ZEITmagazin: Frau de Pinto, hat Ihnen kürzlich mal jemand gesagt, dass Sie verrückt seien?

Arielle de Pinto: Sie meinen, weil ich mit Metall häkele? Nein, wer zu mir kommt, der kennt meine Arbeiten. Allerdings ernte ich am Flughafen regelmäßig komische Blicke. Ich reise mit einem Koffer von 20 Samples als Handgepäck, den muss ich immer öffnen – und die Sicherheitsbeamten schauen sich verwundert an, wenn ich ihnen erkläre, was sich im Koffer befindet.

ZEITmagazin: Sie stellen sich wahrscheinlich dieselbe Frage wie wir: Wie kommt man auf die Idee, mit Metall zu häkeln?

De Pinto: Ich habe an der Universität Kunst studiert und an einem Webkurs teilgenommen. In meinem Ehrgeiz wollte ich etwas Besonderes versuchen. Vor drei Jahren beschaffte ich mir Metallfäden und häkelte eine ziemlich scheußliche Kette. Der Anfang war aber gemacht. Ich begann meine Technik zu verbessern, Materialien zu testen, Accessoires zu entwerfen. Bereits das zweite Stück war eine goldene Spinnennetz-Kette aus Nickel, wie ich sie noch heute herstelle.

ZEITmagazin: Was hat Sie dazu bewogen, bei dem schwierigen Material zu bleiben?

De Pinto: Metall übt auf mich eine seltsame Anziehungskraft aus. In meinem Kleiderschrank finden Sie wahrscheinlich zur Hälfte Anziehsachen aus Lurex. Wenn ich früher in einen Secondhandladen ging und ein Portemonnaie mit einer langen Schlüsselkette sah, musste ich immer darüberstreichen.

ZEITmagazin: Sie erzählen das so, als hätten Sie dabei Gänsehaut bekommen?

De Pinto:  Manchmal schon. Mir gefällt das kalte, beinahe feuchte Gefühl, wenn man Metall berührt. Ich finde es einfach sinnlich.

Für eine einfache Kette benötigt Arielle de Pinto nur einen TagZEITmagazin: Haben Sie metallene Halsketten und Armreifen schon als Kind geliebt?

De Pinto: Überhaupt nicht. Schmuck sagte mir gar nichts. In der gemütlichen Vorstadt von Toronto, in der ich aufgewachsen bin, malte ich gern, ich schnitzte, meine Mutter schickte mich ab dem fünften Lebensjahr in Kunstkurse. Deshalb studierte ich auch Kunst in Montreal. Als Teenager gefiel es mir, mich herauszuputzen und mit Theaterschminke anzumalen.

ZEITmagazin: Ihr erster Schritt in Richtung Mode?

De Pinto: Nein, in Toronto hatte niemand Ahnung von Mode. Damals trug man tief sitzende Jeans, oben lugte ein Tangaslip heraus. Denken Sie an den Stil Christina Aguileras zurück, als sie 1999 ihre erste Platte veröffentlichte, dann haben Sie eine Ahnung, wie ich und die anderen Mädchen an unserer Schule aussahen.

ZEITmagazin: Auf den Modeschauen in Paris und Mailand favorisieren viele Designer im Moment große Ketten und Armreifen. Woher kommt die neue Lust an auffälligen Accessoires?

De Pinto: In den letzten Jahren dominierte eine sehr feminine Mode, zierlich und niedlich. Die Menschen wollen jetzt mal wieder Veränderung – härtere Materialien und Accessoires, die sofort ins Auge springen.