Von Alexander Kluge erschienen die Lebensläufe , sein literarisches Debüt. Jakov Linds Erzählungen Eine Seele aus Holz wurden gefeiert. Und Uwe Johnson arbeitete weiter an seinen Eigenheiten und legte Das dritte Buch über Achim vor. An diese Titel kann sich noch erinnern, wer in jenen Jahren zu lesen begann. Aber Otto F. Walter? Man weiß, es gab da mal einen Schweizer Autor, der zugleich Verlagsleiter im ehemals väterlichen Verlag und später bei Luchterhand war. Sein Debüt hieß Der Stumme und erschien im berühmten Romanjahr 1959. Und sonst?

Sonst gab es drei Jahre später den Roman Herr Tourel, eines der formal kühnsten Bücher jener Zeit, im Grad der Verrätselung durchaus vergleichbar mit Uwe Johnson, in seiner Technik aber eher an den Nouveau Roman angelehnt, nicht so sehr an Faulkner. Der Fotograf Kaspar Tourel ist in sein Heimatstädtchen Jammers im Jura zurückgekommen und verschanzt sich in einem leer stehenden Bootshaus. Dort hält er sich die Marder vom Leib, indem er seine Geschichte erzählt. Seine Geschichte korrigiert, muss man präzise sagen, denn dass Herr Tourel ein Lügner ist, wird schon auf den ersten Seiten klar. Auf knapp dreihundert Seiten ist er wortreich und wortgewandt darum bemüht, all die Vorwürfe zurückzuweisen, die gegen ihn im Umlauf sind.

Worin bestehen diese Vorwürfe? Vor einem Jahr war Tourel schon einmal im Ort. Freundschaft pflegte er damals mit dem etwas geistesschwachen jungen Schneckenzüchter Mohn, der auf einem Autofriedhof haust und die zweite Stimme in diesem Roman ist. Tourel schwängerte das Mädchen Beth, das an der Geburt des Kindes stirbt. Tourel erfährt das nach und nach von Mohn, und durch Mohns Stimme spricht auch die tote Beth zu ihm. Bei aller Verrätselung wird die wirkliche Geschichte recht bald evident, und Kaspar Tourel redet vergebens dagegen an. Darin liegt vielleicht die einzige Schwäche und der Grund für den mäßigen Erfolg des Romans. Kaspar Tourel ist eine Figur, für die keinerlei Empathie aufkommen kann, nicht einmal die für einen Schelm. Seine Version der Dinge steht von vornherein auf verlorenem Posten. Er ist kein Oskar Matzerath, und ein Jakob Abs schon gar nicht.

Sonst aber lebt dieser Roman von einer Intensität der Beschreibung und einer bezähmten Kraft der Sprache, die im Gegensatz zu manch anderem Roman aus jenen Jahren bis heute keinerlei Patina angesetzt hat. Also: Ein Buch von heute, und dankenswerterweise kann man es jetzt wieder lesen.