Die Schriftstellerin Juli Zeh kann von Glück sagen, dass sie heute lebt. Vor 200 Jahren wäre die 34-Jährige vermutlich bereits zahnlos und durch wiederholte Cholera-Attacken so sehr geschwächt gewesen, dass sie den Griffel für ihren neuesten Roman Corpus Delicti (siehe ZEIT Nr. 10/09) kaum hätte führen können, in dem sie die Vision einer gruseligen Gesundheitsdiktatur entwickelt. »Santé!«, Gesundheit, so grüßen sich die Menschen auf den Straßen dieses Utopias. Die Bürger müssen monatlich Schlaf- und Ernährungsberichte vorlegen, sich den Blutdruck messen lassen und Urinproben abgeben. Wer sich selbst oder andere gesundheitlich gefährdet, kommt vor den Kadi.

Der Leser wird bei der Lektüre zustimmend nicken. Leben wir nicht bereits in einer Gesundheitsdiktatur? Wer seinen Körper verlottern lässt, gilt mittlerweile als verdächtig, gar als Sozialschädling, der unser aller Krankenkassenbeitrag in die Höhe treibt. In den Kneipen ist das Rauchen verboten, Eltern werden gedrängt, ihre Kinder gegen Masern impfen zu lassen, und Gesundheitsministerin Ulla Schmidt erinnert uns bei jeder Gelegenheit daran, »3000 Schritte jeden Tag« zu gehen, damit die Schmerbäuche nicht weiter anschwellen. Doch wie weit darf uns die Gesellschaft zum gesundheitlichen Glück zwingen, uns Masernimpfungen oder mehr gesundes Gemüse vorschreiben? Tatsache ist: Erst staatliche Eingriffe haben uns im Laufe der Jahrhunderte ein langes, krankheitsfreies Leben geschenkt. Juli Zehs Zähne waren in ihrer Kindheit wahrscheinlich durch die ärztlich empfohlenen Fluortabletten vor Lochfraß durch Karies geschützt, die bis 1983 noch gesetzlich vorgeschriebene Impfung hat sie vor den Pocken bewahrt und strenge Hygienevorschriften haben ihr den Durchfall erspart.

Im 18. Jahrhundert starben in Europa jedes Jahr 400000 Menschen an den Pocken, ein Drittel aller Überlebenden erblindete. In Berlin zum Beispiel erlagen in dieser Zeit der Seuche 98 Prozent aller Kinder, die sich angesteckt hatten. Doch dann entwickelte Edward Jenner die Pockenimpfung. Das Volk lehnte die Hilfe ab, es verbat sich den Eingriff in die Privatsphäre. Daraufhin drohten die Behörden mit Strafen. In Würzburg riskierten Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollten, Geldstrafen oder sogar Gefängnis bei Wasser und Brot. Das überzeugte. Nach und nach verschwanden die Pocken aus Europa.

Auch im globalen Maßstab brachte nur sanfter Druck das gewünschte Ergebnis. Erst als 1967 die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die weltweite Ausrottung der Pocken in Angriff nahm, verschwand die tödliche Bedrohung. Damals erkrankten weltweit noch 15 Millionen Menschen an der Infektionskrankheit, und zwei Millionen Infizierte starben daran. Gemessen an heutigen Vorstellungen von individueller Freiheit und Selbstbestimmung der Patienten war die WHO-Aktion eine autoritäre Operation, in der auf individuelle Freiheiten und Befindlichkeiten wenig Rücksicht genommen wurde. Aber die Methode führte zum Ziel: Zwölf Jahre nach dem Beginn der Kampagne, drei Jahre nach der Geburt von Juli Zeh, waren die Pocken ausgerottet, 1983 wurde die gesetzliche Pflicht zur Pockenimpfung in Deutschland aufgehoben. Es war die letzte gesetzliche Impfpflicht.

Heute ist die Bedrohung durch tödliche Seuchen im kollektiven Gedächtnis verankert. Bei solchen Bedrohungen würden die Menschen auch die Einschränkungen der individuellen Freiheitsrechte dulden oder sogar fordern. Auf staatlicher Ebene ist die Sorge um die Seuchen in das Infektionsschutzgesetz eingeflossen, das im Notfall die Grundrechte »der körperlichen Unversehrtheit, der Freiheit der Person und der Unverletzlichkeit der Wohnung« einschränkt. Im oberpfälzischen Bezirkskrankenhaus Parsberg zum Beispiel gibt es noch immer eine geschlossene Abteilung für Lungen- und Bronchialheilkunde, in der therapieunwillige Männer mit Tuberkulose zwangsweise therapiert werden.

Ist die Zunahme der Fettsucht etwas anderes als eine tödliche Seuche?