Die Luftverschmutzung wird in China zu einem immer größeren Problem. In Peking beherrschen längst Autos das Bild, nicht mehr Fahrradfahrer © Frederic J. Brown/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Schellnhuber , Sie haben einmal die Frage, ob Sie Politiker verachten, mit Ja beantwortet.

Hans Joachim Schellnhuber: Stimmt, ich erinnere mich daran.

ZEIT: Ihre Begründung war: Ich verachte Politiker, wenn sie nichts gegen den drohenden Klimawandel tun, obwohl sie es besser wissen müssten.

Schellnhuber: Zu dieser Aussage stehe ich natürlich, würde heute jedoch eine andere Formulierung wählen, die nicht als Verdammung einer ganzen Gesellschaftsgruppe missverstanden werden kann. Der Berufsstand Politiker löst bei mir ohnehin eher den emotionalen Reflex des Bedauerns aus: Wenn man gelegentlich direkt miterlebt, wie viele Stunden selbst ganz normale Abgeordnete Tag für Tag und Woche für Woche arbeiten, unter welchem Wettbewerbs- und Interessensdruck sie stehen, dann wächst das Verständnis für das Ringen unserer "Volksvertreter" um kleinste Fortschritte. Und was bekommen diese Menschen für ihren Einsatz? Ein wenig Macht und Geld, aber kaum Sympathie.

ZEIT: Das klingt sehr verständnisvoll.

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Schellnhuber: Natürlich hält sich das Mitgefühl für jene Egomanen in Grenzen, welche die politische Arena vor allem zur Befriedigung ihres Geltungsbedürfnisses missbrauchen. Aber es gibt doch auch politische Führungspersönlichkeiten, die man getrost bewundern kann. Der neue US-Präsident Obama etwa scheint tatsächlich das halten zu wollen, was er im Wahlkampf versprochen hat. Er macht einen ebenso redlichen wie charismatischen Eindruck. Und ich schätze in der Tat unsere Bundeskanzlerin sehr – sie ist hochintelligent, lernfähig, von preußischem Arbeitsethos geleitet und völlig unprätentiös. Hinzu kommt ein knochentrockener Humor. Dies ist wohlgemerkt eine persönliche, keine politische Sympathiebekundung.

ZEIT: Einerseits wundert es nicht, dass Sie die Kanzlerin loben. Sie sind ein enger Berater in Sachen Klimapolitik. Andererseits erstaunt es uns schon ein bisschen, weil viele der Bundeskanzlerin vorwerfen, sie fiele in der Klimapolitik um. Auch Sie selbst haben sich kritisch geäußert über die Beschlüsse des Brüsseler Klimagipfels vor drei Monaten.

Schellnhuber: Man muss sich in Erinnerung rufen, welch einschüchternde Drohkulisse die verschiedenen Lobbygruppen damals aufbauten: Man konnte gar nicht vermeiden mitzubekommen, wie die Konzernchefs im Halbstundentakt in den befassten Ministerien anriefen, um vor der Deindustrialisierung Europas – gleichbedeutend mit dem Untergang des Abendlandes – zu warnen. Diese Herren hatten offenbar zum ersten Mal das Gefühl, dass mit dem Klimaschutz tatsächlich Ernst gemacht werden soll. Insbesondere ging es um die Frage, welcher Anteil der Verschmutzungsrechte in welchen Branchen kostenlos vergeben und welcher auktioniert werden soll. Der Chor der Kritiker schwoll zum Orkan an.

ZEIT: Ist dieser Druck ohne Spuren geblieben?

Schellnhuber: Interessanterweise hat dieser Einmischungsversuch die Substanz der EU-Beschlüsse nur wenig beeinflusst. Vielleicht war Deutschland diesmal nicht der Zugochse des Klimaschutzwagens, sondern nur Teil des Trosses. Aber einer populären Fehleinschätzung möchte ich an dieser Stelle entgegentreten: Frau Merkel und ihre Mitarbeiter im Kanzleramt sehen keinen fundamentalen Widerspruch zwischen Bewahrung der Umwelt und nachhaltigem Wachstum. Das hat die Bundeskanzlerin viele Hundert Male auch so öffentlich gesagt. Es gab ein einziges Zeitungsinterview, das eine Umorientierung in Richtung Konfrontation vermuten lassen konnte – im Nachhinein betrachtet, wohl eher eine kommunikative Unschärfe.

ZEIT: Ist es nicht eine schwierige Gratwanderung, als Wissenschaftler auch Politikberater zu sein? Wo ziehen Sie Ihre persönliche Grenze? Immer weiter beraten – auch wenn alles für die Katz ist?

Hans Joachim Schellnhuber hofft, die Klimaforscher würden sich kollektiv irren. "Aber es gibt keine Anzeichen dafür" © DBU

Schellnhuber: Schluss wäre beispielsweise von heute auf morgen, wenn die Politik nun beschlösse, den Klimaschutz wegen der Wirtschaftskrise mittelfristig auf Eis zu legen, nach dem Motto: Wir haben Wichtigeres zu erledigen. Das ist aber bisher nicht der Fall, auch wenn manche europäische Politiker wie Berlusconi sich darin gefallen, mit diesem Feuer zu spielen. Das Brüsseler Klima- und Energiepaket ist nicht perfekt, aber durchaus respektabel. In Sachen Reduzierung von Treibhausgasemissionen und vor allem bei den verbindlichen Zielen zum Ausbau der erneuerbaren Energien ist es sogar das Beste, was es weltweit gibt. Ich bin davon überzeugt, dass Nachhaltigkeitspolitik für Frau Merkel kein Potemkinsches Dorf darstellt, welches man nach Bedarf aufbauen und wieder wegräumen kann.

ZEIT: Wann haben Sie die Bundeskanzlerin zuletzt gesehen?

Schellnhuber: Das geht Sie eigentlich gar nichts an, doch können Sie davon ausgehen, dass Frau Merkel sich von Zeit zu Zeit über die neuesten wissenschaftlichen Entwicklungen an der "Klimafront" unterrichten lässt.

ZEIT: Und, wie ist die Lage?