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Reinhard Jirgls neuer Roman »Stille« verlangt viel von seinem Leser und ist eines der bedeutendsten Bücher unserer Zeit

Seit einigen Jahren steht Reinhard Jirgl unter Verdacht: Er wird einer Art Kapitalverbrechen am Kulturbetrieb bezichtigt. Denn Jirgl schreibt Bücher, die unbequem sind. Sie gelten als schwierig, weil sie Nebenschauplätze meiden. Ihr Schlachtfeld ist die Sprache selbst. Sein jüngster Roman, Die Stille, ist das fehlende Indiz, mit dem man ihn endgültig überführen wird: Jirgls Bücher sind eine Zumutung.

Genau das aber macht ihn zu einem der großen, vielleicht zu dem wichtigsten Autor der deutschen Gegenwartsliteratur. Sein Werk ragt heraus, weil es einzigartig ist. Vielleicht muss man sagen: weil es einsam ist. Denn Jirgl ist der Antipode der Popliteraten und ihrer Nachfolger, die die Kunst mit einer Chill-out-Zone verwechseln. Im Gegensatz zu ihnen macht er die Feuchtgebiete nicht in den Intimzonen der Protagonisten, sondern in ihren Geschichten aus, vor allem ihrer Geschichte, der mit dem großen, dem gewaltigen G, die unbequemer und auch sehr viel schmerzhafter ist als die schlimmste Hämorrhoiden-Story der deutschen Gegenwartsliteratur.

Die Stille, auch das ist typisch für Jirgl, ist alles andere als Schweigen, nämlich ein sprachmächtiger Wortfluss über gut 500 Seiten hinweg, der dem Versuch geschuldet ist, Fotos in Worte zu übersetzen, ein Album in einen Roman, Familiengeschichte in die Geschichte einer Nation. Tatsächlich erzählt Jirgl an einem wirklichen Album entlang, das 100 Fotos enthielt. Einige wenige sind herausgerissen, von der Zeit verschluckt, die meisten aber sind erhalten, Fotos zweier Familien, die aus Ostpreußen und der Niederlausitz stammen, zusammengetragen in 80 Jahren, ein vermutlich ganz gewöhnliches Dokument einer niemals gewöhnlichen Geschichte. Es legt Zeugnis ab von Weltkriegen, von Schoah, Inflation, Flucht, Vertreibung, von jenen Katastrophen, die Menschen nicht nur trennen, sondern ironischerweise auch zusammenführen. Denn die Schicksale beider Familien, der Baeskes aus der Niederlausitz und der Schneidereits aus Ostpreußen, überkreuzen sich das erste Mal auf einem Schlachtfeld. Menschen begegnen sich an Fluchtpunkten, buchstäblich. Aber zwischen den Katastrophen verlieben sie sich, zeugen Kinder, sodass die Geschichte weiter ihren gewaltigen, verletzenden Verlauf nimmt und keine Stimme der Vernunft sie wird anhalten können und niemand laut genug wird schreien können, um den Lauf der Dinge aufzuhalten, das Schicksal auszubremsen, das sich mal mit schnöder Mittelmäßigkeit, mal mit gefräßiger Gemeinheit über das Leben der Menschen hermacht.

Fünf Systemwechsel haben die Protagonisten miterlebt, fünf Staaten in nicht einmal 80 Jahren, von Kaiserreich über Weimarer Republik, Nazideutschland, DDR, BRD bis hin zu diesem neuen, nur widerwillig vereinten Deutschland. Und auf virtuose Weise ist dieser Roman auch eine Art literarischer Systemvergleich, in dem diejenigen, die gegen die Zumutungen von Staat und Gesellschaft Widerstand zu leisten versuchen, in der Sprache und ihren subversiven Strategien den zivilen Ungehorsam proben.

In diesem vergammelten Album, zwischen dessen Seiten »1getrocknet die Zeit« liegt, sind die Fotos nach einem geheimen, aber keinesfalls chronologischen Prinzip geordnet. Das erste Foto zeigt: »Werner, Tochter Henriette auf seinem Schoß; in der Mathildenburger Wohnung, 1942«. Mehr verrät Jirgl nicht. Warum auch. Er muss seinen Lesern die eigentlichen Bilder dieses Albums vorenthalten, sie mit den kurzen Beschreibungen von Namen, Orten oder Umständen abspeisen, die irgendjemand flüchtig mit dem Stift unter die Bilder gesetzt hat oder haben könnte, um die andere Geschichte zu erzählen: diejenige, die sich nicht an Physiognomien oder Moden ablesen lässt, obwohl sich so manche Katastrophe im Gesicht niederschlägt. Denn, so heißt es unmissverständlich: »!das ist ja Derfehler in allen Fotoalben: Sie zeigen niemals Die-!entscheidende Szene; als seien die chemisch erstarrten 4eck-Bilder stets nur angefangene, nicht zuende formulierte Sätze, und die gesamte=die eigentliche Geschichte, die wird man niemals sehen, die muß man !erzählen -.«

Menschen, die um »ihr Leben und ihr Grab beschissen werden«

Nicht Werner Baeske ist es, um den sich dieses Buch dreht. Das geheime Gravitationszentrum ist seine Tochter Henriette, die Liebe ihres Mannes zu ihr, die mit ihrem Tod nicht erstarb. Auf dem ersten Foto ist sie sechs Jahre alt. Der Icherzähler, der diese vielstimmige, völlig unchronologische Erzählung anstimmt, aber den Staffelstab der Worte an viele andere übergeben wird, bis er am Ende selbst die Sprache verliert, ist ihr Ehemann, Georg Heinrich (Ferdinand) Adam, pensionierter Arzt, inzwischen Witwer. Er trauert noch immer um Henriette und macht sich auf, von Berlin nach Frankfurt, seinen Sohn, der als Germanistikprofessor nach Amerika gehen wird, ein letztes Mal zu besuchen. Im Gepäck hat er das Album. Georg Adam weiß, dass seine Tage gezählt sind und dass dieser Besuch ein Abschied sein wird. Aber der Sohn will sich in Wahrheit nicht vom Vater, sondern von dessen Hund verabschieden.

Von dieser Grundkonstellation ausgehend, rollt Jirgl die Geschichte auf: Sie handelt von Liebe und Inzucht; von Vätern, die nicht Väter sein können, weil ihnen selbst die Väter abhanden gekommen sind; sie erzählt von Zwillingen, die in Wahrheit keine sind, von Spielern und Geldsklaven, vom Geruch »scharf gewaschener Knauserigkeit«, von sturem Überlebenswillen, von Krieg und Kommunismus, von sanften Frauen, die sich in harte Kämpferinnen verwandeln, von Selbstmördern, aber auch von Mördern, von Menschen, die »um ihr Leben und um ihr Grab beschissen wurden«.

Jirgl beschreibt, wie die DDR die Menschen in jeder Beziehung enteignet hat, weil sie ihnen nicht nur Häuser und Geschäfte, sondern damit eigentlich das Leben geraubt hat. Und er weiß, wovon er da erzählt. Denn Jirgl, Jahrgang 1953, hat selbst ein Doppelleben geführt und während seiner Zeit als Beleuchter bei der Ostberliner Volksbühne »für die Schublade« geschrieben. Seine Texte wurden bis zum Mauerfall nicht veröffentlicht, nicht in der DDR und auch nicht in der BRD. Sein erster Roman erschien 1990. Und in ihm, Mutter Vater Roman, ist bereits alles angelegt, was er in den folgenden Büchern weiterentwickeln wird und was mit diesem seinen vorläufigen Höhepunkt erlangt hat: eine Erzählweise, die bei genauerer Betrachtung mit dem Krankheitsbild von Georg Adam übereinstimmt.

Nach einem Schädeltrauma hat man bei ihm den totalen Sprachverlust diagnostiziert, der indes mit einer beständigen und äußerst rätselhaften Aktivität des Sprachzentrums einhergeht. »Reden & Gegenreden« branden dabei auf und ab, vermutet wird, dass das unhörbare Rumoren im Kopf der Ausdruck der »exakten Gleichzeitigkeit verschiedenster, feinlamellierter Zeit-Schichten – vergangener und künftiger« ist. Der Patient, so darf man folgern, hat eine Art Zeitsprung gemacht, und die Kunst ist der Ort, wo er ihn ausdrücken wird: Georg Adam beginnt Fotos zu machen, die er so lange belichtet, dass jedes Objekt, das sich vor dem Objektiv bewegt, daraus verschwindet. »Keinmensch. Keintier« in diesen Bildern, aber das Abbild der Zeit, in ihren sich unendlich überlagernden Schichten, jene Vergangenheit, die nie ganz vergeht. Man könnte Walter Benjamin bemühen, um das Verfahren zu beleuchten, jenen Satz, den Jirgl selbst gern zitiert: »Das Gedächtnis ist nicht ein Instrument zur Erkundung der Vergangenheit, sondern deren Schauplatz.«

Jeder hat das Recht auf seine staubige, blutige Existenz

Jirgls Stille , das liegt auf der Hand, ist das literarische Pendant dieser Fotografietechnik: Familienroman und zugleich Geschichtsepos, Genealogie der Gefühle, Palimpsest, wo sich die Lebenslinien wieder und wieder übereinanderschreiben, aber der berechtigte Anspruch auf Glück jedes Mal ausradiert worden ist.

Es sind, zugegeben, verwirrend viele Schicksale, denen man in diesem Buch begegnet, so viele, dass selbst die klügsten Kritiker sich im Labyrinth der Genealogie verirren und den Haupterzähler mit falschem Namen nennen. Auch der Leser wird sich im Sog des Werkes immer wieder fragen müssen, wie die einzelnen Figuren zusammenhängen. In Wahrheit sind sie, das ist die schlüssige, aber atemraubende Botschaft des Romans, »durch die Stricke von Generationen aneinander gefesselt«. Als könne man sich noch so anstrengen und aus der eigenen Kondition befreien wollen, es ist, als ob die Biografie am Ende die »Familien-Macke« zwangsläufig offenbart, jenen »Webfehler im genealogischen Stoff«, der nicht zu verheimlichen ist.

Jirgl will, darauf legt er großen Wert, »hinsichtlich der Lebensläufe meiner Protagonisten das Wort vom Scheitern nicht hören«. Es geht tatsächlich nicht um Scheitern. Es geht darum, ihrer oft grauen, staubigen, mitunter blutverschmierten Existenz zu ihrem Recht zu verhelfen und ihr undankbares Erbe anzutreten: »?Was sind deren Hinterlassenschaften.

Fragen. Sie haben uns wieder Nurfragen hinterlassen.«

 
Leser-Kommentare
  1. ... daß die ZEIT heute schon weiß, daß Jirgls Roman dereinst als "eines der bedeutendsten Bücher unserer Zeit" gelten wird. Haben wir's nicht 'ne Nummer kleiner?

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