Columbus/Ohio

Da ist er wieder, der Wahlkämpfer und große Kommunikator. Seit gerade einmal sechzig Tagen regiert Barack Obama im Weißen Haus, und schon ist er wieder im Land unterwegs. Gestern Florida, heute Ohio, morgen Kalifornien. Es steht nicht gut um Amerikas Wirtschaft, und die öffentliche Wut über die Selbstbedienungsmentalität einiger Finanzmanager wächst rapide. Der neue Präsident muss um Vertrauen werben für sein gewaltiges Sanierungsprogramm. In Columbus, Ohio, schüttelt er Hunderte von Händen, scherzt, klopft Schultern. Er ist gekommen, um hier seinen ersten kleinen Erfolg zu feiern. 25 Polizisten dieser Stadt hat er gerade mit 1,2 Millionen Dollar aus seinem Stimuluspaket den Job gerettet. »Seht her«, ruft er, »es geht allmählich aufwärts.«

Die Laune der Gäste im Saal ist gut, die Stimmung draußen eher verzagt. Zur selben Stunde melden die Arbeitsämter, dass 651000 Amerikaner im Februar ihre Jobs verloren haben. Wirtschaftsexperten streiten auf sämtlichen Fernsehkanälen wie die Kesselflicker darüber, ob 750 Milliarden Dollar für die Rettung der Finanzinstitute, 787 Milliarden für das Wirtschaftsankurbelungsprogramm und rund dreieinhalb Billionen Dollar für den nächsten Haushalt nicht eine gigantische Verschwendung seien. Warren Buffet, Amerikas zweitreichster Mann und Obama-Förderer, rät seinem Freund, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Vorrangig sei jetzt die Rettung der Banken, alle anderen Projekte – die Krankenversicherung für jedermann, bessere Schulen, grüne Energie – könnten warten. Die größte Gefahr für Obamas Projekt, so Warrens Botschaft, heiße Überforderung.

Obama spürt die wachsende Unruhe, auch deshalb hat er sich nach Columbus begeben. Doch in seiner Rede widerspricht er energisch den Empfehlungen zu Sparsamkeit und Selbstbeschränkung. »Das Risiko, zu wenig zu tun«, sagt er, »ist größer als das Risiko, zu viel zu tun.« Weil in dieser Krise alles mit allem zusammenhänge, dulde keines der Probleme Aufschub. »War bis vor Kurzem nicht die Katastrophe im Gesundheitswesen noch unser größtes Wirtschaftsproblem?« Die horrenden Krankheitskosten, marode Schulen und die Abhängigkeit von ausländischem Öl lähmten weiterhin Amerikas Wettbewerbsfähigkeit. »Das hat sich doch nicht verändert. Im Gegenteil, es wird mit der steigenden Arbeitslosigkeit noch schlimmer.« In Columbus sagt Obama: »Amerika steht an einer Wegkreuzung. Wir, Staat und Regierung, haben die Verantwortung zu handeln.« Die Leute applaudieren, rund sechzig Prozent der Amerikaner meinen, ihr Präsident habe recht.

Jeder Präsident würde gern das Steuer herumreißen – dieser tut es wirklich

Sechzig Tage erst ist Obama im Amt, und schon vollzieht sich eine Revolution. Manche sagen, das stimme nicht, alle neuen Präsidenten wollten das Steuer herumreißen, das sei uramerikanisch. Doch diesmal sind die Umwälzungen drastischer und umfassender. »Nie zuvor hat ein Präsident so gigantisch viel Geld in die Hand genommen«, sagt Politikprofessor James Pfiffner, der zahlreiche Bücher über Präsidentenwechsel geschrieben hat. Nie habe einer versucht, mit so vielen Milliarden das Land von Grund auf umzukrempeln. Und noch nie habe der Staat dabei so sehr an Einfluss gewonnen, nicht einmal in den dreißiger Jahren, als Präsident Franklin Roosevelt sein New-Deal-Programm auflegte.