Psychologie Das Glück der VerdrängungSeite 5/5
ZEITmagazin: Aber reizen würde es Sie schon?
Schmidbauer: Nein, ich denke, das geht nicht, das ist… Ein Therapeut bemüht sich ja, eher vorsichtig zu reagieren und dann auch erst, wenn er Genaues weiß. Wirklich besorgniserregend ist die Erkenntnis, dass die Experten nicht wissen, welche Werkzeuge sie wie handhaben müssen. Und wenn es die Experten nicht wissen, wer dann? Darüber muss man sich Gedanken machen. Ein Therapeut nützt da nicht viel. Wie könnte man die wenigen Leute, die es im Voraus gewusst haben, gesellschaftlich so stärken, dass sie uns beim nächsten Mal nicht nur rechtzeitig warnen, sondern wir ihnen auch glauben? Und wie kann man gleichzeitig die breite Masse von Pseudoexperten, die nicht wissen, welche Folgen ihre Ratschläge und ihr falscher Trost haben, so schwächen, dass ihnen niemand mehr hinterherläuft? Das wäre meine Idee zu dem Patienten Deutschland. Ihr erster Vorschlag erinnert mich in seinem Größenwahn-Appell doch sehr an den römischen Kaiser Caligula, der gesagt hat, wenn das ganze römische Volk nur einen Kopf hätte, würde er ihn abschlagen lassen.
ZEITmagazin: Ein schwieriger Patient.
Schmidbauer: Na ja, wir hatten in Deutschland eine ganze Generation, deren Wertstrukturen durch den Nationalsozialismus weitgehend zerstört wurden. Wir haben die 68er, die versucht haben, das durch entsprechende Größenvorstellungen und eine Neubewertung zu kompensieren, und auch über das Ziel hinausgeschossen sind. Jetzt hätten wir eine Chance, dass man aus diesen Erfahrungen lernt. Aber das von einem einzelnen Mann zu erwarten, ob er nun Therapeut ist oder Politiker, kommt den Problemen nicht nahe. Die sind nur lösbar, wenn die Experten wieder mehrheitlich das Allgemeinwohl bedenken und nicht Schneeballsysteme basteln. Heinrich von Kleist, hat dazu den prophetischen Satz über die Gelehrten gesagt: "Diese Menschen sitzen sämtlich wie die Raupe auf einem Blatte, jeder glaubt, seines sei das beste, und um den Baum bekümmern sie sich nicht."
Männer und Frauen
ZEITmagazin: Verdrängen Männer und Frauen eigentlich unterschiedlich?
Schmidbauer: Das Ideal der Männlichkeit beruht auf stärkeren Verdrängungen als das Ideal der Weiblichkeit – denken Sie nur an den Satz "Ein Indianer kennt keinen Schmerz", den Jungen häufiger zu hören bekommen als Mädchen. Jungen werden zum Stolz erzogen und haben als Männer permanent Angst, in ihrem Stolz verletzt zu werden. Frauen sind mehr an Differenzierungen interessiert.
ZEITmagazin: Wenn das so ist, dann müsste es doch eigentlich ein Problem sein, dass in den Führungsetagen von – zum Beispiel – Banken mehr Männer als Frauen sitzen.
Schmidbauer: Ich vermute, dass Frauen eher gesagt hätten: Das kann doch nicht gut gehen. Das Gegenargument wäre allerdings, dass Frauen eher dazu neigen, dem Gruppendruck zu folgen, und sich nicht gegen eine Gruppe stellen. Das wäre die Heldenidee, eine männliche Idee. Insgesamt sind aber diese Testosterontugenden wie Körperkraft, Siegeswille, Schmerztoleranz und Tapferkeit nicht mehr so gefragt. Im Arbeitsleben muss man sich vernetzen, muss beziehungsfähig sein…
ZEITmagazin: Am Ende sind die Männer also an allem schuld?
Schmidbauer: Nein. Sie sind nur psychologisch weniger belastbar, können seelischen Stress schlechter verarbeiten, weil sie als Kinder sozusagen eine Fleißaufgabe erledigen müssen. Mädchen können sich mit der Mutter identifizieren – Jungs müssen sich von der Mutter abgrenzen. Sie müssen von klein auf lernen, ihre Abhängigkeit von der Mutter und das weibliche Bild in ihrem Inneren zu verdrängen und etwas anderes dagegenzusetzen. Sie müssen sich – wie man so schön sagt – desidentifizieren. Das kostet Kraft, die dann fehlt, wenn es darum ginge, geduldig die vielen Knoten zu entwirren, mit denen wir es zu tun haben.
Das Gespräch führten Matthias Kalle und Stephan Lebert
Wolfgang Schmidbauer, 67, gehört zu den profiliertesten Psychoanalytikern des Landes. Im ZEITmagazin analysiert er jede Woche die Liebe. In Kürze erscheinen die gesammelten Kolumnen als Buch: "Lässt sich Sex verhandeln?". Sein Buch "Ein Land - drei Generationen. Psychogramm der Bundesrepublik" ist gerade erschienen.
- Datum 18.03.2009 - 16:33 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 19.03.2009 Nr. 13
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:
Stimmt nicht ganz!
Der Mensch muss nicht ohnmächtiges Opfer seines Verdrängungsmechanismus bleiben und es braucht auch kein "Glück des Verdrängens" zu geben - weil der WAHRHAFT erwachsene Mensch alles in Liebe annehmen kann.
Leider werden - u.a. lt. Erich Fromm - die Menschen dieser Gesellschaft nicht mehr erwachsen. Sie lernen nicht mehr (regelhaft in der Pubertät), Angst konstruktiv zu überwinden, steigen nicht mehr zur höheren Bewußtseins-Dimension auf und reinigen ihr (Unter-)Bewußtsein nicht mehr von den Verdrängungen aus der Kindheit.
Statt dessen bleiben sie im vorpubertäten Zustand stecken; entwickeln einseitig den Intellekt übermäßig und vernachlässigen den anderen Teil ihrer Bewußtseinspotenziale.
Das führt dazu, daß sie nur 10% ihres geistigen Potenzials nutzen. Der andere Teil / die höhere Dimension bleibt ungenutzt.
Mit dem Intellekt allein sein Leben zu leben, ist ein "hartes Brot", das Adam im "Schweiße seines Angesichtes" essen muß. Warum?
Antwort: Weil er befallen und schwer beeinträchtigt ist von der "Kollektiven (Zivilisations-)Neurose" / "Krankheit der Gesellschaft".
Er leidet von Kind an unter Mangel an Liebe bzw. Lebens-Energie.
Weil man ihm in der Pubertät nicht zu seiner spirituellen Identität verhilft, kann er sich nicht die unerschöpfliche Quelle der Liebe / Lebens-Energie in seinem "Höheren Selbst" erschließen, kann nicht grundlegend gesund, nicht wahrhaft - bedingungslos - glücklich werden.
Heilung ist möglich...
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren