In Iran ist ein Angebot selten das, was es zu sein scheint. Taxifahrer in Teheran beispielsweise lehnen regelmäßig die Zahlung ab, bis sie dann nach einigen Worten der Dankbarkeit einen sehr genauen Preis fordern. Immer wieder hört man von Ausländern, die die Höflichkeit der Taxifahrer als Freifahrt verstehen und ihnen keine andere Wahl lassen, als die Polizei zu rufen. Diese Ausländer verstehen zwar die Worte des Fahrers, begreifen jedoch ihre Bedeutung nicht.

Die Amerikaner sollten das im Hinterkopf behalten, wenn sie an den versöhnlichen Ton denken, den Mahmud Ahmadineschad in seiner Rede zum 30.Jahrestag der Islamischen Revolution gegenüber den USA anschlug: »Unser Land ist zu Gesprächen bereit, wenn sie auf Gleichheit und gegenseitigem Respekt beruhen.« Diplomaten, die Irans Rhetorik zu entschlüsseln suchen, wird das Buch The Ayatollah Begs to Differ eine sehr nützliche Einführung sein.

Der Autor Hooman Majd, ein iranisch-amerikanischer Journalist, vermeidet das Klischee und bietet einen Überblick über die kulturellen Muster, die für den ganzen Iran gelten. Er hebt insbesondere zwei Aspekte hervor, die die politische Sprache des Landes und sein Verständnis von sozialer Ordnung prägen: ta’arouf und haq.

Ta’arouf ist der einzigartige iranische Brauch der ritualisierten Selbsterniedrigung. »Wenn zwei Menschen miteinander interagieren, verlangt ta’arouf, dass sich jeder darum bemüht, den Rang des anderen auf Kosten des eigenen Rangs zu erhöhen«, schreibt Majd. »Verwendet wird es, um jemand in übertriebener Weise zu schmeicheln oder um dem Feind die Deckung zu nehmen.« In der Praxis macht ta’arouf selbst aus den einfachsten Interaktionen, wie dem Zeitungskauf oder einer Taxifahrt, langwierige Verhandlungen.

Nach der Lektüre von Majds Buch wird man aufhorchen, wenn Ahmadineschad Dialog anbietet, aber dabei den gegenteiligen Respekt einfordert. Innerhalb des Systems des ta’arouf ist Diplomatie ebenso sehr ein moralischer wie ein ästhetischer Akt. Ta’arouf hilft sogar, zu erklären, warum sich die Atomverhandlungen unter Europas Führung so lange und ergebnislos in die Länge ziehen.

Teherans Besessenheit von Respekt wird aber auch vom schiitischen Begriff der Unterdrückung sowie dem iranischen Nationalismus der Bevölkerung genährt. Ahmadineschad rechtfertigt die nukleare Unnachgiebigkeit seines Landes freilich immer durch einen Rückgriff auf haq, auf das »unveräußerliche Recht«, einen Begriff, der sowohl eine politische wie religiöse Konnotation hat. Mithilfe der Geschichten von Märtyrertum und Gerechtigkeit wird der schiitischen Bevölkerung Irans beigebracht, nach dem haq zu streben und es mit aller Kraft zu verteidigen. Die Rhetorik von Ahmadineschad signalisiert, dass er nicht daran denkt, sein Nuklearprogramm zu einem niedrigen Preis aufzugeben.

Sie zeigt, dass der iranische Präsident sich von den USA nicht einschüchtern lassen wird, selbst wenn er diese anerkennt. Nichts widerspricht dem iranischen Verständnis von Anstand mehr als das Gerede von Zuckerbrot und Peitsche. Ali Laridschani schlug in seiner Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz ein anderes Bild vor: Die Verhandlungen zwischen den USA und Iran seien wie eine Partie Schach. Es ist diese Mischung von durch haq inspirierter Sturheit und ta’arouf- bedingter Diplomatie, die aus Iran den berüchtigten Verhandlungspartner macht.