Drei Lebensauffassungen stehen sich, vermutlich seit der Vertreibung aus dem Paradies, unversöhnlich gegenüber. Die erste, die optimistische sagt: Alles wird immer besser. Die zweite, die pessimistische sagt: Alles wird immer schlechter. Die dritte, die fatalistische sagt: Es bleibt sowieso immer alles, wie es ist.

Im westlichen Teil der Welt hat sich bekanntlich die optimistische Lesart des Weltgeschehens im Wesentlichen durchgesetzt. Dass die Gegenwart besser ist als die Vergangenheit, weiß im Abendland jedes Kind. Wer lebt, hat recht, und wer tot ist, immer schon verloren. Das Vorrecht der Gegenwart über die Vergangenheit gilt in jeder Branche – der neue Finanzminister ist pfiffiger als der alte, die Hamburger Hafencity besser als die Dogenpaläste von Venedig, das neue Wollwaschmittel weicher als das alte – nur nicht in der Kunst. Und schon gar nicht in der Literaturkritik. Sie ist, seit je, davon überzeugt, dass heute vieles schlechter und gestern manches besser gewesen ist. Vor allem sie selber.

So klagte unser großer Kollege Günter Blöcker schon 1965 darüber, dass sich die Literaturkritik in »Flüchtigkeit, vorschnelles Urteilen und die Flucht in den Gemeinplatz« verliere. Und bis in die jüngsten Tage sind die Beschwerden über das eigene Gewerbe als eine »Public-Relations-Entertainment-Nutzwert-Blendwerk-Industrie« (der Journalist Wolfram Weimer in seinem neuen Buch Freiheit, Gleichheit, Bürgerlichkeit) und über die »argumentative Armseligkeit« und »rhetorische Kraftmeierei, mit der Kritiker der größten Blätter bisweilen zu Werke gehen« (der Literaturkritiker Gregor Dotzauer in seiner Kerr-Preis-Rede in Leipzig) nicht abgerissen. Solcher Kulturpessimismus ist nicht sehr angesehen. Gerne werden die Intellektuellen zu mehr Frohsinn angehalten.

Aber warum? Solcherlei Beschwerdeführung begleitet den Nachdenklichen schon von alters her. Die »Schwermutshöhle« (Michael Naumann) ist das natürliche Habitat des Intellektuellen, der anders als der Finanzminister oder der Wollwaschmittelverkäufer sein Geschäft nicht mit dem irdischen Fortschritt, sondern mit der höheren Nörgelei betreibt. Und Kritik ist, egal wie empathisch und unterhaltend man sie auch ausführt, niemals eine durch und durch wollweiche Tätigkeit. Kritik macht nachdenklich. Und Nachdenken macht traurig. Sein kümmerlicher Antrieb ist häufig nichts Besseres als ein kopfschüttelnder Zweifel.

Deshalb gehört der »Schleier der Schwermut« (Friedrich Wilhelm Schelling) zum Denker wie der Fisch zum Wasser und die blonde Freifrau zum weltgewandten Freiherrn. Die Fröhlichkeit des Letzteren und die Traurigkeit des Ersteren sind gewissermaßen Berufsvoraussetzungen. Insofern ist die schöne Nörgelei der Literaturkritik an allem und jedem und vor allem an sich selbst kein Ärgernis, sondern im Gegenteil eine Naturnotwendigkeit – und nebenbei eine weise Einsicht in ihre eigene Unvollkommenheit. Eine Welt voller Optimisten wäre die Hölle. Und die Traurigkeit, von der Schelling sagt, dass sie allem Leben anklebe, ist viel bekömmlicher als ihr Ruf. Iris Radisch