Mein einprägsamstes Flugerlebnis? Nicht der Flug nach München durch die Ausläufer eines Sturms, den man später Kyrill nannte. Auch nicht der nach Lugano, bei dem der Pilot Mühe hatte, die Landebahn zu treffen. Nein, es war über Hamburg. Draußen nichts als graue Suppe, wir kreisten in nicht enden wollenden Warteschleifen, immer stärkere Böen schüttelten das Flugzeug. An Bord war es längst still geworden, nur die Kabinenverkleidung knarrte bei jedem Windstoß heftiger.

Und dann sprach dieser Mann, eine Reihe schräg vor mir, dieser Mann, der einen vielleicht zweijährigen Jungen auf dem Schoß hielt. Er hatte die Hände fest vor ihm verschränkt, so fest, dass sie ganz weiß waren. Zuerst dachte ich, er rede beruhigend auf sein Kind ein. Aber dann wurde mir klar, dass er fluchte: Er verfluchte die Leute vom Check-in-Schalter, die offenbar verhindert hatten, dass er einen Kindersitz mit ins Flugzeug bringen konnte, er verfluchte sie, weil er auf einmal furchtbare Angst um den Jungen hatte. »Wenn meinem Sohn etwas passiert«, keuchte der Mann in die Stille, »dann kriege ich euch!«

Damals, ich war noch nicht selber Vater, fand ich das gespenstisch. Heute, meine Tochter ist anderthalb, verstehe ich ihn. Könnte ich mitschimpfen über Airlines, die seit Jahren aus Sparsamkeit das Leben der Kleinsten aufs Spiel setzen, und über Politiker, die aus Rücksicht auf diese Airlines darauf verzichten, mehr Sicherheit einzufordern. Kurz: Ich bin froh, dass ich nicht aus beruflichen oder privaten Gründen mit meiner Tochter fliegen muss.

Natürlich, Fliegen ist statistisch unheimlich sicher, aber um Abstürze soll es hier nicht gehen. Vielmehr um jene viel alltäglicheren Situationen, die Passagiere meist deshalb unversehrt überstehen, weil sie angeschnallt sitzen: Notlandungen. Startabbrüche. Und Turbulenzen. Die gefürchtetsten, Clear Air Turbulences (CATs), entstehen in Höhen von 7000 bis 12000 Metern tatsächlich wie aus heiterem Himmel. Eine CAT kann ein schweres Passagierflugzeug ganz plötzlich 20, 25 Meter in die Höhe reißen und dann wieder fallen lassen, wobei alles Lose im Inneren an die Decke kracht – Gepäck, Getränkewagen, nicht angeschnallte Passagiere und Stewardessen. Allein in den USA tragen jedes Jahr etwa 30 Menschen teils heftige Blessuren davon; manche kommen auch zu Tode. Wie unklug also, die Standardbitte zu ignorieren, die Anschnallgurte während des gesamten Fluges geschlossen zu halten!

Für Kinder bis zu etwa sieben Jahren sind die Gurte aber im Gegenteil bei Zwischenfällen sogar gefährlich: Die für Erwachsene konstruierten Riemen und Schnallen können tief in die kindlichen Weichteile einschneiden. Für viele Eltern von Babys und Kleinkindern spielt das zwar keine Rolle; sie halten ihr Kind während des Fluges auf dem Schoß. Allerdings kann auch diese Schoßreise für ein Baby tödlich enden. Ein für einen Erwachsenen konstruierter Flugzeugsitz samt Gurt muss Flieh- und Verzögerungskräfte bis zum 16-Fachen der Erdbeschleunigung aushalten – solche Kräfte und noch stärkere können in der Kabine entstehen, wenn eine Maschine etwa beim Landen über die Bahn hinausschießt und auf einen Erdhügel, ein anderes Flugzeug, ein Gebäude prallt. Es sind Kräfte, bei denen selbst der stärkste Vater nicht gegenhalten kann: Das Kind würde aus seinen Armen gerissen und durch die Kabine geschleudert.

Deshalb sichern auch deutsche Fluggesellschaften auf dem Schoß mitfliegende Babys und Kleinkinder mit dem Loop-Belt, einem Zusatzgurt, der in den Gurt des Erwachsenen eingeklinkt wird. Doch dadurch werden im Falle des Falles lediglich die anderen Fluggäste vor umherfliegenden Babys geschützt; dem Baby hilft das wenig. Es läuft Gefahr, durch den Loop-Belt schwerste innere Verletzungen zu erleiden, wenn das Flugzeug bei der Landung von der Bahn abkommt und mit etwas kollidiert. Das haben Ingenieure des TÜV Rheinland bei Crashtests herausgefunden. »Das Kind«, sagt der TÜV-Flugsicherheitsexperte Martin Sperber, »kann das kaum überleben.«

Keine neue Erkenntnis. Bis im vergangenen Jahr eine entsprechende EU-Richtlinie in Kraft trat, war der Loop-Belt in Deutschland sogar verboten. Experten halten Verkehrsminister Tiefensee vor, er habe nichts gegen die Wiedereinführung des todesgefährlichen Gurts unternommen, damit den deutschen Airlines ja kein Wettbewerbsnachteil entstehe. Es ist nämlich unstrittig, dass der sicherste Platz für Kinder unter sieben Jahren ein eigener Kindersitz ist. Flugzeuginnenausrüster bieten solche Modelle zum Einbauen auch an, aber nur wenige Linien wie etwa Virgin Atlantic haben tatsächlich eigens konstruierte Sitze an Bord. Den Fluggesellschaften war es bisher zu teuer und zu unpraktisch, auf Kleinkinder verstärkt Rücksicht zu nehmen. Und niemand zwingt sie dazu: Auch die Europäische Flugsicherheitsagentur setzt bislang nur auf Gespräche, obwohl sie eben erst eine Studie vorgelegt hat, die unter anderem bestätigt, dass ein Kind im Kindersitz am besten aufgehoben ist.