DIE ZEIT: Herr Vogl, nach jedem Amoklauf suchen wir nach Gründen. Warum finden wir keine?

Joseph Vogl: Weil es für die sogenannten Amokläufe keine hinreichenden Gründe, allenfalls diffuse Motive und Anlässe gibt. Die Kriminologen und Psychiater bestätigen das und behelfen sich mit Statistik. Man stößt an die Grenzen der Individualpsychologie. Weder alltägliche Verletzungen wie Liebeskummer, Mobbing, Schulversagen noch das Spektrum von Krankheitsbildern – von Depression bis zur Schizophrenie – reichen hin, den Sprung von möglichen Ursachen zu dieser Art Massenmord zu erklären.

ZEIT: Warum suchen wir ständig nach Gründen?

Vogl: Weil Gründe, auch angesichts dieser Katastrophen, die Welt zusammenhalten und wenigstens nachträglich die Verstörung minimieren. Aber damit kommt man hier nicht weiter. Man hat es weder mit Wahnsinnigen noch mit »gefährlichen Individuen« zu tun. Kaum oder keine Anzeichen einer »abweichenden Persönlichkeit«. Es bleibt eine erschreckende Doppelgestalt von Harmlosigkeit und Gefährlichkeit, scheinbar normale Jugendliche, die etwas völlig Irrsinniges tun. Daran zerbricht alle Vernunft, auch die therapeutische.

ZEIT: Amokläufer scheinen das einzukalkulieren.

Vogl: Ja. Es gibt einen äußerst verstörenden Satz in den Notizen eines der Täter an der Columbine Highschool, die 1999 zwölf Menschen ermordeten. Kurz vor der Tat schrieb er: »Alles ist meine Schuld. Nicht die meiner Eltern, nicht die meiner Brüder, nicht die meiner Freunde, nicht die meiner Lieblingsbands, nicht die der Computerspiele, nicht die der Medien. DIE SCHULD GEHÖRT MIR!« Das heißt: Diese Täter haben die erwartbaren Erklärungsgründe selbst schon zum Gegenstand ihrer Taten gemacht und zudem alle Verantwortung reklamiert. Sie fordern die Zurechnung ihrer Anschläge ein, und diese Ausdrücklichkeit macht das Verbrechen nur umso rätselhafter.

ZEIT: Trotzdem geben die Täter Erklärungen ab.