Musik im NetzMein musikalischer Zwillingsbruder

Kann man Menschen nach ihrem Musikgeschmack beurteilen? Die Website Last.fm sortiert Millionen von Hörern nach ihren Lieblingsstücken. Unser Autor fand dort seinen musikalischen Zwillingsbruder von 

Eines Abends im vergangenen Winter traf ich in einem Plattenladen in Amsterdam einen Menschen, mit dem mich sehr viel verband, obwohl er mir völlig unbekannt war. "Hello Jürgen?", fragte er. "Hello Christian!", sagte ich, und wir reichten uns die Hand. Ich hatte mir sein Äußeres weder so noch anders vorgestellt, aber als ich ihn sah, war ich erleichtert, dass er keine Ähnlichkeit mit mir hatte: dunkle Haare, dunkle Brille und eine Kerbe im Kinn, die mich an John Travolta denken ließ. Außer dem Vornamen wusste ich noch, dass er 27 Jahre alt ist, einen holländisch klingenden Nachnamen trägt und irgendetwas mit Medientechnik studiert. Und dass er mein lange gesuchter Doppelgänger sein musste, mein Bruder im Geiste.

Denn wir hatten in den letzten beiden Jahren dieselbe Musik gehört, im Internet konnte ich es nachlesen: Tag für Tag, Stunde für Stunde, Stück für Stück. Auf einer Website namens Last.fm hatte ich Christian unter 25 Millionen weltweit verstreuten Kandidaten als den einen Menschen ermittelt, dessen Musikgeschmack meinem eigenen am ähnlichsten ist, bis in die letzten Verwinkelungen hinein. Seit Anfang 2007 hatte ich dort nach meinem Alter Ego gefahndet, die Algorithmen dieser Internetseite machten es möglich.

Anzeige

Gesucht hatte ich allerdings auch schon vorher, weniger systematisch, fast mein Leben lang: seit ich mir mit zehn Jahren meine erste Beatles-Platte gekauft hatte (bei Hertie für zehn D-Mark). Ganze Nachmittage lang hörten meine Grundschulkumpel und ich sie immer wieder an, grenzenlos begeistert. Umso erstaunter waren wir, dass es außerhalb unseres Zirkels Leute gab, die diese Begeisterung kein bisschen teilten. Wie konnte das sein? Warum mag der eine dies und die andere das? In der Teenagerzeit wurden diese Fragen drängender, die Musik stiftete und spaltete Freundschaften, später inspirierte sie Liebesgefühle oder weckte leise Zweifel an der Angebeteten (Lionel Richie?). Es war immer wieder dasselbe Thema, in etlichen Variationen: Kann, darf, soll man Menschen nach ihrer Lieblingsmusik beurteilen?

Eine brauchbare Antwort fand ich nie. Inzwischen weiß ich immerhin, dass auch Soziologen, Psychologen, Musikologen noch an der Beantwortung dieser Frage arbeiten, in den letzten Jahren, aus guten Gründen, intensiver denn je: Noch nie gab es so viele Musikrichtungen, noch nie war Musik aller Art so leicht zugänglich.

Mit der Suche nach meinem Doppelgänger wollte ich einer Antwort auf meine Kindheitsfrage näherkommen. Um ihn zu finden, unternahm ich eine Expedition in die Zukunft der Musik.

Last.fm war für meine Suche wie geschaffen, dort dreht sich alles um den Geschmack einzelner Hörer. Es ist eine Art Internetradio, ein treffenderes Bild aber wäre: eine Klangbibliothek, in der die gesamte Musik der Menschheit Platz findet und in der Millionen Leute stöbern, Stücke anhören, Empfehlungen austauschen – und sich dabei gelegentlich kennenlernen.

Zu etwas Neuem, auch Unheimlichem, wird Last.fm durch ein Verfahren namens Scrobbling: Jeder Musiktitel, den die (kostenlos) registrierten Benutzer auf ihren Computern und MP3-Playern hören, wird auf dem Zentralrechner in London gespeichert. Jeder Benutzer bekommt von Last.fm eine eigene Seite, auf der alles Gehörte dargestellt wird, sortiert nach den am häufigsten gespielten Stücken. Erkennt Last.fm Parallelen zwischen zwei Hörern, stellt es sie einander als sogenannte Nachbarn vor, wenn sie Gefallen aneinander finden, können sie sich zu "Freunden" erklären. Dieses simple Prinzip – ermöglicht durch reichlich komplizierte Technik – verändert derzeit nicht nur die Musikwelt, sondern auch viele Menschen. Ich habe es erlebt.

Zur systematischen Erforschung – oder Ausspähung – der Vorlieben von Millionen Menschen sind Musikdateien perfekt geeignet. Es trifft sich, dass Musik nach landläufiger Meinung besser als alle anderen Kunstformen imstande ist, das tiefste Innere des Menschen zu berühren und zu offenbaren. Sie rührt an verborgene Gefühle, existenzielle Erfahrungen, wenn man so will: die Seele. Nichts ist persönlicher als der Musikgeschmack.

Umso erstaunlicher eigentlich, dass so viele ihren Musikgeschmack, Stück für Stück, bei Last.fm freiwillig zum öffentlichen Gut machen. Wie die meisten Benutzer verstecke ich mich bei Last.fm zwar hinter einem Pseudonym, trotzdem lasse ich dort die ganze Menschheit in meine Seele gucken.

Leserkommentare
  1. Ein Bekannter von mir hört ausschließlich Wagner, nichts anderes!
    Das hat mich schon ziemlich erschreckt.
    Nach dem Lesen des Beitrags habe ich jetzt wenigstens kein schlechtes
    Gewissen mehr, dass ich ihn beim Verfassungsschutz angeschwärzt habe.
    Danke!
    ;-)

    PS.
    Im Ernst,
    ein sehr lebendig und erfrischend geschriebener Artikel.

    http://www.hartz-aber-lus...

  2. darf ich sicher gespannt sein.

    Problem dabei (ganz abgesehen davon, dass ich die Beurteilung eines Menschen "nur" nach seinem Lieblingssong für eine völlig unsinnige Reduktion seiner Persönlichkeit auf einen winzigen Teilbereich halte): ICH HABE ZIEMLICH VIELE (NICHT NUR EINEN!) LIEBLINGSSONG! Hier eine kleine Auswahl:

    "I Heard It Through The Grapevine" MARVIN GAYE (MOTOWN)
    "Mercy Mercy Me (The Ecology)" MARVIN GAYE (MOTOWN)
    "Reach Out I'll Be There" FOUR TOPS (MOTOWN)
    "To Love Somebody" NINA SIMONE
    "Move On Up" CURTIS MAYFIELD
    "Riders On The Storm" DOORS
    "Shaft" (Soundtrack, Single-Version) ISAAC HAYES
    "Melting Pot" BOOKER T. & THE MGs
    "Reflections" DIANA ROSS & THE SUPREMES
    "Feel The Need In Me" DETROIT EMERALDS
    "Psychedelic Shack" TEMPTATIONS (MOTOWN)
    "Ball Of Confusion" TEMPTATIONS (MOTOWN)
    "Papa Was A Rollin' Stone" TEMPTATIONS (MOTOWN)
    "Baby Love" SUPREMES (MOTOWN)
    "Nowhere To Run" MARTHA REEVES & THE VANDELLAS (MOTOWN)
    "Just Look What You've Done (To Me)" BRENDA HOLLOWAY (MOTOWN)
    "Helpless" KIM WESTON (MOTOWN)
    "My Sweet Lord" (Extended Version) NINA SIMONE
    "I Was Made To Love Her" STEVIE WONDER (MOTOWN)
    "I Say A Little Prayer" ARETHA FRANKLIN
    "Think" ARETHA FRANKLIN
    "Respect" ARETHA FRANKLIN
    "Back In My Arms Again" SUPREMES (MOTOWN)
    "Love Is Like An Itching In My Heart" SUPREMES (MOTOWN)
    "Night And Day" ELLA FITZGERALD *
    "Beyond The Sea" BOBBY DARIN
    "I Hear Music" BILLIE HOLIDAY
    "All Through The Night" ELLA FITZGERALD *
    (*ich liebe fast alle Songs des schwulen Komponisten Cole Porter!)

    und daraus ließe sich jetzt mein Persönlichkeitsbild erstellen?
    - Geschlecht: männlich
    - Sexuelle Identität: schwul
    - Wesen: aufsässig, unangepaßt, aggressiv, provozierend, kämpferisch ...
    - Leidenschaften: "schwarze" Musik, Sex, Politik ...
    - Ziele: "Befreiung" der schwulen Minderheit aus Diskriminierung und Ausgrenzung, weitreichende politische Veränderungen ...
    - Vorlieben: Black Music, südeuropäische Männer, Jazz- und Soul-Diven, Sex-Clubs, Filme von Polanski, Kubrick, Scorsese, Cassavetes, Visconti, Chabrol ...

    Na dann ...

    Knüppel (so leicht läßt der sich nicht in eine "Schublade" stecken ...)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Doch, doch Knüppel, das ist eindeutig!

    Sind Deine anderen Ich`s auch alle schwul????

    :-))))))

    http://www.hartz-aber-lus...

    Netter Typ. bißchen einseitig!

  3. Wer einen ausgewogenen Musikgeschmack hat, viele Stilrichtungen akzeptiert, ist auch sonst ein toleranter Mensch.
    Ich höre Rock, Pop, Cillout, Dance, Schlager, R&B und Klassik, da besonders Klavier und Violine. Gesanglich verinnerliche ich am liebsten die Tenöre dieser Welt, die derzeitigen aber auch die längst verstorbenen.
    Ich höre, wie es meine Gemütslage hergiebt.
    Ohne Musik geht bei mir gar nichts.

    Herzlichst
    Auf ein Wort

  4. Welche Musik man mag, hängt von Prägungen, vom sozialen Umfeld ab. Oder welcher Erwachsene wird noch die Lieder seiner Kindergartenära schätzen?
    Diese Prägung geht freilich konform mit der Fortentwicklung des Charakters, der Persönlichkeit, die neben genetisch-hormonellen Einflüssen auch durch die prägende Umwelt in verschiedenen Phasen geschiet - zudem billigen die meisten Denkschulen dem Menschen obendrein noch ein Moment von Freiheit zu.

    Wer U2's "Sunday, bloody Sunday" schätzt, wird sich wohl mit dem Nordirland-Konflikt befasst haben, ergo ein eher nachdenklicher Mensch sein, wer Bruce Springsteen's "My hometown" oder U2's "Where the streets have no name" oder gar "Drugs don't work" oder "Bitter-sweet Symphony" von The Verve schätzt, ist sicher eher sozialkritisch eingestellt, als der Fan von "Dancing Queen" (Abba).

    Andererseits ist es immer auch die Frage, welche Musik man kennt.
    Wer in den 1980ern oder 1990ern aufwuchs, kennt zweifellos Phil Collins und Ace of Base, aber nicht unbedingt die Manic Street Preachers ("In 1985", "The love of Richard Nixon", "Empty Souls"), vielleicht noch nichteinmal Billy Joel ("We didn't start the fire", "Leningrad", "Good night, Saigon", "The Downeaster Alexa"). R.E.M. 's "Losing my religion" ist für ein Kind eines 1990er Abiturjahrgangs natürlich immer möglich, auch wenn damals gerade Techno ("Das Boot", "Somewhere over the Rainbow",...) modern war.
    Wer hingegen aus der Beatles-Ära (auch als jemand, der erst nach ihrer Auflösung geboren wurde, finde ich diese Band einfach großartig) stammt wird von vorne herein keinen Zugang zu Techno (Stilrichtung, keine Band! ;-)) gehabt haben.

    Das heißt aber nicht, dass es eine Eins-zu-Eins-Entsprechung geben kann, denn Menschen sind vielfältig, mancher mag einerseits Sting ("Russians", "Fields of Gold") und Billy Joel, andererseits auch a-ha ("The sun shines always on TV", "Summer moves on", "Take on me") und Depeche Mode ("Master and servent", "Enjoy the silence") sowie "Big in Japan" von Alphaville - okay, das ist dann ein 80er-Jahre-Nostalgiker.
    Spätestens aber, wenn dieser 80er-Jahre-Nostalgiker die Italienischen Konzerte von J. S. Bach und andalusischen Flamenco noch zu seinen Favoriten zählt, wird die Zuordnung schwierig.

    Klassische Musik wird immerhin meistens von Menschen geschätzt, die in ihrer Kindheit damit schon Kontakt hatten, wenn es auch Ausnahmen gibt. Dies wiederum lässt auf das Elternhaus schließen, also eine Prägung und eine soziale Schicht (die im Laufe des Lebens durchaus verlassen werden kann).

    Um es kurz zu machen, der Musikgeschmack unterliegt den gleichen Einflüssen wie die Entwicklung anderer Persönlichkeitsmerkmale, sogar ein wechselseitiger Einfluss ist gegeben. Daher ist ein Rückschluss auf prägende Einflüsse und Lebenseinstellung in begrenztem Maße schon möglich.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    mhh, ich mag sowohl Klassik als auch Death Metall..ich will gar nicht wissen, was das über meinen Charakter aussagt:-)

  5. zwar ist der artikel interessant geschrieben, aber dennoch halte ich diese form der schubladenbildung für falsch, wenn nicht sogar für gefährlich. einen menschen kann man nur in seiner gesamtheit beurteilen, sofern man es überhaupt wagen darf, ihn zu beurteilen. da ist der musikgeschmack lediglich eine facette, die ähnlich aussagekräftig ist, wie zb der kleidungsstil oder die wahl der frisur.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    schneewante67 schrieb: halte ich diese form der schubladenbildung für falsch, wenn nicht sogar für gefährlich. einen menschen kann man nur in seiner gesamtheit beurteilen, sofern man es überhaupt wagen darf, ihn zu beurteilen. da ist der musikgeschmack lediglich eine facette, die ähnlich aussagekräftig ist, wie zb der kleidungsstil oder die wahl der frisur

    Ich wage die These, dass der Musikgeschmack mehr über das Innenleben eines Menschen verrät als die Frisur. Ich kenne einige Leute mit faszinierendem Musikgeschmack, die äußerlich eher unscheinbar sind. Mit denen würde ich bestimmt nicht über Frisurfragen ins Gespräch kommen.
    Ich z.B. trage mittelkurze blonde haare, keine dreadlocks, höre aber viel Reggae. Reggae habe ich mir selbst ausgesucht, meine blonden haare nicht (die Frisur nur bedingt...).

  6. Die Frage stellt sich schon vom Kleinkindsalter an. Wie wächst ein Mensch auf und was macht er später musikalisch daraus. Ich bin mit der Königin der Nacht aufgewachsen (Mozart, Zauberflöte, Arie, Sopran). Wenn man mit Eltern aufwächst, die musizieren und singen, dann wird man auch fürs Leben geprägt. Natürlich unterscheidet man zwischen Kastelruther Spatzen Kinder oder Placido Domingo Kids . Meine Kindheit wurde durch die klassische Musik geprägt, vielleicht lag es auch daran, dass ich zu oft in der Künstlerkantine des Theaters war. Es gibt viele Erwachsene, die sich heute für Klavierkonzerte begeistern können und früher den Klavierübenden Nachbarsjungen gehänselt haben. Ein Musikgeschmack kann sich durchaus im Laufe der Jahre verändern. Es gibt Menschen, die werden durch Rapmusik aggressiv, andere wiederum- wenn sie Haydns Schöpfung hören. Ich kenne sehr viele Musikstücke und deshalb beschränke ich mich auf einige Wenige, die ich am liebsten singe:
    Würde mich jemand heute fragen, was ich aus den verschieden Richtungen wählen würde, dann würde ich diese spontan angeben.
    Visi d’arte (Puccini, Opera, Tosca, Soprano)
    Ja, die Liebe hat bunte Flügel (Bizet, Oper, Carmen, Habanera der Carmen
    Lass mich mit Tränen (Händel, Rinaldo, Kirchenmusik)
    Ave Maria (Gabunia, Kirchenmusik)
    Memory (Webber, Musical, Cats)
    Ich gehöre nur mir (Kunze u. Levay, Musical Elisabeth, Sissi)
    My heart will go on aus dem Film Titanic, die Schnulze schlechthin…
    Zieh die Schuh aus… von Roger Cicero, trällere ich gerne beim Kochen!
    Und wenn ein Lied…. von Mannheims Söhnen, singe ich beim Bügeln….
    A love until the end of time im (Holdridge, Duet: Sopran, Tenor)
    Undundundundundundundund …….schwer sich zu entscheiden….

    Ich mag auch Rockmusik, Pop, Soul und Jazz

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    mit vielem was sie geschrieben haben, liegen sie richtig.
    Allerdings ist nicht immer die Prägung durch die Kindheit maßgebend.
    Ich zum beispiel bin ein Mensch der sehr stark über die Musik assozioniert.
    So gibt es Musik bei der ich sofort abstelle, weil ich an eine schlechte Zeit erinnert werde.
    Zur Klassik bin ich alleine gekommen und intensiver erst in den letzten Jahren.
    Alles was sie oben angeführt haben an Klassik, hat mich sofort stark an Fritz Wunderlich erinnert. Die Zauberflöte und seinen Tamino, Händel und Xerxes.
    Von keinem Tenor habe ich derartiges so gehört. Dazu seine Matthäus-Passion und die Messa da Requiem von Verdi, oder Haydns " Die Schöpfung".
    Puccini, Donizetti, Bellini und Verdi. Die Großen , wie Pavarotti, Alfredo Kraus, di Stefano, Tagliavini, Bergonzi usw.usw.
    Und ich komme aus einfachem Elternhaus und hatte keinen Bezug zu dieser herrlichen Musik.
    Die klassische Musik ist nun mal der Ursprung und aus dieser Musik wird heute für den Rock und den Pop abgekupfert, was das Zeug hält.
    Musik läßt die Seele klingen.

    Herzlichst
    Auf ein Wort

    Corina Wagner schrieb: Es gibt Menschen, die werden durch Rapmusik aggressiv, andere wiederum- wenn sie Haydns Schöpfung hören.

    Stimmt! Und beides gilt vermutlich sowohl für Fans als auch „Gegner“ der jeweiligen Musik! (Es gab auch mal eine schöne Studie zu diesem Thema: Heavy Metal-Fans wurden mit Country beschallt, Country-Fans mit Heavy Metal. Dann wurden ihre jeweiligen „Erregungskurven“ gemessen. (Wenn ich mich richtig erinnere, waren die Country-Fans am Ende aggressiver)

  7. Zuerst muss ich einmal sagen, dass dies hier der soziologisch interessanteste Artikel war, den ich bisher über Last.fm lesen durfte. An dieser Stelle herzlichen Dank an Herrn von Rutenberg.

    Ich habe soeben meine Bachelorarbeit über die Geschmacksprägung Jugendlicher und die damit verbundenen Sozialisierungsversuche geschrieben und interessiere mich daher sehr für dieses Thema.

    Ich muss auf die Kritik von Schneewante zur Schubladenbildung sagen, dass es in der Realität natürlich nicht sein sollte, Menschen aufgrund einer Eigenschaft über einen Kamm zu scheren. Dennoch ist es unumgänglich in der Soziologie Gruppen zu bilden, die Gemeinsamkeiten teilen. Andernfalls wäre Soziologie nicht möglich, sondern nur noch so etwas wie "Individuologie", die sehr unübersichtlich sein wird ;-).
    Zudem ist auch der Musikgeschmack auf die Stilfragen nach Georg Simmel und Max Weber zurückzuführen. So kann man vermuten, dass an dem präferierten Musikstil auch noch andere zum Lebensstil gehörige Eigenschaften hängen. Der Lebensstil eines Individuums ist somit sozusagen die Basis auf der sich die Geschmäcker eines Individuums (Küche, Kunst, Musik, Wohnung) aufbauen. Und es ist feststellbar, dass Menschen mit einem ähnlichen Musikgeschmack oft auch einen ähnlichen Kunstgeschmack haben. (siehe die Kategorien der College-Studenten)

    Ich freue mich schon auf die Diskussion am Freitag!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "So kann man vermuten, dass an dem präferierten Musikstil auch noch andere zum Lebensstil gehörige Eigenschaften hängen."

    Das ist vermutlich sogar teilweise richtig, heißt das nun aber folgerichtig, daß man in jedem Falle auch den umgekehrten Weg nehmen könnte, also tatsächlich vom Hörverhalten Rückschlüsse auf die individuellen Lebensmuster ziehen können soll? Anders gesagt, ist es möglich, anhand der im Regal stehenden Platten oder CDs Antworten auf die Frage liefern zu können "Sage mir, was Du hörst, und ich sage Dir, wer (und vor allem: wie) du bist"?

    Ich höre zum Beispiel Klassik, Opern, alle (und zwar wirklich alle) Arten von Jazz und Minimal. Hieraus ein konsistentes Bild über mich folgern zu können ist allerdings schwierig - schon deshalb, weil Klassikhörer Minimalisten gewöhnlich vorwerfen, atonale Volldeppen zu sein, worauf diese dann gerne antworten "dafür brauchen wir keine zehn Meter Sekundärliteratur in der Hypophyse beim Hören"...

    Wer also bin ich?

    Ihre Bachelorarbeit über die "Geschmacksprägung Jugendlicher und die damit verbundenen Sozialisierungsversuche“ klingt aber sehr interessant!
    Ich hab mich beim Recherchieren oft gefragt, wie heute 15-jährige „ihren“ Musikgeschmack entwickeln – wenn ständig jede erdenkliche Musik verfügbar ist, und wenn man, auch dank Last.fm & Co, kaum noch das Gefühl entwickeln kann, einen „einzigartigen“ Geschmack zu haben. Läuft die Geschmacksentwicklung im Prinzip noch so wie früher auf dem Schulhof? Oder ganz anders?
    P.S.: Danke fürs Lob!

  8. "So kann man vermuten, dass an dem präferierten Musikstil auch noch andere zum Lebensstil gehörige Eigenschaften hängen."

    Das ist vermutlich sogar teilweise richtig, heißt das nun aber folgerichtig, daß man in jedem Falle auch den umgekehrten Weg nehmen könnte, also tatsächlich vom Hörverhalten Rückschlüsse auf die individuellen Lebensmuster ziehen können soll? Anders gesagt, ist es möglich, anhand der im Regal stehenden Platten oder CDs Antworten auf die Frage liefern zu können "Sage mir, was Du hörst, und ich sage Dir, wer (und vor allem: wie) du bist"?

    Ich höre zum Beispiel Klassik, Opern, alle (und zwar wirklich alle) Arten von Jazz und Minimal. Hieraus ein konsistentes Bild über mich folgern zu können ist allerdings schwierig - schon deshalb, weil Klassikhörer Minimalisten gewöhnlich vorwerfen, atonale Volldeppen zu sein, worauf diese dann gerne antworten "dafür brauchen wir keine zehn Meter Sekundärliteratur in der Hypophyse beim Hören"...

    Wer also bin ich?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Lieber Viscount,

    dann sind Sie eventuell ein so genannter "Omnivore" - ein musikalischer Allesfresser. Es gibt dazu in Amerika zwei Forschungen, die sehr interessant sind. Zum einen Peterson, der den Begriff der Omnivores geprägt hat und besagt, dass es in der heutigen Gesellschaft zwei Arten von Musikkonsumenten gibt. Die einen konzentrieren sich auf eine bestimmte Musikszene, die anderen decken mit ihrem Interessen eine breite Palette an Musikrichtungen ab. Dies bringt er in Verbindung mit dem Bildungsniveau der Musikkonsumenten. In einem höheren Bildungsniveau sind Menschen öffener für unterschiedliche Einflüsse, in einem niedrigeren Bildungsniveau suche Menschen unter anderem auch in der Musik bzw. einer Musikszene nach sozialer Stabilität und Absicherung.
    An diese Theorie schließt sich zudem eine Wissenschaftlerin namens Bryson an, die behauptet das das ehemalige kulturelle Kapital in der gehobenen Bildungsschicht heute durch das "multikulturelle Kapital" ersetzt wird. So wird in höheren Bildungsschichten heute mit einem breiten Musikgeschmack und dem Interesse in unterschiedlichen künstlerischen Bereichen Prestige gesucht.
    Dennoch kann man meiner Meinung nach auch diesen "breiten" Musikgeschmack in eine Schublade stecken. Denn hier geht es den Musikkonsumenten um möglichst nicht-triviale und qualitativ-hochwertige Musik. Es wird also wieder nach bestimmten Merkmalen selektiert.
    Die "Selektion" führt zum Musikgeschmack und Menschen mit ähnlichen "Selektionsmechanismen" können in der Soziologie zusammengefasst werden.
    Diese Selektionsmechanismen führen jedoch über die Musik hinaus, womit wir wieder bei der Lebensstilfrage nach Weber und Simmel angekommen wären.
    Das alles auf einen Lebensstil zurückzuführen ist, hat auch damals schon Bourdieu festgestellt, als er untersucht hat, was Konzertgänger in unterschiedlichen Musikrichtungen trinken. Heute gibt es auch wieder eine Studie darüber, wie Jazzer wohnen bzw. wie sie Hochkulturliebhaber einrichten.

    Viscount schrieb: „Anders gesagt, ist es möglich, anhand der im Regal stehenden Platten oder CDs Antworten auf die Frage liefern zu können "Sage mir, was Du hörst, und ich sage Dir, wer (und vor allem: wie) du bist"?

    Das ist die große Frage! Ich neige inzwischen zu einem vorsichtigen Ja. Vorsichtig aber nur deswegen, weil es Leute gibt, die sich nicht so sehr für Musik interessieren, oder keine Zeit oder kein Geld für sie haben. Bei denen würde ich mich eher an anderen Dingen orientieren. Was sie gern lesen, zum Beispiel.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service