Jetzt ist genau der richtige Moment, um auf das sogenannte amerikanische Jahrhundert zurückzublicken. Amerika steht für Freiheit ohne Einschränkungen. Wir haben alle geglaubt, dass Freiheit dem menschlichen Leben seine Würde und Bedeutung geben könnte. Wir haben nicht für möglich gehalten, dass uns die Freiheit, wie wir sie heute leben, in diese kurzsichtige globale Konsumgesellschaft führt, in der jeder nur auf seinen persönlichen Kontostand schielt. Die Schlussfolgerung kann nur sein, dass die absolute Freiheit, wie sie Amerika propagiert hat, der menschlichen Entwicklung schadet. Absolute Freiheit ist nicht nachhaltig. Nachhaltigkeit hingegen ist eine sehr praktische Idee, weil ohne sie nichts mehr Fortbestand haben wird. Sie ist für einen Künstler wie mich schwer zu begreifen, weil sie jeder Ästhetik entbehrt. Aber sie ist heute der Maßstab aller Dinge. Die Frage, die sich uns allen stellt, lautet: Wie kann die Menschheit den amerikanischen Eroberungsdrang, der sie bislang so ungeheuer fasziniert hat, abschütteln und in Frieden mit dem Universum leben?

Es ist nicht die Freiheit an sich, die uns schadet. Es ist die Ideologie der Freiheit. In Amerika dient die Freiheit als eine Art Superideologie, die alles rechtfertigt. Ebendeshalb ist sie zum System erstarrt. Im Namen der Freiheit konnten die amerikanischen Banken machen, was sie wollten. Mit den bescheidenen Gefühlen und Bedürfnissen der meisten Menschen hat der amerikanische Freiheitsbegriff nichts mehr zu tun. Das Böse der Menschen aber tritt immer dann in Erscheinung, wenn sie sich einer abstrakten Superideologie hingeben. Dass sich auch Freiheitswerte zu einem solchen ideologischen Missbrauch eignen, ist die wichtigste Erkenntnis der Stunde. Denn jetzt ist das amerikanische System auf selbstmörderische Art und Weise zusammengebrochen. Die Finanzwelt der Wall Street, die Banken, die großen Versicherungen waren ein Monster, das uns alle beherrscht hat. Aber nun liegt das Monster verletzt am Boden. Meine Hoffnung ist, dass es nicht wieder aufsteht. Die Krise muss andauern, nicht damit unsere Lebensgrundlagen weiter zerstört werden, aber damit die alten Strukturen irreparablen Schaden erleiden und etwas Bedeutungsvolles, Neues entstehen kann. Das Supermonster zu besiegen würde heißen, dass wir persönliche Freiheitswerte wiederentdecken, die nicht dem Materialismus, Geld und Zahlen frönen, sondern ehrlichen Beziehungen zu Natur, Nachbarn und Freunden verpflichtet sind. In der großen Krise liegt auch die Chance für große Veränderungen.

Barack Obamas weltweite Popularität reflektiert die Hoffnung vieler Menschen auf solche Veränderungen. Aber er gehört immer noch zum alten System. Seine Botschaft lässt jede Bereitschaft zu einem radikalen Wandel in Richtung Nachhaltigkeit vermissen.

Diese Bereitschaft fehlt allerdings überall. Wir leben jetzt unter den Trümmern der über die letzten hundert Jahre hinweg aufgebauten Machtstrukturen. Die Ruinen des amerikanischen Jahrhunderts versperren uns die Sicht. Sie sorgen sogar dafür, dass die Ungleichgewichte, die das amerikanische System weltweit geschaffen hat, auch heute noch größer werden.

Das gilt ganz besonders für China. Wie haben wir Chinesen die Olympischen Spiele gefeiert? Mit Nike, Coca-Cola und McDonald’s. Der Glamour der Spiele war das Werk amerikanischer Firmen.

Manche glauben, dass China von den Fehlern des Westens lernen und bestimmte, besonders schädliche Entwicklungsstufen überspringen kann. Die Ökonomen nennen das Leapfrogging. Ich glaube nicht daran. Es ist theoretisch sicher nicht unmöglich. Aber was dabei herauskommen würde, wäre nicht das, was sich die wohlmeinenden Leute erhoffen. Denn noch entscheiden wir in China alles aus den falschen Gründen. Noch wird alles von oben entschieden. Natürlich wird China stärker, natürlich gibt es bei uns große Veränderungen, aber die politischen Reformen haben immer noch nicht stattgefunden. Der ganze, große Kampf um die gesellschaftliche Entwicklung des Landes muss sich immer noch dem Primat des Machterhalts der kommunistischen Partei unterordnen. Er kann nicht für die Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen geführt werden. Das ist unser Dilemma.

China bietet deshalb keine Alternative zu Amerika. Es fehlt bei uns jegliches Bewusstsein dafür, dass wir mit eigenen Werten und Handlungen der Welt neue Impulse geben könnten. Wir wähnen uns immer noch auf einer niedrigen Stufe der historischen Entwicklung, die uns Fragen nach dem Warum und Wohin verbietet. Es gibt einfach keine intellektuelle Diskussion. Wir sind keine demokratische Gesellschaft, und deshalb fehlen uns völlig das weltbürgerliche Bewusstsein und Verantwortungsgefühl. Das gilt für die Elite wie für die Massen.

Es liegt im chinesischen Charakter, dass der Kapitalismus bei uns noch schneller ist als anderswo. Er kennt bei uns keine Grenzen. Die Leute schauen sich den Erfolg vom Nachbarn ab, lernen dabei wie die Teufel. Taucht ein Problem auf, wird es schnell behoben. Danach geht es noch schneller weiter. Dabei sind unser Wissen und unsere Informationen durch das Einparteiensystem begrenzt. Der Einzelne handelt nicht aus individuellen Motiven, Verantwortungsgefühl oder Leidenschaft. Er passt sich vielmehr dem System und seinem mörderischen Entwicklungstempo an. Wohin die Reise geht, weiß niemand. Es ist deshalb auch unmöglich, Chinas gegenwärtige Entwicklungsphase klar zu definieren. Wir sind immer noch eine traditionelle Agrargesellschaft und gleichzeitig eine hochmoderne Konsumgesellschaft nach amerikanischem Vorbild. Wir wissen nur, dass wir uns sehr schnell bewegen und dass wir über irgendeine innere Kraft – vielleicht ist das die chinesische Kultur? – verfügen, die uns voranbringt. Aber kann unsere heutige Entwicklung zum Nutzen der ganzen Menschheit sein? Daran zweifele ich. Vielleicht irgendwann in der Zukunft, wenn wir uns unserer selbst bewusster sind. Aber das ist gegenwärtig nicht abzusehen.

Natürlich gibt es in der alten chinesischen Philosophie zahlreiche Motive nachhaltigen Denkens und Handelns. Konfuzianismus und Taoismus sehen den Menschen als Teil der Natur, nicht als ihren Beherrscher. Dem entspricht der ganzheitliche Heilungsansatz in der traditionellen chinesischen Medizin. Wir müssen alle zu chinesischen Philosophen werden, wenn wir unseren selbstzerstörerischen, vom naiven westlichen Fortschrittsdenken inspirierten Eroberungsfeldzug gegen die Natur beenden wollen. Und doch ist die alte chinesische Philosophie auch für uns Chinesen ein Denken, das der Vergangenheit angehört. Es hilft uns im täglichen Überlebenskampf nicht weiter. Es ist viel zu losgelöst von der Realität, in der wir wie Soldaten auf dem Weg des Westens marschieren. Das Einzige, was uns helfen und auf neue Gedanken bringen kann, sind unsere eigenen Fehler. Dafür haben wir ein Sensorium. Sie konsequent zu korrigieren ist eine Stärke des chinesischen Pragmatismus. Nur deshalb konnten wir in atemberaubendem Tempo von Plan- auf Marktwirtschaft umstellen. Allerdings sind es die Fehler Amerikas, nicht die unseren, die derzeit so bar in Erscheinung treten. Aus ihnen zu lernen wird uns ungleich schwerer fallen. Nicht daran zu denken, dass die Chinesen auf ihr eigenes Auto verzichteten, weil sie Amerikas katastrophale Energiebilanz als Fehler erkennen könnten.