Gesellschaftskritik

Michelles Bizeps

In den USA wird heftig über die nackten Oberarme der First Lady diskutiert. Zu Recht?

Seit der Vertreibung aus dem Paradies diskutiert die Öffentlichkeit die Frage, wie viel Haut eine Frau zeigen darf. Als der recht hüftsteife DDR-Kulturminister Johannes R. Becher am Ostseestrand eine FKKlerin sah, die im Adamskostüm das Neue Deutschland las, herrschte er sie an: "Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau?" Da schlug die Dame die Zeitung nieder, und Becher erkannte, dass es Anna Seghers war, die von der DDR tief verehrte Schriftstellerin.

Wenig später musste Becher Anna Seghers in Berlin, wie schon lange geplant, den Nationalpreis 1. Klasse verleihen. Als der Kulturminister zu sprechen anhob und die "liebe Anna" rühmte, rief sie in den vollen Saal hinein: "Für dich immer noch: Sie alte Sau."

Wir Gesellschaftskritiker müssen heute aus gegebenem Anlass an diesen Meilenstein der weiblichen Emanzipation erinnern: In Amerika, das offenbar keine anderen Probleme hat, sorgen die freien Oberarme von Michelle Obama für großes Aufsehen in den Internet-Blogs und Zeitungen. Mode- und Gesellschaftskritiker kritisieren die Präsidentengattin für ihre Vorliebe für ärmellose Kleider, sogar, wie sich die Zeitschrift Glamour empörte, bei der ersten Rede Obamas vor dem amerikanischen Kongress hatte sie ihre Arme nicht bedeckt.

In der New York Times schrieb David Brooks, der sich vor ein paar Jahren mit seinem Buch Bobos in Paradise als großer Gegenwartsdiagnostiker profilierte: "Manchmal denke ich, dass Obama auch deswegen Präsident geworden ist, um Michelle die Gelegenheit zu geben, ihren Bizeps zu zeigen."

Hallo? Wenn das wirklich das Ziel von Obama gewesen wäre, dann hätte er auch Präsident eines Ruderclubs in Chicago werden können. Am liebsten würde man David Brooks die Worte zurufen, die Johannes R. Becher einst am Ostseestrand fand. Und, das als kleinen Hinweis an ihn und die New York Times aus dem reichen Erfahrungsschatz von Anna Seghers: Wenn Frauen ihre Muskeln spielen lassen wollen, brauchen sie dafür keine Männer mehr, die ihnen die Gelegenheit dazu geben.

Doch wir hatten uns vorgenommen, an dieser Stelle nicht schon wieder so feministisch zu werden. Deshalb ganz kurz: Wir finden die Oberarm-Muskulatur der First Lady sehr beachtlich, es ist fast schon die Frage beim Foto vom obigen Tanz, wer da wen führt. Auch gegen ärmellose Kleider haben wir gar nichts. Nur etwas gegen scheinheilige Sorgen vor zu viel afroamerikanischer Muskelkraft – und gegen bigotte Amerikaner, die nicht begreifen, dass ihre Predigten für mehr Dezenz in puncto Körperlichkeit schon immer unfreiwillig komisch wirkten. Zum Zeichen unserer Wertschätzung schmücken wir deshalb das Foto von Michelle Obama heute mit dem grünen Band der Sympathie. Und verleihen ihr den Nationalpreis 1. Klasse.

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Leser-Kommentare

  1. Als Frau kann ich dazu nur sagen, dass ich so schöne Arme bei jeder Gelegenheit zeigen würde. Hier passt am besten der Leitspruch des Hosenbandordens:
    Honi soit qui mal y pense

    Im übrigen sollte es Frau Obama selbst überlassen sein, was sie zu welchem Anlass anziehen will.

    E.Rohner

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    Ich stimme Ihnen (als ebenfalls Frau) zu, so schöne Arme dürfen auch von einer First-Lady gezeigt werden. Aber eben ... schöne.Bitte!

    Allerdings wird's mir bei dem Gedanken bange, wie viele Nachahmerinen mit "weniger schönen" Armen es bald geben könnte! :-)

    Nicht dass es eine First-Lady war, die den Bauch-Frei- oder Hüfthosen-Trends ausgelöst hätte... Nur welche Tailienumfänge einem dann auf der Strasse fast schon ins Auge sprangen, als Bauch-Frei zum Trend wurde... Oh waia!

    Das Ergebnis ist traurig: Heute ist bauchfrei wieder dermaßen verpönt, dass nicht einmal schöne Tailien auf die diskreteste Art gezeigt werden können... ;-)

    Grüße
    Messala

    • 27.03.2009 um 13:27 Uhr
    • blätterrauschen

    Manchmal denke ich, dass Obama auch deswegen Präsident geworden ist, um Michelle die Gelegenheit zu geben, ihren Bizeps zu zeigen."

    Wollten Sie das nicht so sagen, Herr Illies?:
    Manchmal denke ich, dass Obama auch deswegen Präsident geworden ist, um Michelle zu zeigen.

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    Sehr geehrter @blätterrauschen, Sie haben wohl übersehen, daß Florian Illies den von Ihnen zitierten und kritisierten Satz in seinem Artikel unter Angabe des Urhebers, David Brooks, ebenfalls zitiert - und im Folgeabschnitt seines Artikels kritisiert.

    Insofern zielt Ihr Kommentar ins Leere.

  2. was für ein unsinn!

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    Wie wahr!   blätterrauschen

    Ein Unisnn - Sie sagen es! Nur, was ist Unsinn? Die Empörung der prüden Amerikaner über das bisschen Fleisch oder der Artikel in der ZEIT? Also, der Artikel ist gut, das muss ich sagen.

    • 27.03.2009 um 13:52 Uhr
    • Knüppel

    das scheint auch im Jahr 2009 bei einigen Zeitgenossen zu "Desorientierung" zu führen.

    Frauen schlagt zurück, empört Euch über den unattraktiven Hintern von Minister ...., das Doppelkinn von Präsident .... und über die Wurstfinger von ..... und als Schlußsatz des Schmähartikels am besten schreiben: "Ihr Anblick ist eine Zumutung für jeden anständigen Amerikaner (oder wahlweise Deutschen, Franzosen, Italiener usw.)".

    Mit solidarischen Grüssen
    Knüppel, total schwul

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    Zustimmung ...   blätterrauschen

    ... und volle Punktzahl, knüppel

    Mit verständigem Kopfnicken
    Blätterrauschen, total unschwul

    • 27.03.2009 um 13:53 Uhr
    • blätterrauschen

    Ein Unisnn - Sie sagen es! Nur, was ist Unsinn? Die Empörung der prüden Amerikaner über das bisschen Fleisch oder der Artikel in der ZEIT? Also, der Artikel ist gut, das muss ich sagen.

    Antwort auf "Michelles Bizeps"
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    prüderie   schneewante67

    natürlich ist die prüderie der amerikaner unsinn, aber eben vorhanden. nur erscheint mir die prüderie in diesem fall aufgesetzt zu sein. auch nancy reagan beliebte ihre, zugegeben mageren, oberarme zu zeigen und niemand hat auch ein wort darüber verloren. auch wenn der artikel gut sein mag, so wundert es mich schon ein wenig, dass von seiten der zeit auf ein solches unsinnsthema auch noch eingegangen wird.

    • 27.03.2009 um 13:55 Uhr
    • blätterrauschen

    ... und volle Punktzahl, knüppel

    Mit verständigem Kopfnicken
    Blätterrauschen, total unschwul

  3. natürlich ist die prüderie der amerikaner unsinn, aber eben vorhanden. nur erscheint mir die prüderie in diesem fall aufgesetzt zu sein. auch nancy reagan beliebte ihre, zugegeben mageren, oberarme zu zeigen und niemand hat auch ein wort darüber verloren. auch wenn der artikel gut sein mag, so wundert es mich schon ein wenig, dass von seiten der zeit auf ein solches unsinnsthema auch noch eingegangen wird.

    Antwort auf "Wie wahr!"
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    lesen:

    Im ZEITmagazin gab es bis vor kurzem eine Seite mit der satirischen oder satirisch gedachten Rubrik "Worte der Woche ... die leider nicht gesagt wurden".
    Nun gibt es an der Stelle seit ein paar Wochen die neue Rubrik "Gesellschaftskritik", die wechselnd von Jens Jessen und Florian Illies bestückt wird.
    Zuletzt erntete Jens Jessen dort einigen Gegenwind, weil ihm der transatlantisch unauffällige Aufenthaltsort von Obamas Händen in seinen (eigenen!) Hosentaschen nicht zusagte.
    Nun folgen also fast konsequenterweise Michelle Obamas Oberarme.

    Mit dieser Rubrik "Gesellschaftskritik" tappert DIE ZEIT ein wenig weiter auf dem breiten Boulevard der Medienmöglichkeiten, um - so mag man mutmaßen - auch den an der "richtigen" Gesellschaftskritik nicht so sehr oder nicht ausschließlich Interessierten oder auch nur einem jüngeren Publikum ein wenig Futter vorzuwerfen. Vielleicht liegt es auch an den journalistischen Möglichkeiten oder Interessen "des Personals".

    Sie haben sicherlich recht, daß dieses Thema nun nicht unbedingt zum Kernbereich der ZEIT gehört - aber worüber schreibt man, wenn man nun mal eine solche Kolumne eingerichtet hat und, zumindest nach meiner Auffassung, mal ein recht lesenswertes, mal ein recht leichtgewichtiges ZEITMagazin nach langjähriger Pause wieder herausgibt?

  4. Sehr geehrter @blätterrauschen, Sie haben wohl übersehen, daß Florian Illies den von Ihnen zitierten und kritisierten Satz in seinem Artikel unter Angabe des Urhebers, David Brooks, ebenfalls zitiert - und im Folgeabschnitt seines Artikels kritisiert.

    Insofern zielt Ihr Kommentar ins Leere.

    Antwort auf "Fehlerberichtung"
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