Denk ich an Deutschland in der Nacht…« Klar, dieser Vorwurf musste kommen: Heinrich Heine kannte noch den Adressaten seines politischen Zorns. Auch die Regisseure von Deutschland im Herbst, also Kluge, Fassbinder, Schlöndorff et al., hatten ihn klar vor Augen. Nur die dreizehn Autoren des Episodenfilms Deutschland 09, so befanden die Kritiker auf der Berlinale , tappen im Dunkeln. Sie drehen dreizehn Kurzfilme zur Lage der Nation, aber die Nation finden sie nicht. Deutschland 09 – » ein Debakel« (FAS).

Ja, es stimmt, die politischen Energien des aufwendigen Gemeinschaftswerks bündeln sich nicht, etliches ist missglückt. Aber warum ist es so? Liegt es an den Regisseuren – oder doch an dem Land, das sie beschreiben? Tatsächlich zählt der Berichts- und Empfindungszeitraum von Deutschland 09 zu den aufregendsten Epochen der Bundesrepublik: Es ist jenes neoliberale Experiment, das gerade mit großem Knall zu Ende geht und dessen Ruinen nun mit Steuermitteln zwangsbegrünt werden. Es sind die Jahre der Ruck-Reden, des Shareholder-Value-Denkens und der »Du bist Deutschland«-Kampagnen. Es sind die Jahre der rot-grünen Umverteilung von unten nach oben und der von einem VW-Manager mundfertig dargereichten Hartz-IV-Gesetze. Und es ist die große Zeit der Siegertypen, die vom »Abschmelzen der Beschäftigungsdichte« reden – und danach handeln.

Aber es ist merkwürdig. Im filmischen Rückblick scheint diese Ära von synthetischer Glätte, Spott und Häme der Regisseure perlen ab. Wolfgang Beckers Satire Krankes Haus zündet nicht, sein Wiederbelebungsversuch am scheintoten »Volkskörper« ist anämischer Slapstick. Becker betet das neoliberale Abrakadabra noch einmal herunter (»zu sozial ist unsozial«), aber man kann die Phrasen nicht mehr hören, denn auch die Parodie klingt inzwischen so dämlich wie das Original. Auch bei Tom Tykwers Film Feierlich reist weiß man rasch, wie der Hase läuft. Ein Manager, Herr Feierlich (Benno Fürmann), jettet kreuz und quer durch seinen Firmenkosmos, um die Einkaufspreise zu drücken. Überall trifft er auf den geleckten Lifestyle-Kapitalismus, auf Armani-Vuitton-Prada, und nur Starbucks gibt ihm Heimat und Trost. Globalisierung macht die Welt ähnlich. Hatten wir das Thema nicht schon einmal erfolgreich durchgenommen?

Man weiß auch nicht, welchen Teufel den Regisseur Hans Steinbichler geritten hat, aber das Dringlichste, was ihm zur Lage der Nation einfällt, ist die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Steinbichlers Held, ein Reaktionär vom Obersalzberg (Sepp Bierbichler), reist mit der Knarre an den Main, um die Redaktion über den Haufen zu schießen. Sein Grund? Der Abschied von der Fraktur. »Das ist nicht mehr meine Zeitung.« Armes Deutschland.

Etwas Altes geht zu Ende, aber das Neue ist noch nicht in Sicht, es bleibt ein »Dazwischen«. Christoph Hochhäusler füllt das Vakuum mit einem großen Raunen und rechnet gleich mit der ganzen eiskalten Moderne ab, den anonymen Mächten aus dem Westen. Irgendwann haben sie unser unschuldiges Land überfallen und auf den Mond der »Rationalität« verfrachtet, wobei die Deutschen, die ewigen Opfer, ihre Kultur zurücklassen mussten, um endlich Effizienz zu lernen. Eine deutsche Frau kann der Gehirnwäsche entkommen, sie malt das Wort »Deutschland« in den Mondsand, und man sieht noch einmal die schöne, alte Erde.

Wenn politische Fantasien keinen Adressaten mehr finden, dann fliegen sie eben zum Mond, wo sie dann auch gerne bleiben dürfen. Der Gegner ist dann die »Vernunft«, die »Moderne« oder welche Strohpuppe auch immer. Der »Körper des Staates« jedenfalls taugt nicht mehr zum Widersacher, er ist nämlich ein Patient. In Dany Levys Film Joshua sitzt die Regierungsmacht in Gestalt von Angela Merkel aschfahl beim Psychiater und sucht ihre »Idee von Deutschland«. Sie wird sie nicht finden, denn nach der neoliberalen Mobilmachung sind alle depressiv. Dort allerdings, wo der Staat noch einmal mächtig in Erscheinung tritt, bekommt Deutschland 09 politische Schärfe, wie bei Fatih Akin oder Hans Weingartner, der den realen Fall eines Berliner Stadtsoziologen verhandelt, der unschuldig im Gefängnis landet. Weingartner zielt auf den Präventiv-Staatspolitiker Schäuble, doch wenn er die Herren des Morgengrauens reden lässt, dann tropft der süße Honig des Klischees. Das Schlimme ist: Viele Verfassungsschützer reden ja wirklich so. Fatih Akin stellt ein Interview mit Murat Kurnaz nach, der in Guantánamo einsaß, obwohl die US-Regierung angeboten hatte, ihn laufen zu lassen. Doch der damalige Kanzleramtsminister Steinmeier wollte Kurnaz nicht nach Deutschland zurückholen, und die rot-grünen Moraltrompeter (»Menschenrechte!«) wollten es auch nicht. Dafür rechnet Akin mit Frank-Walter Steinmeier ab, wie es keiner vor ihm getan hat. Der Herr Minister ist der Kalte und Mitleidlose, der große moralische Versager, und natürlich: der Unwählbare. Steinmeier hätte Kurnaz von der Folter erlösen können – und hat sich nicht einmal bei ihm entschuldigt.

Vielleicht liegt das Zentrum der Nation an der Peripherie, an den Rändern, den Niederschlägen des Politischen. Dominik Graf führt auf Super-8-Material die schicke Tristesse einer Republik vor, die ihre Vergangenheit abstreift wie eine peinliche Hülle, die überquillt von Emotional Design , ganz transparent und ganz tot. Anrührend ist Isabelle Stevers Besuch beim »Klassenrat« einer Münchner Grundschule; Silke Enders zeigt die neudeutsche Klassengesellschaft, und mit schneidender Präzision erfindet sie eine Realität, die es tatsächlich gibt. Auf der einen Seite die Deklassierten in der Suppenküche; auf der anderen Seite die reizbare Bionade-Bourgeoisie, die sich am Stadtrand breitmacht. Hier die Hartz-IV-Flegel, dort die nöligen Gören mit den kleckerfreien Laura-Ashley-Strickjacken, jene Sauberkinder mit weißem Krägelchen, die schon heute wissen, dass sie morgen Elite sind.