DIE ZEIT: Sir Roger, die historische Aufführungspraxis war die große interpretatorische Revolution in der klassischen Musik der letzten 50 Jahre. Inzwischen hat sie nahezu überall prägenden Einfluss. Sie waren einer der Vorkämpfer der Bewegung und werden jetzt 75 Jahre alt. Ist es nicht langsam Zeit, die Revolution für beendet zu erklären?

Roger Norrington: Nein, das glaube ich nicht. Heute erwartet zwar jeder, dass Barockmusik von Monteverdi bis Händel historisch informiert aufgeführt wird, aber schon bei Beethoven ist das nicht mehr selbstverständlich.

ZEIT: Seit Jahren geht doch nahezu jede CD-Veröffentlichung der Beethoven-Symphonien in die Richtung, für die Sie einstehen. Polemisch könnte man sagen: Es fängt an, alles ein bisschen ähnlich zu klingen.

Norrington: Es ist ja nicht ähnlich, weil die Dirigenten uns etwas nachmachen. Wenn Beethoven mit der richtigen Orchestergröße, in der richtigen Sitzordnung, mit den richtigen Tempi und der angemessenen Gestik für die Musik des 18. Jahrhunderts gespielt wird, klingt er so. Dann klingt Beethoven wie Beethoven. Man muss ihn nicht »interpretieren«, wie es Furtwängler oder Karajan getan haben. Man muss ihn sich nicht vornehmen, um etwas anderes aus ihm zu machen.

ZEIT: Ich bleibe dabei, dass gerade Beethoven ein schlechtes Beispiel dafür ist, dass die historische Aufführungspraxis noch Überzeugungsarbeit leisten muss.

Norrington: Okay, nehmen Sie Brahms, der ist überhaupt noch nicht »erobert«. Und was ist mit Dvořak, Tschaikowsky, Wagner, Bruckner, Mahler? Das sind die Komponisten, mit denen wir uns in Stuttgart tagtäglich beschäftigen. Da gibt es viel zu tun. Es ist doch immer noch ein Sakrileg, das berühmte Adagietto aus Mahlers Fünfter Symphonie mit reinem Klang, ohne Vibrato, zu spielen. Ich fand faszinierend, es auszuprobieren und stelle zur Diskussion, wie man es machen könnte! Ich sage nicht: Nur so geht es. Man hat uns immer vorgeworfen, wir wüssten alles besser. Das stimmt aber nicht. Wir fangen noch einmal vom Nullpunkt an und fragen: Wer war Brahms? Wer war Wagner? Meine Aufnahmen bieten eine Möglichkeit an: Könnte es sein, dass Wagner so geht? Er selbst hat darüber geklagt, dass seine Musik immer so langsam gespielt wird. Und noch etwas will ich Ihnen sagen: Vielen Leute meinen, wir würden auf diese Art nur spielen, weil wir es für korrekt halten im Sinne von: Wir mögen das auch nicht, aber es ist unsere Pflicht, es so zu machen. Völliger Unsinn. Ich spiele Mahler und Wagner in dieser Weise, weil ich es einfach wunderschön finde. Weil ich denke: Wow, was ist das für ein toller Klang!

ZEIT: Wie entscheidend ist dabei, ob ein Orchester in den Streichern mit oder ohne Vibrato spielt?

Norrington: Damit geht es los. Es gibt genügend fundierte Erkenntnisse darüber, dass es zu Zeiten von Brahms kein Vibrato in den Orchestern gab. Also möchte ich das auch mal so hören. Ich probiere es aus und stelle fest: Heureka, es klingt fantastisch! So warm und human und unschuldig und ehrlich.

ZEIT: Wann und wo hat sich das Vibrato denn in die Orchester eingeschlichen?

Norrington: Es kommt in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf – mit dem Jazz. Es passt zu den Fahrten des Zeppelins und der großen Zeit von Manhattan . Eine neue Zeit brach an: Wir stellen die Saiten auf Stahl um! Das Empire State Building ist auch aus Stahl. Wir erfinden das moderne Orchester, denn auch in der Musik gibt es Fortschritt. Das war das Ideal. Aber es war nicht das Ideal von Brahms, der war kein Fortschrittsapologet. Mahler war für den Fortschritt, aber auch der hat nie ein Orchester mit Vibrato gehört. Das Vibrato war eine Sache der Caféhausmusik. Die Musiker haben es übernommen, und es hat sich eingebürgert, ohne dass die Dirigenten es einforderten. Die Komponisten mochten es gar nicht. Strawinsky fand, dass Vibrato Schund ist, und Schönberg sagte, es käme ihm vor wie das Meckern einer Ziege.