Wenn Yeldakur Okuyucu vor ihrer Klasse steht, dann fühlt sie sich mitunter an ihre eigene Schulzeit erinnert. Zwar ging es zu jener Zeit »etwas behüteter« zu, sagt die Lehrerin. Doch ihre Probleme damals waren die gleichen wie die ihrer heutigen Schüler: die vielen deutschen Wörter, die sie niemals zuvor gehört haben; die Eltern, die zu Hause nicht bei den Schulaufgaben helfen können. Seit acht Jahren unterrichtet Okuyucu an einer Grundschule im Essener Norden. Der Weg von der Arbeitertochter, die mit ihren Eltern als Baby in die Ruhrstadt kam, zur Akademikerin, die Kindern Lesen und Rechnen beibringt, war beschwerlich. Auf die Grund- folgte die Hauptschule, dann das Aufbaugymnasium und am Ende ein Abitur mit Ach und Krach. Fragt man die Deutschtürkin, wem sie den Aufstieg verdanke, dann ist die Antwort überraschend. Sie lautet nicht »der Schule« oder »meinem Fleiß«. Sie heißt »dem Förderunterricht der Universität Essen«. Ohne die Unterstützung, die ihr die Hochschule über Jahre – erst als Schülerin, dann als Studentin – zukommen ließ, »hätte ich es nicht geschafft«.

Lehrer gewinnen durch die Nachhilfe wertvolle Praxiserfahrung

Vor 35 Jahren begann das Programm, fast drei Jahrzehnte bevor internationale Schulstudien das systematische Scheitern von Migrantenkindern in deutschen Klassenzimmern dokumentierten. Mittlerweile hat der Essener Förderunterricht – finanziell unterstützt von der Stiftung Mercator – in drei Dutzend Städten Nachahmer gefunden. Denn das Konzept ist einfach und leicht zu übertragen: Kinder aus Einwandererfamilien erhalten kostenlose Nachhilfe durch Lehramtsstudenten. Den angehenden Pädagogen bringt der Unterricht – neben zehn Euro die Stunde – wertvolle Praxiserfahrung. Und den Schülern ermöglichen die Zusatzstunden häufig einen besseren Schulabschluss.

»Wir haben von Anfang an stark auf das Abitur und das Fachabitur gezielt«, sagt die Programmkoordinatorin Claudia Benholz. Der Unterricht in der Universität soll die Schüler zum Studium ermutigen. Als Yeldakur Okuyucu im Englisch-Leistungskurs absackte, sagten die Lehrer ihr, sie solle die Schule besser beenden und sich einen Ausbildungsplatz suchen. Die Helfer an der Uni gaben einen anderen Rat: »Du schaffst es, mach weiter, dann kannst du studieren.« Ihr gelang der Abschluss, sie entschloss sich, Lehrerin zu werden – und gab wenig später als Studentin selbst Förderstunden.

4000 Schüler haben die Kurse in Essen bislang besucht, gut die Hälfte von ihnen brachte es zur Hochschulreife. Damit gehört der Förderunterricht für Migranten nicht nur zu den ältesten Integrationshilfen der Republik, sondern auch zu den wirksamen. Dies wurde dem Projekt nun wissenschaftlich bestätigt. So etwas passiert selten. Kaum irgendwo gibt es so viele gut gemeinte Initiativen wie in der Migrantenförderung; einer Erfolgskontrolle aber stellen sich nur wenige. Einen solchen Ergebnisbericht haben am vergangenen Dienstag Forscher der Universität Bamberg vorgelegt. Drei Jahre lang begleiteten sie den Förderunterricht, befragten Schüler wie Lehrer. Ihre Expertise verkündet keine Sensationen, aber »sehr ermutigende Resultate«, wie Studienleiter Friedrich Heckmann sagt – und die Botschaft, dass sich viel bewegen lässt, wenn gute Ideen auf privates Engagement treffen.

Denn rund die Hälfte der Schüler verbessern ihre Leistungen in einem Hauptfach um mindestens eine Note. Von den versetzungsgefährdeten Schülern können sogar fast alle in Deutsch eine Zensur gutmachen. Dabei haben Förderlehrer, die selbst ausländische Wurzeln haben, den größten Erfolg. Damit ist erstmals für Deutschland empirisch belegt, dass das sogenannte ethnic mentoring – Migranten helfen Migranten – besonders wirkungsvoll ist.

Das Erfolgsgeheimnis heißt: Kleine Gruppen, motivierte Lehrer

Die Strategie, Pädagogen aus Einwandererfamilien als Vorbilder anzuwerben, sollte deshalb mit weit größerer Verve betrieben werden als bislang. Wenn Yeldakur Okuyucu türkischen Eltern ihre Geschichte erzählt, dann »leuchten bei denen die Augen«, sagt sie. Und schon als Förderlehrerin hörte sie von ihren Schülern den Satz: »Frau Okuyucu, ich will so werden wie Sie.«