ZEITmagazin: Herr Schmidbauer, wir möchten Ihnen zu Beginn eine Partyfrage stellen: Angenommen, es gäbe den perfekten Mord, man würde für seine Tat niemals belangt werden können – kann ein Mensch, der so einen Mord begeht, mit dieser Sache leben?

Wolfgang Schmidbauer: Selbstverständlich. Sehr viel besser als das Mordopfer.

ZEITmagazin: Das schlechte Gewissen treibt einen nicht in den Wahnsinn?

Schmidbauer: Denken Sie nur an die Täter, die in der Nazizeit grausamste Sachen gemacht haben. Die schlafen ruhig, das Essen schmeckt ihnen, sie denken nicht an ihre Taten. Den Opfern und den Kindern der Opfer fällt es sehr viel schwerer, diese grausamen Dinge zu vergessen. Da der Täter aktiv ist, fühlt er sich als Herr seiner Tat, während sich das Opfer ohnmächtig fühlt und sein Selbstvertrauen einbüßt. Daher die große psychologische Ungerechtigkeit, dass Täter sehr viel besser mit ihren Taten leben können als die Opfer mit dem, was sie durchmachen mussten.

Verdrängung und Trauma

ZEITmagazin: Wie müssen wir uns den Prozess der Verdrängung eigentlich vorstellen? Was passiert da?

Schmidbauer: Stellen Sie sich eine Fabrik für Stressverarbeitung vor, die einen gewissen Vorrat an Energie gebunkert hat. Normalerweise funktioniert alles reibungslos, der Stress wird weggearbeitet. Bald fällt viel an, bald wenig; je nachdem wird mehr Energie verbraucht oder weniger. Gefährlich wird es, wenn die Energie erschöpft ist. Dann ist die Verarbeitung von Ängsten und Kränkungen nicht mehr möglich. Sie überfallen das Ich mit Panikattacken, Depressionen, Zwangssymptomen. Nichts funktioniert mehr. Wenn jemand in seiner Verdrängungsfähigkeit sehr geschwächt, wenn er sehr traumatisiert ist, kann er auch geringen Stress nicht mehr verarbeiten. Manche Kriegstraumatisierten empfinden schon das Ticken einer Uhr als unzumutbar und bekommen einen Wutanfall.

ZEITmagazin: Was kann denn zu einem Störfall in dieser Fabrik führen?

Schmidbauer: Es hängt zum einen von der jeweiligen Kultur ab, was Menschen als traumatische Überlastung erleben. Zum anderen gibt es natürlich Traumatisierungen, die alle Menschen beschädigen. Den Aufenthalt in einem Konzentrationslager übersteht niemand ohne Traumatisierung. Es gibt Beobachtungen, dass Menschen auch heftigste Traumatisierungen verdrängen können, sich jahrzehntelang nicht daran erinnern und normal funktionieren. Und es gibt andere Menschen, die können es nie vergessen, sind immer damit beschäftigt, haben nachts immer Albträume.

ZEITmagazin: Geht es einem eigentlich besser, wenn man sich der Verdrängung bewusst ist?

Schmidbauer: Verdrängung ist immer unbewusst.