Daniela Danz ist keine von denen, »die im Meer nur Wasser sehen«, wie es in einem ihrer Gedichte heißt. Für sie ist das Schwarze Meer eine Projektionsfläche, ein Erfahrungsraum, ein Welt-, kein Badeort; Pontus heißt darum der ganze Band, das war der Name des Meeres in der Antike. Danz lässt das schwarze Wasser durch ihre Hände wie durch ihre Verse gleiten – in dem Wissen darum, dass sich in ihm die Flüsse Europas und Kleinasiens mischen, dass hier die U-Boote von Stalins Flotte tauchten und einst Ovid dort am Ufer saß: einsam, verbannt, verzweifelt. Danz lässt ihn »auf zermahlene muschelschalen den gleichgültigen Strand« blicken und dann die großen Worte sprechen: »das Moos wächst ein in meine Wünsche«.

Christoph Ransmayr hatte mit seinem großen Roman Die letzte Welt in der Anderen Bibliothek den Tiefenraum um Ovids Verbannungsort Tomi für die zeitgenössische Literatur zurückerobert, er entwarf eine apokalyptische Vision, in der das Schwarze des Meers langsam an Land kroch, und er fand dafür Worte, die nicht nur dank des Bleisatzes von Franz Greno auf den Seiten so kalt und gleißend standen, als würden sie von ewigem Mondlicht bestrahlt. Bei Daniela Danz nun beginnt es zu dämmern am Schwarzen Meer – und ihre Verse beschreiben, wie, für einen kurzen Moment nur, die Geräusche der Nacht und des Tages, die Verse der Antike und der Gegenwart, die Namen der Bibel und der Odyssee, die Toten der Skythen und die des Zweiten Weltkrieges nicht mehr unterscheidbar sind. Im Transitraum der Historie und der Völker, auf den mythischen Fähren zwischen den Bedeutungsufern, den Wasserstraßen des Erinnerns, zwischen Schwarzmeerflotte und Floß der Medusa, da ist Daniela Danz’ lyrisches Ich zu Hause.

»Ganz vergessener Völker Müdigkeiten / Kann ich nicht abtun von meinen Lidern« – selten sah man in jüngster Zeit einen Dichter, der so tief durchdrungen war von Hofmannsthals Gespür für die drückende Präsenz der Geschichte. Homer ist in Zitaten präsent, Ovid natürlich, auch Hölderlins Lehre vom Tönewechsel: Aber das alles nicht aus Gründen der Bildungshuberei oder des Fremdwortgeklingels, sondern in jenem ihre Gedichte durchziehenden, zirpenden Sinne, den Ossip Mandelstam einmal so beschrieb: »Zitate sind Zikaden.« Und Daniela Danz weiß, dass man ihnen nichts nimmt von ihrem Echo, wenn man sie dem Leser erklärt: Fein säuberlich listet sie ihre Anleihen auf, übersetzt das Lateinische, erklärt die Orte. Und so wie die Flüsse aus dem Schwarzen Meer hinausfließen und West und Ost und Nord und Süd verbinden, so macht sich auch Danz immer wieder auf und verlässt den »Pontus« und geht an Land: in die Ukraine, nach Czernowitz, nach Israel, aber sie weiß, das schwarze Wasser trägt sie irgendwann wieder zurück – man muss nur erst einmal aufbrechen: »denn tapfer werden wir sein / von nun an und stechen in See«. Auch wenn die Antike in ihren Texten ständig präsent ist, steht sie zu ihr nicht in jenem souveränen Verhältnis eines Durs Grünbein, ihre Worte sind auch nicht in Marmor gemeißelt wie die seinen, sie erscheinen einem eher wie mit sicherer, doch spontaner Hand geschrieben in den nassen Sand. Masada etwa:

Wenn du dann stehst wo es still ist dass du
es merkst wenn das Denken aufhört und
das Hören anfängt wenn das Hören aufhört
und das Sehen anfängt wenn ein Vogel
fliegt wenn du als schwarzer Vogel gleitest
und schreist wenn du zu sprechen ansetzt
in der klaren Luft und von nichts sprechen
kannst als dem Licht so als wäre es das erste
Licht wenn du einen Schatten auf den Fels
wirfst und sagst mein Schatten bleibt
und der Fels vergeht wenn für jetzt wahr ist
dass es gut ist den ganzen Einsatz zu wagen
kannst du die Wüste mit Namen nennen.

Es ist ein fast körperliches Empfinden für Rhythmus und Versmaß, das die Poesie von Daniela Danz auszeichnet, es ist der Versuch, die Sprache atmen zu lassen, tastend die Worte wie ein Gefühl zu erobern. Und sie lässt sie in der beschwörenden Wiederholung des Aufhörens und Anfangens, des Lichts und Schattens neue Kraft schöpfen. Nicht nur bei diesem Gedicht auf Masada, den Ort in der judäischen Wüste, an dem israelische Soldaten vereidigt werden, gelingt es ihr, dass sich mit den Worten auch die Gedanken und die Lungen heben und senken, weiten und verengen – man spürt in Masada förmlich, wie der Strahl der sengenden Sonne das Zaudern vertrocknen lässt.

Viele ihrer Gedichte und Prosaminiaturen beginnen mit dem Blick auf ein altes Flakon, einen Gobelin oder das Chorhemd eines Ministranten – und dann taucht Danz ab und schwimmt mit kräftigen, gleichmäßigen Zügen tief hinab, zum fernen, dunklen Grund. Um sich dann, urplötzlich, wieder abzustoßen und mit einem Luftholen, einem einzigen Schlussvers die Seiten zu wechseln, vom Wasser zur Luft, vom Gestern zum Heute:

aber die Seiten meint Dina lassen sich einmal