LUCHS Nr. 265 Du Geißlein, ich Wolf

Karla Schneider und Stefanie Harjes erzählen in ihrem Bilderbuch, wie aus Grimms Märchen fantastische Spiele werden

Stefanie Harjes und Karla Schneider entzünden in ihrem neuen Bilderbuch Wenn ich das 7.Geißlein wär’ ein Feuerwerk der Fantasie. Sie erzählen von einem Jungen und einem Mädchen, die sich im Krankenhaus miteinander die Zeit vertreiben. Beide haben ein Buch auf ihrer Bettdecke liegen, er liest Grimms Märchen.

»Wenn ich der Jäger wäre…«, beginnt der Junge das Gespräch mit seiner Bettnachbarin und fantasiert weiter, wie er den Spuren des Wolfes gefolgt wäre und dessen Treffen mit Rotkäppchen belauscht hätte. »Aber…«, widerspricht das Mädchen. Im Bild trägt es jetzt das rote Käppchen. Rasant steigert sich das Wortgefecht zwischen den märchenbegeisterten Kindern. Sie kennen ihr Rotkäppchen, ihren Wolf und die sieben Geißlein. Hin und her fliegen die Sätze. Das Spielwerk liefern die Grimms. Die Rollen verteilen sich immer neu. Die Geschichte beschreibt Fantasieräume, in denen die Kinder wild herumspielen, aber auch die Regeln bestimmen. Sie erkunden die Märchen und führen eine leidenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Märchenpersonal. »Wenn ich der Wolf wäre…«

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Stefanie Harjes, die Hamburger Künstlerin aus Bremen, Jahrgang 67, findet starke Bilder für die Geschichte der bekannten Kinderbuchautorin Karla Schneider. Vital setzt sie ihr Werkzeug ein: Feder, Kreide, Schere, Stempel und natürlich Farben. Mit feinem Strich charakterisiert sie die Kinder. Expressiv zeichnet sie, was sie sich ausdenken.

Und sie führt das Spiel weiter, lässt das Dunkel und Drohende unverhohlen Gestalt annehmen und zeigt, wie die Kinder gemeinsam ihre Ängste beschwören und ordnen. Mit schwarzer Kreide konturiert sie den Wolf, in den die Kinder sich zeitweilig verwandeln. Sie gibt ihm mit festem Strich ein struppiges Fell, schneidet ihn aus und gestaltet ihn großartig und gewaltig: Abwechselnd versteckt sie die Kinder hinter Masken. Mit jedem »Auftritt« eines maskierten Kindes macht sie klar: Hier wird gespielt, und zwar aus tiefster Seele.

Mehr über den LUCHS Kinder- und Jugendbuchpreis

Der LUCHS Kinder- und Jugendbuchpreis wird seit 1986 jeden Monat von der Wochenzeitung DIE ZEIT und Radio Bremen vergeben. Der LUCHS prämiert ein besonderes Kinder- und Jugendbuch, das als "Anstiftung zum Denken und zur Kreativität" taugt. Aus 12 Monatsluchsen wird ein Jahresluchs gekürt.

Der LUCHS Jury gehören an: die Schriftstellerin Julia Franck, die Journalistin Marion Gerhard, Franz, Lettner vom Wiener Institut für Jugendliteratur, die Kritikerin Hilde Elisabeth Menzel,  sowie als Vorsitzende die Kinder-und Jugendbuchredakteurin der ZEIT, Dr. Susanne Mayer.

Das Gespräch zum aktuellen Buch ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de/podcast/luchs.

Eine Figur aber, die sie zusätzlich einführt, verweist auf den hintergründigen Ernst des Spiels. Es ist ein schwarzer Vogel, der immer wieder im Bild auftaucht. Vielleicht ist er Zeichen tiefer Ängste der Kinder vor dem, was ihnen geschehen könnte. Zum Ende fliegt er davon.

Zurück bleibt eine lichte, rosafarbene Blume, deren Blüte sich auf einem geraden Stängel entfaltet. Sie steht auf dem Nachttisch des Jungen, der in der Hand ein Geißlein aus Stoff hält, während das Mädchen, noch immer in der imaginierten Wolfsgestalt, aus dem Zimmer geschoben wird. Giftige Fliegenpilze wachsen in dieses Bild des Abschieds der Kinder hinein.

Sehr genau und feinfühlig arbeitet Stefanie Harjes mit den Symbolen. Mit kühnem Farbgebrauch und dramatischer Flächengestaltung macht sie die Dynamik des Geschehens spürbar. Vom dunklen Violett über gefährliches Rot bis zum lichten Grün reicht die Palette und lässt eindrucksvoll den wohligen Schauer beim Erforschen und Erfinden der Märchenwelt nachempfinden. Bruno Bettelheims These »Kinder brauchen Märchen« wird hier wundervoll bestätigt.

Karla Schneider/ Stefanie Harjes:Wenn ich das siebte Geißlein wär'; Boje Verlag, 2009; 40 S., 14,95, ab 5 Jahren
 

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