sicher, Sie geht zum Angriff über. Sie beeindruckt mich sehr und wird auch diesen anderen schmierigen Mafiosi zu Fall bringen!

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