Wirtschaftswachstum

Die Mängel der Statistik

In Wahrheit misst das Bruttoinlandsprodukt gar nicht den Wohlstand. Forscher suchen Alternativen

Keine andere Ziffer aus dem Universum der Ökonomie elektrisiert Minister und Manager, Verbraucher und Lohnempfänger, Verbandsfunktionäre, Wirtschaftsweise, Investoren und Journalisten mehr als das BIP, das Bruttoinlandsprodukt. Wächst es, so der landläufige Glaube, gibt es mehr Wohlstand, und Probleme lassen sich leichter lösen. Schrumpft das BIP, gibt es Ungemach.

Wie im Augenblick. Nicht nur in Deutschland schrumpft in diesem Jahr das BIP, erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wird es voraussichtlich in der ganzen Weltwirtschaft kleiner. Rund drei Billionen Dollar haben Regierungen bereits mobilisiert, um dieses »negative Wachstum«, den Wirtschafts-GAU, zu bekämpfen – und den Wohlstand der Nationen wieder zu heben.

Doch der Glaube an diesen Zusammenhang – mehr BIP gleich mehr Wohlstand – wird in diesen Tagen durch eine Reihe neuer Forschungsergebnisse erschüttert. Verantwortlich dafür sind die gleichen Politiker, die gerade mit Konjunkturprogrammen das BIP wieder nach oben zu treiben versuchen. Als die Zeiten noch besser waren, beauftragten sie Fachleute damit, die Aussagekraft des BIP zu erforschen und gegebenenfalls alternative Fortschrittsindikatoren zu entwickeln. In Kürze ist mit ersten Ergebnissen zu rechnen.

Mit besonderer Spannung erwartet werden die Erkenntnisse einer Kommission, die Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy vor gut einem Jahr eingesetzt hat. Unter dem Vorsitz des Amerikaners Joseph E. Stiglitz brüten in dem Denkerzirkel zwei Dutzend Spitzenökonomen, darunter fünf Nobelpreisträger, über das richtige Maß für den Wohlstand. Im April, ausgerechnet dann, wenn der Internationale Währungsfonds (IWF) genaue Prognosen über den in diesem Jahr zu erwartenden BIP-Schwund veröffentlicht, wollen Stiglitz & Co ihren Bericht im Élysée-Palast abliefern. Ein Ergebnis ist bereits durchgesickert: Als Wohlfahrtindikator taugt das BIP nur bedingt.

Tatsächlich verbirgt sich hinter der magischen Ziffer nicht mehr als der summierte Wert aller im Inland hergestellten Güter, also Waren und Dienstleistungen. Die Mängel dieses Konzepts kennt jeder Student der Ökonomie. So schrumpft das BIP, wenn ein Pfarrer seine Haushälterin heiratet, weil er sie anschließend nicht mehr für ihre Dienste entlohnt. Umgekehrt lassen beispielsweise Verkehrsunfälle das BIP wachsen, weil die Reparatur von Autos für Einkommen sorgt. Reicher, geschweige denn glücklicher, wird ein Volk dadurch nicht – ebenso wenig, wie es durch die Heirat des Geistlichen ärmer wird.

Unter anderem wegen dieser offenkundigen Defizite hat die EU-Kommission bereits vor mehr als einem Jahr zu Protokoll gegeben, das BIP sei »nicht länger eine maßgebliche Messgröße des Wohlergehens«. Auch die OECD, eine Art Thinktank der Industrieländer, bescheinigt der Ziffer viele Mängel. Über Fortschritt und Glück, heißt es sogar in Horst Köhlers Bundespräsidialamt, müsse in Zukunft anders diskutiert werden, nämlich abgekoppelt von Wachstumserwartungen. Bundeskanzlerin Angela Merkel weiß seit Langem um die Schwächen des Konzepts. In der wirtschaftspolitischen Diskussion werde die »begrenzte Aussagekraft« der hochaggregierten Kennzahl BIP »nicht immer genügend beachtet«, antwortete sie schon vor fast 13 Jahren, damals als Bundesumweltministerin, auf eine Anfrage der SPD-Bundestagsfraktion.

Bislang ist die weltweite Dominanz des BIP zwar noch ungebrochen – doch gibt es ein paar praktische Ansätze, dies zu ändern. China versucht, seine auf herkömmliche Weise berechnete Wirtschaftsleistung um die monetär bewerteten ökologischen Schäden zu korrigieren. Die Bemühungen um dieses »grüne BIP« haben jedoch Rückschläge erfahren. Nicht nur wegen methodischer Probleme, sondern auch, weil auf diese Weise bekannt wird, mit welchem Raubbau an der Natur das Rekordwachstum des Landes erkauft wurde. In dem Himalaya-Königreich Bhutan ist schon seit 35 Jahren nicht das BIP, sondern das Bruttonationalglück (Gross National Happiness) Zielgröße der Politik. Es lässt sich allerdings kaum objektiv messen.

Praktischer erscheint der unter anderem auf Ideen des Nobelpreisträgers James Tobin zurückgehende Index für nachhaltigen wirtschaftlichen Wohlstand (ISEW); er berücksichtigt etwa die Kosten der globalen Erwärmung und den Wert unbezahlter Hausarbeit. Berechnungen für diverse Länder zeigen, dass der ISEW stagnierte oder rückläufig war, während das BIP ungebremst wuchs. Auch für Deutschland existieren solche Vergleiche.

Obwohl die Debatte an den Datenexperten des Statistischen Bundesamtes nicht vorbeigegangen ist, wollen sie das BIP bis heute nicht ersetzen. Ein Ökosozialprodukt sei »wohl per se nicht machbar«, ließ die Wiesbadener Behörde schon vor rund zehn Jahren wissen. Immerhin legen die amtlichen Datensammler seit einiger Zeit einmal pro Jahr eine »Umweltökonomische Gesamtrechnung« vor. Die klärt zum Beispiel darüber auf, wie viel Kohlendioxid (CO₂) in Export- oder Importprodukten steckt. Man kann daran zum Beispiel ablesen, welche Menge der klimaschädlichen Substanz deutschen Verbrauchern ausländischer Produkte zuzurechnen ist.

Doch so aufschlussreich und anspruchsvoll die Arbeit der Statistiker auch ist: Politiker und Medienleute, stets in Eile, interessieren sich für solche Kürübungen fast gar nicht. Wie eh und je leben sie mit der vom BIP genährten Wohlstandsillusion. Eine nicht ungefährliche Täuschung. Schließlich beeinflusse, »was wir messen, das, was wir tun«, so der Nobelpreisträger Stiglitz.

Wie die Welt jenseits des BIP zu vermessen wäre, verriet der Chef der von Sarkozy berufenen »Kommission für die Messung der ökonomischen Leistung und des sozialen Fortschritts« bisher allerdings nicht. Immerhin gab Stiglitz bereits preis, mit welchen Faktoren das BIP wohl korrigiert werden sollte: Umweltschäden gehören dazu, unbezahlte Arbeit und ein Faktor, der sich auf die Einkommensverteilung bezieht.

Das sind exakt jene Größen, die auch zwei deutsche Forscher seit Längerem im Visier haben, allerdings mit deutlich weniger Geheimnistuerei. Der Heidelberger Ökonom Hans Diefenbacher und der Berliner Politologe Roland Zieschank haben im Auftrag des Umweltbundesamtes sogar schon einen detaillierten Bericht über Wohlfahrtsmessung in Deutschland vorgelegt – inklusive Vorschlag für einen neuen »Nationalen Wohlfahrtsindex« (NWI).

Zur Ermittlung des NWI ziehen die beiden Forscher erst einmal eine ganz konventionelle Komponente des BIP heran: den privaten Verbrauch. Alles Wirtschaften dient schließlich nach einer verbreiteten Ansicht unter Ökonomen der Mehrung dieses Konsums. Diefenbacher und Zieschank gewichten diese Größe aber mit einem Verteilungsindex. Darin steckt ein Werturteil: Wenn alle mehr konsumieren, ist das für den allgemeinen Wohlstand besser, als wenn es nur eine kleine Gruppe tut. Schließlich wird diese Zahl noch ergänzt durch den Wert unbezahlter Hausarbeit und ehrenamtlichen Engagements, während die Kosten von Umweltschäden und der unwiederbringliche Verbrauch von Rohstoffen subtrahiert werden.

Der NWI fällt stets kleiner aus als das BIP. Und BIP und NWI entwickeln sich interessanterweise unterschiedlich. In den letzten Jahren vor dem Ausbruch der Finanzkrise ist das BIP noch gewachsen, während der NWI bereits zurückging.

»Wir haben den NWI nicht als Instrument gegen die Wirtschaftskrise entwickelt«, sagt sein Erfinder Diefenbacher. Hätte es ihn aber schon gegeben, wäre die nahende Krise womöglich früher bemerkt worden. »Wir brauchen neue Orientierungsgrößen«, sagt Diefenbacher.

Einst war das BIP ebenso neu wie heute der NWI. Es entstand während der Großen Depression vor 80 Jahren. Damals wuchs in der Ökonomie das Verständnis für die makroökonomische Steuerung des Wirtschaftsprozesses. Für diese vor allem mit dem Namen John Maynard Keynes verbundene Einsicht lieferte das System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung den nötigen Datenunterbau, einschließlich seines zentralen Bestandteils BIP.

Obwohl es angesichts von Klimagefahren und Ressourcenverzehr nicht mehr zeitgemäß ist – überflüssig ist es offenbar auch noch nicht. Jedenfalls wollen Zieschank und Diefenbacher mit ihrem NWI das BIP nur ergänzen, nicht abschaffen.

Es wäre nicht überraschend, sollten Stiglitz & Co demnächst einen ganz ähnlichen Vorschlag machen. Spannend ist nur, was die Politiker damit anfangen werden.

 
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Leser-Kommentare

    • 27.03.2009 um 16:45 Uhr
    • Anonym

    Interessant wäre zu erfahren, welche Einflussfaktoren den NWI in den letzten Jahren nach unten gedrückt haben.
    Schade das hier nicht mehr berichtet wurde.

    Berthold Grabe

    • 27.03.2009 um 19:48 Uhr
    • Piepe

    Skala der Menschlichkeit Von 1 bis 100

    100 Arbeitslose werden wie Verbrecher behandelt,
    1 Arbeitslosen wird geholfen einen neuen Job zu suchen.

    Aktuelles Wohlfahrtsniveau 100.

  1. "Doch der Glaube an diesen Zusammenhang – mehr BIP gleich mehr Wohlstand – wird in diesen Tagen durch eine Reihe neuer Forschungsergebnisse erschüttert."

    Ich finde das ein wenig zu krass formuliert. Natürlich hat das BIP viele Lücken, die überarbeitet werden müssen, aber trotzdem ist es immernoch ein guter Wohlstandsmesser. Mann muss ich nur die Liste der Länder mit einem hohen BIP anschauen und diese mit dem HDI vergleichen...das sieht schon ziemlich ähnlich aus

  2. ist ein unfreiwillig komischer Artikel betitelt: Zehn Fälle, in denen der Mensch Umweltprobleme lösen wollte – und Öko-Katastrophen verursachte.
    http://www.focus.de/schul...

    Hier wird anschaulich gezeigt, wie oft und krass "Forscher" oder "Experten" daneben liegen. Glaubt irgend Jemand, die Ökonomen könnten Wirtschaftsprobleme besser steuern?
    _______________________________________________________
    Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]

    • 28.03.2009 um 18:54 Uhr
    • politz
    5. Hä?

    Dass das BIP als allgemeiner Wohlstandsindikator taugt, hat doch niemand, jedenfalls kein ernstzunehmender Ökonom behauptet. Das Bruttoinlandsprodukt ist eine Zahl, die nicht zuletzt für die Wirtschaftswissenschaften von größter Bedeutung ist. Wann ist eine Volkswirtschaft unterausgelastet, wann sind die Produktionskapazitäten voll beansprucht? Um diese Fragen zu ermitteln, kann das BIP herangezogen werden. Sie sind z.B. von zentraler Bedeutung für die Höhe der Arbeitslosigkeit. Einer Volkswirtschaft, deren BIP so schnell wächst wie die Produktivität geht es jedenfalls besser als einer, bei der das BIP weniger schnell wächst.

    Außerdem gibt es für die Konjunkturforschung keinen Indikator, der besser geeignet wäre. Die genannten Mängel, etwa dass Autounfälle zu einer Steigerung des BIP führen, lassen sich doch garnicht beseitigen. Genauso ist es in dieser Hinsicht vollkommen egal, wie die Menschen das Geld nutzen und wie es ihren persönlichen Wohlstand beeinflusst. Wenn jemand sein Geld statt für neue Autos lieber für einen erholsamen Urlaub ausgibt, mag das seinen persönlichen Nutzen erhöhen. Genauso mag ein Mensch wohlhabender sein, der statt Zigaretten sinnvollere Dinge kauft. Wie sollen all diese Dinge Eingang in eine gesamtwirtschaftliche Statistik fließen?

  3. Außerdem gibt es für die Konjunkturforschung keinen Indikator, der besser geeignet wäre.

    Dies hängt einzig und allein davon ab, was man als Konjunktur gelten läßt. Ein Blick auf das Zustandekommen der letztjährigen Steigerungsraten des BIP zum Beispiel in den USA ist hier sehr erhellend. (Immer wieder unglaublich wie flexibel Statistiken sein können.)

    Wann ist eine Volkswirtschaft unterausgelastet, wann sind die Produktionskapazitäten voll beansprucht? Um diese Fragen zu ermitteln, kann das BIP herangezogen werden. Sie sind z.B. von zentraler Bedeutung für die Höhe der Arbeitslosigkeit.

    Ich würde sagen, die Arbeitslosigkeit wie auch die Arbeit sind für das BIP selbst völlig egal. Wenn man in einem angenommenen Land (abgesehen von der "Verwaltung") die Hälfte der Leute in Arbeitslager steckt und die andere Hälfte sich selbst überläßt, hat dies erst mal gar keine Auswirkungen auf das BIP, solange der Export stimmt.

    Schlußendlich geht es nämlich, wie auch im Artikel angesprochen, nur um eines, -Was ist wirtschaftlicher Erfolg?- . Und genau diese Frage ist interessant. Was lassen wir als wirtschaftlichen Erfolg gelten? Der Rest ist bloß Statistik.

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    Ich fordere für alle Personen in Führungsverantwortung.
    - jährlich eine Woche Sozialarbeit
    - wöchentlich 3Stunden Geschichtsunterricht
    - eine monatliche Buchbesprechung eines Science-Fiction-Romans.

  4. Mein Kommentar ist eine Antwort auf Kommentar Nummer 5.

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  5. Nachdem man schon die Arbeitslosigkeitsstatistik und denn Warenkorb gut schönrechnen kann und so die Stimmung beeinflussen kann, will man das bei dem BIP auch. Denn wenn jetzt Deutschlands BIP sinkt, kann man dann sagen, dass dieser keine Aussage über Deutschlands Wohlstand hat.

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