Peer Steinbrücks Kavallerie und die Indianer: Selten haben Deutsche und Schweizer so aneinander vorbeigeredet. Der hämische Spruch des Finanzministers zur Lockerung des Bankgeheimnisses traf die Schweiz offenbar so ins Mark, dass sich sogar Nationalräte zu schiefen Nazivergleichen hinreißen ließen. In Berlin wiederum löste das Echo aus der Schweiz mitleidiges Kopfschütteln aus. Dass der Blick Steinbrück wegen einer Flapsigkeit zum »hässlichen Deutschen« schlechthin ernennt, versteht nördlich des Rheins kaum jemand – vom Finanzminister ist man noch ganz andere Kraftmeiereien gewohnt.

Es hätte nicht so weit kommen müssen. Steinbrück hätte nur in den letzten Monaten in Zürich Quartier beziehen müssen. Dann wäre ihm dieser Tage eine Einladung der Stadt in den Briefkasten geflattert: Zum ersten Mal lud die Stadt Zürich Neubürger mit deutschem oder österreichischem Pass zu einem Integrationsabend ein.

Die schweizerisch-deutsche Doppelstaatlerin Cristiana Baldauf und ihre Kollegin Danijela Erden von der Integrationsförderung der Stadt Zürich haben sich vorgenommen, dem clash of civilizations gegenzusteuern: mit einer Art Crashkurs in Swissness, in dem die Neuzürcher aus dem »großen Kanton« auf die Fettnäpfe und Fallstricke vorbereitet werden, die im Schweizer Alltag auf sie lauern.

Bislang gab es lediglich einen Begrüßungs-Apéro mit Stadtführung für alle Ausländer. Doch das Problem mit den Deutschen hat sich verschärft: Fast 30.000 Deutsche leben inzwischen allein in der Stadt Zürich, seit 1991 hat sich ihre Zahl vervierfacht. Schwaben, Sachsen, Hamburger und Hessen kellnern und heilen, chauffieren Trams – und werden immer häufiger Schweizern als Chefs vorgesetzt.

Dabei war es schon einmal schlimmer: 1910 lebten allein in der Stadt Zürich 41000 Deutsche – damals machten sie 22 Prozent der Bevölkerung aus. Trotzdem vergeht kaum eine Woche ohne publizistische Attacke auf arrogante, trampelige Deutsche. Selbst in seriösen Blättern nehmen die Nachbarn den Schweizern abwechselnd Arbeitsplätze, Wohnungen und dann noch die Frauen weg. »Manchmal schäme ich mich für die Schlagzeilen. Die Deutschen werden in den Medien zu Sündenböcken«, sagt Cristiana Baldauf.

Umgekehrt klagen die Einwanderer untereinander über kleinliche und kommunikationsscheue, abweisende Schweizer. Hinter vorgehaltener Hand zwar, aber manchmal eben nicht leise genug.

35 Deutsche und ein Österreicher sind an diesem trüben Spätwinterabend der Einladung gefolgt und in den nüchternen Seminarraum im »Zentrum Karl der Grosse« gekommen, direkt neben dem Zürcher Grossmünster. »Herzlich willkommen« ist über dem Bild eines Autos mit schwarz-rot-goldener und Schweizer Fahne zu lesen.