Michaels Hände sind noch mit Farbe überzogen, vor lauter Spannung merkt er nicht, wie die Zigarette bis an seinen imprägnierten Zeigefinger herunterbrennt. »Und, für wen bist du?«, fragt er atemlos, »für Irland, oder?« Na, für wen denn sonst? Seit 61 Jahren hat Irland den Rugby-Grand-Slam nicht mehr gewonnen. An diesem Abend ist die Chance gekommen, gegen Wales. Der Irish Pub an Brüssels Place Flagey ist überfüllt, Kampfrufe gellen durch die Straße. Die krisengebeutelten Iren, sie sehnen sich nach einem Sieg. Endlich mal wieder Spitze sein statt Absteiger! Vor allem Osteuropäer, den Iren durch Arbeitsmigration der letzten Jahre verbunden, helfen im Pub beim Anfeuern.

Michael stammt aus der Grafschaft Kerry, seit ein paar Jahren lebt er in Brüssel, arbeitet »na ja, für die reichen Leute eben«: Teppich legen, Wände streichen, Bäder sanieren, was halt so anfällt. Ich nippe am schwarzen Bier und frage mich, ob das jetzt wohl die Zukunft ist: dass der Software-Ingenieur aus Polen sich den Klempner aus Irland kommen lässt. Wir leben in einer Zeit schneller Wechsel.

Kurz vor Schluss punktet Wales, die Niederlage scheint besiegelt. Dann, 90 Sekunden später: Irlands Ronan O’Gara setzt ein traumhaftes drop goal hinter die feindliche Linie. 15:17 für Irland, Abpfiff! Unsicher versucht Michael, sich von seinem Stuhl zu erheben. Irgendwo zerbrechen Gläser.