Musik im Netz Mein musikalischer Zwillingsbruder

Kann man Menschen nach ihrem Musikgeschmack beurteilen? Die Website Last.fm sortiert Millionen von Hörern nach ihren Lieblingsstücken. Unser Autor fand dort seinen musikalischen Zwillingsbruder

Eines Abends im vergangenen Winter traf ich in einem Plattenladen in Amsterdam einen Menschen, mit dem mich sehr viel verband, obwohl er mir völlig unbekannt war. "Hello Jürgen?", fragte er. "Hello Christian!", sagte ich, und wir reichten uns die Hand. Ich hatte mir sein Äußeres weder so noch anders vorgestellt, aber als ich ihn sah, war ich erleichtert, dass er keine Ähnlichkeit mit mir hatte: dunkle Haare, dunkle Brille und eine Kerbe im Kinn, die mich an John Travolta denken ließ. Außer dem Vornamen wusste ich noch, dass er 27 Jahre alt ist, einen holländisch klingenden Nachnamen trägt und irgendetwas mit Medientechnik studiert. Und dass er mein lange gesuchter Doppelgänger sein musste, mein Bruder im Geiste.

Denn wir hatten in den letzten beiden Jahren dieselbe Musik gehört, im Internet konnte ich es nachlesen: Tag für Tag, Stunde für Stunde, Stück für Stück. Auf einer Website namens Last.fm hatte ich Christian unter 25 Millionen weltweit verstreuten Kandidaten als den einen Menschen ermittelt, dessen Musikgeschmack meinem eigenen am ähnlichsten ist, bis in die letzten Verwinkelungen hinein. Seit Anfang 2007 hatte ich dort nach meinem Alter Ego gefahndet, die Algorithmen dieser Internetseite machten es möglich.

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Gesucht hatte ich allerdings auch schon vorher, weniger systematisch, fast mein Leben lang: seit ich mir mit zehn Jahren meine erste Beatles-Platte gekauft hatte (bei Hertie für zehn D-Mark). Ganze Nachmittage lang hörten meine Grundschulkumpel und ich sie immer wieder an, grenzenlos begeistert. Umso erstaunter waren wir, dass es außerhalb unseres Zirkels Leute gab, die diese Begeisterung kein bisschen teilten. Wie konnte das sein? Warum mag der eine dies und die andere das? In der Teenagerzeit wurden diese Fragen drängender, die Musik stiftete und spaltete Freundschaften, später inspirierte sie Liebesgefühle oder weckte leise Zweifel an der Angebeteten (Lionel Richie?). Es war immer wieder dasselbe Thema, in etlichen Variationen: Kann, darf, soll man Menschen nach ihrer Lieblingsmusik beurteilen?

Eine brauchbare Antwort fand ich nie. Inzwischen weiß ich immerhin, dass auch Soziologen, Psychologen, Musikologen noch an der Beantwortung dieser Frage arbeiten, in den letzten Jahren, aus guten Gründen, intensiver denn je: Noch nie gab es so viele Musikrichtungen, noch nie war Musik aller Art so leicht zugänglich.

Mit der Suche nach meinem Doppelgänger wollte ich einer Antwort auf meine Kindheitsfrage näherkommen. Um ihn zu finden, unternahm ich eine Expedition in die Zukunft der Musik.

Last.fm war für meine Suche wie geschaffen, dort dreht sich alles um den Geschmack einzelner Hörer. Es ist eine Art Internetradio, ein treffenderes Bild aber wäre: eine Klangbibliothek, in der die gesamte Musik der Menschheit Platz findet und in der Millionen Leute stöbern, Stücke anhören, Empfehlungen austauschen – und sich dabei gelegentlich kennenlernen.

Zu etwas Neuem, auch Unheimlichem, wird Last.fm durch ein Verfahren namens Scrobbling: Jeder Musiktitel, den die (kostenlos) registrierten Benutzer auf ihren Computern und MP3-Playern hören, wird auf dem Zentralrechner in London gespeichert. Jeder Benutzer bekommt von Last.fm eine eigene Seite, auf der alles Gehörte dargestellt wird, sortiert nach den am häufigsten gespielten Stücken. Erkennt Last.fm Parallelen zwischen zwei Hörern, stellt es sie einander als sogenannte Nachbarn vor, wenn sie Gefallen aneinander finden, können sie sich zu "Freunden" erklären. Dieses simple Prinzip – ermöglicht durch reichlich komplizierte Technik – verändert derzeit nicht nur die Musikwelt, sondern auch viele Menschen. Ich habe es erlebt.

Zur systematischen Erforschung – oder Ausspähung – der Vorlieben von Millionen Menschen sind Musikdateien perfekt geeignet. Es trifft sich, dass Musik nach landläufiger Meinung besser als alle anderen Kunstformen imstande ist, das tiefste Innere des Menschen zu berühren und zu offenbaren. Sie rührt an verborgene Gefühle, existenzielle Erfahrungen, wenn man so will: die Seele. Nichts ist persönlicher als der Musikgeschmack.

Umso erstaunlicher eigentlich, dass so viele ihren Musikgeschmack, Stück für Stück, bei Last.fm freiwillig zum öffentlichen Gut machen. Wie die meisten Benutzer verstecke ich mich bei Last.fm zwar hinter einem Pseudonym, trotzdem lasse ich dort die ganze Menschheit in meine Seele gucken.

Für diese Offenheit haben Millionen von Hörern ein paar mehr oder weniger plausible Gründe. Neben der (womöglich naiven) Annahme, dass Musik letztlich doch immer ein Geheimnis bleibt, wird auch gern das Gegenteil angeführt: Die musikalischen Vorlieben sind so eng mit der eigenen Person verbunden, dass viele sich gern auch öffentlich durch diese Vorlieben definieren, in gewisser Weise: zu erkennen geben.

Im Internet, wo sich ständig Fremde begegnen, funktioniert das besonders gut, weswegen auch kaum eine Online-Partnervermittlung auf die Frage nach der Lieblingsmusik verzichtet. (Für eine amerikanische Studie wurden 60 College-Studenten im Jahr 2005 gebeten, eine ihnen zugeteilte Person im Verlauf von sechs Wochen so gut wie möglich kennenzulernen, nur mittels schriftlicher Internet-Chats. Das mit großem Abstand häufigste Thema: Musik.)

Dank der Daten, die Last.fm sammelt, werden Musikgeschmack und persönliche Beziehungen immer enger miteinander verwoben. Wer den Namen einer Musikerin eingibt, bekommt ein paar Stücke von ihr vorgespielt und allerlei Artverwandtes, genauer gesagt: Musik, die andere Hörer dieser Musikerin oft hören. Zu jedem Stück tauchen detaillierte Informationen auf dem Bildschirm auf, dazu eine Liste der Leute, die es auch gehört haben. Deren Seiten lassen sich anklicken, schon ist ihre Lieblingsmusik zu hören. Wer sich nur ein bisschen für Musik – und Menschen – interessiert, kann diesem Netz schwer entkommen.

Und doch verspürte ich nach der Begeisterung der ersten Last.fm-Wochen einen gewissen Sättigungseffekt, mit dem ich nicht gerechnet hatte: Auf jeder Party wäre ich höchst angetan gewesen, Leute zu treffen, die, wie ich, die Songschreiber Bonnie Prince Billy, Cat Power und Sufjan Stevens mögen. Bei Last.fm sah ich mich nach ein paar Tagen von deren Fans umringt, es schien auf der ganzen Welt überhaupt niemanden mehr zu geben, der die drei nicht allesamt in seiner Top 5 hatte (mit anderen Favoriten wäre ich nur in einem anderen Paralleluniversum gelandet). Ständig wurde mir Musik empfohlen, die genauso klang wie die Musik, die ich bereits hörte. Das hätte jahrelang so weitergehen können, bis dann eines Tages mein Musikinteresse vermutlich abgeebbt wäre. Wo blieben die Entdeckungen, die Überraschungen?

Überhaupt: Mein Alter Ego, das ich mit meiner Musik finden wollte, würde doch nicht immer dieselben Favoriten rauf und runter hören. Er oder sie wäre natürlich ständig auf der Suche nach dem Neuen. Also verbannte ich alle von mir allzu häufig gespielten Musiker aus der täglichen Playlist. (Und fragte mich kurz, ob ich bei diesem Experiment wohl zuerst mein Alter Ego finden oder mich selbst verlieren würde.)

Je mehr Musik ich scrobbeln ließ, desto besser lernte mich das System kennen und ich das System. Ich entdeckte ein paar Tricks, mit denen ich tatsächlich neue, andere Musik finden konnte. Sie erforderten allerdings meine aktive Mitarbeit: Ich musste (möglichst spezielle) Suchbegriffe eingeben, Seiten anklicken, Listen durchforsten, viel mittelmäßiges Zeugs anspielen, beurteilen, manchmal für später notieren – kurzum: recherchieren. Früher war mir diese Arbeit von den Musikjournalisten meines Vertrauens abgenommen worden, die mir dann in meiner Freizeit die Früchte ihrer Vollzeitjobs präsentierten. Meine jahrzehntelang mit Abstand wichtigste Musikquelle, der geniale BBC-DJ John Peel, war 2004 gestorben, danach fühlte ich mich musikalisch verwaist. In diese existenzielle Lücke stieß, nach einer angemessenen Phase der Stille, Last.fm.

Getrieben vom Hunger nach neuen Klängen, wurde ich zu einer von Millionen fleißigen Ameisen, die ihren mikroskopischen Beitrag zu einem gigantischen Bauwerk leisteten. Diese Art der vernetzten, kollektiven Arbeit kann man Selbstausbeutung nennen oder auch Web 2.0. Ich fütterte also das System mit den Titeln, die ich tagsüber auf meinem iPod hörte oder abends auf dem heimischen Computer laufen ließ. Ich studierte die Vorlieben wildfremder Menschen, sah mir ihre Freunde und Freundesfreunde an. Bald darauf wurden mir jede Woche 50 neue "Nachbarn" vorgestellt, ich schloss "Freundschaften" in Japan, Amerika, in der Türkei.

Eines Tages tauchte unter den Nachbarn Christian auf. Beim ersten Blick auf seine Playlist spürte ich einen Stromstoß: Es vermischte sich dort Debussy mit Gitarrenlärm, archaischer Blues mit neuesten Elektronikexperimenten. Wir hörten auffällig viele Werke des Minimalisten Morton Feldman, teilten aber auch ein Faible für traditionelle Kora-Musik aus Mali. Am häufigsten hatten wir beide in den vorangegangenen Monaten dem exzentrischen Gitarristen John Fahey zugehört. Noch verblüffender als die Überschneidungen unserer häufig gehörten Favoriten waren Tausende Überschneidungen in Einzelfällen, quer durch alle Stilrichtungen, die wir unabhängig voneinander entdeckt hatten. Und während andere Nachbarn kamen und gingen, blieb Christian über Monate hinweg in der musikalischen Nähe, selbst wenn ich phasenweise mal wieder hauptsächlich Dub-Reggae oder Streichquartette hörte.

Um mein mutmaßliches Alter Ego zu treffen, musste ich zunächst eine entscheidende Hürde überspringen: Per E-Mail durchbrach ich unsere Anonymität. Nach ein paar weiteren Mails verabredeten wir uns zu einem Treffen in Amsterdam, wo Christian studierte.

Für die Begegnung mit meinem Doppelgänger wappnete ich mich mit dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Über Geschmack wird ja seit Jahrhunderten gestritten (sowie über die Frage, ob man über ihn überhaupt streiten kann). In der Konsumgesellschaft, also noch nicht so lange, stellt sich die Geschmacksfrage häufiger denn je. Woher kommt eigentlich der Musikgeschmack?

Zwei Theorien stehen sich gegenüber: An einem Ende des Spektrums steht Theodor W. Adorno, der in seiner Musiksoziologie vor allem den Einfluss der Gesellschaft beschreibt, dem das verblendete Individuum kaum etwas entgegensetzen kann. Am anderen Ende steht die (neuere) Vorstellung einer musikalischen "Selbstsozialisation", die sich, besonders in der Teenagerphase, über die Musik ihre eigene Identität erschafft.

Irgendwo dazwischen steht der Klassiker der Geschmackstheorie: Für Pierre Bourdieu ist der Geschmack "kulturelles Kapital". Wer sozial aufstrebt, sucht und findet Geschmack an den als hochwertig geltenden Formen (an Opern, Designersesseln, guten Weinen) und gewinnt so an Prestige. (Bourdieus Theorie bestätigt sich selbst: Das einfachste Mittel, kulturelles Kapital zu ergattern, besteht darin, möglichst beiläufig "Bourdieu" und "kulturelles Kapital" in die Konversation einfließen zu lassen.) Schon lange vor Bourdieu merkte Immanuel Kant in seiner Kritik der Urteilskraft an: "Nur in der Gesellschaft wird es interessant, Geschmack zu haben."

An alldem ist viel dran. Doch ohne Kant und Bourdieu widersprechen zu wollen: Es kommt durchaus vor, dass sich jemand ohne Rücksicht auf soziale Gewinne und Verluste für Musik begeistert. Das Scrobbling lässt sich auch ausschalten (das konnte Kant noch nicht wissen), und zwischen den Ohrenstöpseln eines MP3-Players sind Expeditionen ins Unbekannte gefahrloser denn je. Es sollte also außer "der Gesellschaft" noch eine andere Erklärung geben für die Übereinstimmungen zwischen Christian und mir.

Peter Rentfrow, Psychologe an der Universität Cambridge, hat vor ein paar Jahren den Musikkonsum von 3200 amerikanischen College-Studenten untersucht. Die Vielfalt ihrer Lieblingsmusiken bündelte Rentfrow in vier handliche Kategorien: "reflexiv und komplex", "intensiv und rebellisch", "schwungvoll und konventionell" sowie "energisch und rhythmisch". Außerdem füllten die Studenten einen Fragebogen zur Persönlichkeit aus. Rentfrow stieß auf deutliche Korrelationen zwischen der bevorzugten Musikkategorie und persönlichen Eigenschaften wie Temperament, Aufgeschlossenheit, politischer Grundhaltung. In einem umgekehrten Experiment stellten seine Probanden anhand von zehn Lieblingssongs Mutmaßungen über einen Unbekannten an. Sie lagen fast immer richtig. Und so stieg meine Vorfreude auf das Treffen mit meinem unbekannten Zwillingsbruder.

Der größte Plattenladen Amsterdams, Fame, erstreckt sich über mehrere Stockwerke. Ich hatte Christian per SMS meine Jacken- und Haarfarbe verraten, er antwortete: "Ich gucke einfach in den relevanten Abteilungen nach dir." Ich blätterte gerade die CDs der Unterabteilung "Mali" durch, als Christian mich von der Seite ansprach. In der Hand hielt ich eine CD von Tourani Diabaté, die, anstelle des Wetters oder der Frage "Wie war die Reise?", gleich unser erstes Gesprächsthema wurde. Christian kannte die noch nicht, erzählte mir aber von Diabatés anderen Platten und vom restlichen Diabaté-Clan, einer großen und ehrwürdigen Musiker-Dynastie. Wir gingen hinüber zur Abteilung "Country–Folk–Americana", inspizierten die John-Fahey-CDs, fanden eine, die wir beide noch nicht hatten, gingen damit zur Kasse und dann gleich weiter um die Ecke in Christians Lieblingskneipe, O’Reilly’s Irish Pub (in der auch ich mich gleich zu Hause fühlte).

Es lief laute Musik, wir mussten gegen sie anreden. Und sie natürlich ständig kommentieren. Über den Motown-Hit Stop! In The Name Of Love von den Supremes sagte Christian, völlig zu Recht: "Kein Computer kann wissen, dass dieses Stück in einem lauten Pub besonders gut klingt." Ich stellte ein paar Thesen auf über die Musikindustrie im Allgemeinen und Last.fm im Besonderen, er stellte ein paar Thesen auf, schon fielen wir uns ins Wort mit Ergänzungen und Beispielen, führten gegenseitig unsere Sätze zu Ende, wie ein altes Ehepaar. Nach zwanzig Minuten unterhielten wir uns so, als ob wir uns schon zwanzig Jahre kannten.

Im Zuge meiner empirischen Forschung fragte ich ihn nach seinem Lieblingsautor. "Thomas Pynchon", sagte er. Okay, das passt, einer meiner Lieblingsschriftsteller, David Foster Wallace, wird immer wieder als "pynchonesk" bezeichnet. Lieblingsmaler? "Mark Rothko." Kein Wunder, ein Hauptwerk unseres Favoriten Morton Feldman heißt immerhin Rothko Chapel. Lieblingskomiker? "Steve Wright." Oh ja, den finde ich auch sehr lustig. Und so weiter. (Astrologen mögen sich daran erfreuen, dass unsere Geburtstage nur zwei Tage auseinanderliegen, wenn auch 16 Jahre.) Irgendwann fragte ich ihn: "Wieso sprichst du eigentlich so gut Englisch?"

"Ich bin in den USA geboren."

"Ach ja? Ich bin auch in den USA geboren", sagte ich.

"Ich war neun Jahre alt, als wir in die Niederlande umgezogen sind."

"Ich war drei Jahre alt, als wir nach Deutschland umgezogen sind."

Kurzes Schweigen. Ich fragte ihn: "Und … wo in den USA habt ihr gelebt?"

"In der Nähe von Boston, und du?"

"In der Nähe von Boston."

Es fielen uns dann noch allerlei Erklärungen ein, wie unsere parallelen Biografien unseren Musikgeschmack geprägt haben könnten: vielleicht als Suche nach Ursprüngen, nach Wurzeln, die uns zu archaischen Bluesplatten und von da aus gleich weiter nach Afrika geführt hat. Vielleicht erklärt die frühe Verpflanzung aber auch nur die Intensität unseres Musikinteresses, die schiere Menge von Musik, die wir jahrzehntelang gehört haben. Möglicherweise haben wir beide – wie viele andere Menschen auch, die niemals in der Nähe von Boston gelebt haben – in der Musik eine Art Heimat gesucht und gefunden.

Christian glaubt jedenfalls, dass Musik für ihn immer auch ein Weg zurück nach Amerika war. Ganz besonders John Fahey. Den hat er erst vor ein paar Jahren entdeckt. In einer Phase, in der er "viel Experimentelles und Elektronisches" gehört hatte, betrat Christian einen Plattenladen in Leiden. Dort lief gerade Faheys Gitarrenspiel über die Lautsprecher. Es haute ihn um. Wann genau das war? "Den Tag kannst du auf meiner Last.fm-Seite ablesen."

Nach ein paar Stunden im Irish Pub begleitete ich Christian noch zur Straßenbahn. An der Haltestelle reichten wir uns die Hand zum Abschied. "War toll, dich zu treffen", sagte einer von uns, "Ja", sagte der andere. "Also dann, bis bald mal wieder", verblieben wir im Ungefähren.

Außer der geografischen Distanz wüsste ich keinen Grund, warum wir nicht auch in der wirklichen Welt beste Freunde werden könnten. Vielleicht sehen wir uns auch nie wieder. Aber bestimmt werden wir noch viel voneinander hören.

Bewiesen war mit unserer gemeinsamen Herkunft nichts, natürlich konnte sie auch Zufall sein. Wie es ja auch Zufall sein kann, dass bei der Geburt getrennte Zwillinge später dieselbe Zahnpasta verwenden oder denselben Beruf ergreifen. Aber nach dem Gespräch mit Christian wäre ich bereit zu wetten: Auch mit meinen anderen musikalischen "Nachbarn", in Japan, in Amerika, in der Türkei, würde mich jenseits der Musik irgendetwas Entscheidendes verbinden. Wir würden uns wahrscheinlich sogar mögen.

Zwei Wochen nach dem Treffen in Amsterdam bekam ich Besuch von Andre, einem meiner ältesten Freunde aus der wirklichen Welt. Vor mehr als 25 Jahren hatten wir uns auf dem Schulhof zum ersten Mal über Musik unterhalten und uns seitdem immer wieder gegenseitig mit Empfehlungen, Mix-Tapes und Mix-CDs versorgt, gelegentlich auch bitterböse über Geschmacksfragen gestritten. Nachdem wir fast ein Jahrzehnt lang auf verschiedenen Kontinenten gelebt und uns immer wieder völlig aus den Augen verloren hatten, wohnen wir nun beide in Berlin. Nach einem Schluck Bier sagte Andre zu mir: "Ich glaube, ich hab dich bei Last.fm entdeckt." Er nannte meinen Last.fm-Namen. "Wir sind da jetzt Nachbarn, seit voriger Woche."

Unter 25 Millionen Menschen, nach Zehntausenden von Musikstücken in zwei Jahren hatte also der Last.fm-Rechner in einer weltweiten Datensichtung geschafft, was Andre und mir damals auf dem Pausenhof in der Provinz gelungen war, als wir uns die Namen obskurer Bands zuraunten.

Kann, darf, soll man Menschen nach ihrem Musikgeschmack beurteilen? Die Antwort, die Last.fm errechnet hat, lautet: Ja.

Wie ZEIT-Leser über diese Frage denken, lesen Sie hier in der Debatte mit dem Autor Jürgen von Rutenberg

 
Leser-Kommentare
  1. Ein Bekannter von mir hört ausschließlich Wagner, nichts anderes!
    Das hat mich schon ziemlich erschreckt.
    Nach dem Lesen des Beitrags habe ich jetzt wenigstens kein schlechtes
    Gewissen mehr, dass ich ihn beim Verfassungsschutz angeschwärzt habe.
    Danke!
    ;-)

    PS.
    Im Ernst,
    ein sehr lebendig und erfrischend geschriebener Artikel.

    http://www.hartz-aber-lus...

    • Anonym
    • 26.03.2009 um 12:04 Uhr

    darf ich sicher gespannt sein.

    Problem dabei (ganz abgesehen davon, dass ich die Beurteilung eines Menschen "nur" nach seinem Lieblingssong für eine völlig unsinnige Reduktion seiner Persönlichkeit auf einen winzigen Teilbereich halte): ICH HABE ZIEMLICH VIELE (NICHT NUR EINEN!) LIEBLINGSSONG! Hier eine kleine Auswahl:

    "I Heard It Through The Grapevine" MARVIN GAYE (MOTOWN)
    "Mercy Mercy Me (The Ecology)" MARVIN GAYE (MOTOWN)
    "Reach Out I'll Be There" FOUR TOPS (MOTOWN)
    "To Love Somebody" NINA SIMONE
    "Move On Up" CURTIS MAYFIELD
    "Riders On The Storm" DOORS
    "Shaft" (Soundtrack, Single-Version) ISAAC HAYES
    "Melting Pot" BOOKER T. & THE MGs
    "Reflections" DIANA ROSS & THE SUPREMES
    "Feel The Need In Me" DETROIT EMERALDS
    "Psychedelic Shack" TEMPTATIONS (MOTOWN)
    "Ball Of Confusion" TEMPTATIONS (MOTOWN)
    "Papa Was A Rollin' Stone" TEMPTATIONS (MOTOWN)
    "Baby Love" SUPREMES (MOTOWN)
    "Nowhere To Run" MARTHA REEVES & THE VANDELLAS (MOTOWN)
    "Just Look What You've Done (To Me)" BRENDA HOLLOWAY (MOTOWN)
    "Helpless" KIM WESTON (MOTOWN)
    "My Sweet Lord" (Extended Version) NINA SIMONE
    "I Was Made To Love Her" STEVIE WONDER (MOTOWN)
    "I Say A Little Prayer" ARETHA FRANKLIN
    "Think" ARETHA FRANKLIN
    "Respect" ARETHA FRANKLIN
    "Back In My Arms Again" SUPREMES (MOTOWN)
    "Love Is Like An Itching In My Heart" SUPREMES (MOTOWN)
    "Night And Day" ELLA FITZGERALD *
    "Beyond The Sea" BOBBY DARIN
    "I Hear Music" BILLIE HOLIDAY
    "All Through The Night" ELLA FITZGERALD *
    (*ich liebe fast alle Songs des schwulen Komponisten Cole Porter!)

    und daraus ließe sich jetzt mein Persönlichkeitsbild erstellen?
    - Geschlecht: männlich
    - Sexuelle Identität: schwul
    - Wesen: aufsässig, unangepaßt, aggressiv, provozierend, kämpferisch ...
    - Leidenschaften: "schwarze" Musik, Sex, Politik ...
    - Ziele: "Befreiung" der schwulen Minderheit aus Diskriminierung und Ausgrenzung, weitreichende politische Veränderungen ...
    - Vorlieben: Black Music, südeuropäische Männer, Jazz- und Soul-Diven, Sex-Clubs, Filme von Polanski, Kubrick, Scorsese, Cassavetes, Visconti, Chabrol ...

    Na dann ...

    Knüppel (so leicht läßt der sich nicht in eine "Schublade" stecken ...)

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    Doch, doch Knüppel, das ist eindeutig!

    Sind Deine anderen Ich`s auch alle schwul????

    :-))))))

    http://www.hartz-aber-lus...

    Netter Typ. bißchen einseitig!

    Doch, doch Knüppel, das ist eindeutig!

    Sind Deine anderen Ich`s auch alle schwul????

    :-))))))

    http://www.hartz-aber-lus...

    Netter Typ. bißchen einseitig!

    • Anonym
    • 26.03.2009 um 12:47 Uhr

    Wer einen ausgewogenen Musikgeschmack hat, viele Stilrichtungen akzeptiert, ist auch sonst ein toleranter Mensch.
    Ich höre Rock, Pop, Cillout, Dance, Schlager, R&B und Klassik, da besonders Klavier und Violine. Gesanglich verinnerliche ich am liebsten die Tenöre dieser Welt, die derzeitigen aber auch die längst verstorbenen.
    Ich höre, wie es meine Gemütslage hergiebt.
    Ohne Musik geht bei mir gar nichts.

    Herzlichst
    Auf ein Wort

  2. Welche Musik man mag, hängt von Prägungen, vom sozialen Umfeld ab. Oder welcher Erwachsene wird noch die Lieder seiner Kindergartenära schätzen?
    Diese Prägung geht freilich konform mit der Fortentwicklung des Charakters, der Persönlichkeit, die neben genetisch-hormonellen Einflüssen auch durch die prägende Umwelt in verschiedenen Phasen geschiet - zudem billigen die meisten Denkschulen dem Menschen obendrein noch ein Moment von Freiheit zu.

    Wer U2's "Sunday, bloody Sunday" schätzt, wird sich wohl mit dem Nordirland-Konflikt befasst haben, ergo ein eher nachdenklicher Mensch sein, wer Bruce Springsteen's "My hometown" oder U2's "Where the streets have no name" oder gar "Drugs don't work" oder "Bitter-sweet Symphony" von The Verve schätzt, ist sicher eher sozialkritisch eingestellt, als der Fan von "Dancing Queen" (Abba).

    Andererseits ist es immer auch die Frage, welche Musik man kennt.
    Wer in den 1980ern oder 1990ern aufwuchs, kennt zweifellos Phil Collins und Ace of Base, aber nicht unbedingt die Manic Street Preachers ("In 1985", "The love of Richard Nixon", "Empty Souls"), vielleicht noch nichteinmal Billy Joel ("We didn't start the fire", "Leningrad", "Good night, Saigon", "The Downeaster Alexa"). R.E.M. 's "Losing my religion" ist für ein Kind eines 1990er Abiturjahrgangs natürlich immer möglich, auch wenn damals gerade Techno ("Das Boot", "Somewhere over the Rainbow",...) modern war.
    Wer hingegen aus der Beatles-Ära (auch als jemand, der erst nach ihrer Auflösung geboren wurde, finde ich diese Band einfach großartig) stammt wird von vorne herein keinen Zugang zu Techno (Stilrichtung, keine Band! ;-)) gehabt haben.

    Das heißt aber nicht, dass es eine Eins-zu-Eins-Entsprechung geben kann, denn Menschen sind vielfältig, mancher mag einerseits Sting ("Russians", "Fields of Gold") und Billy Joel, andererseits auch a-ha ("The sun shines always on TV", "Summer moves on", "Take on me") und Depeche Mode ("Master and servent", "Enjoy the silence") sowie "Big in Japan" von Alphaville - okay, das ist dann ein 80er-Jahre-Nostalgiker.
    Spätestens aber, wenn dieser 80er-Jahre-Nostalgiker die Italienischen Konzerte von J. S. Bach und andalusischen Flamenco noch zu seinen Favoriten zählt, wird die Zuordnung schwierig.

    Klassische Musik wird immerhin meistens von Menschen geschätzt, die in ihrer Kindheit damit schon Kontakt hatten, wenn es auch Ausnahmen gibt. Dies wiederum lässt auf das Elternhaus schließen, also eine Prägung und eine soziale Schicht (die im Laufe des Lebens durchaus verlassen werden kann).

    Um es kurz zu machen, der Musikgeschmack unterliegt den gleichen Einflüssen wie die Entwicklung anderer Persönlichkeitsmerkmale, sogar ein wechselseitiger Einfluss ist gegeben. Daher ist ein Rückschluss auf prägende Einflüsse und Lebenseinstellung in begrenztem Maße schon möglich.

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    mhh, ich mag sowohl Klassik als auch Death Metall..ich will gar nicht wissen, was das über meinen Charakter aussagt:-)

    mhh, ich mag sowohl Klassik als auch Death Metall..ich will gar nicht wissen, was das über meinen Charakter aussagt:-)

  3. zwar ist der artikel interessant geschrieben, aber dennoch halte ich diese form der schubladenbildung für falsch, wenn nicht sogar für gefährlich. einen menschen kann man nur in seiner gesamtheit beurteilen, sofern man es überhaupt wagen darf, ihn zu beurteilen. da ist der musikgeschmack lediglich eine facette, die ähnlich aussagekräftig ist, wie zb der kleidungsstil oder die wahl der frisur.

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    schneewante67 schrieb: halte ich diese form der schubladenbildung für falsch, wenn nicht sogar für gefährlich. einen menschen kann man nur in seiner gesamtheit beurteilen, sofern man es überhaupt wagen darf, ihn zu beurteilen. da ist der musikgeschmack lediglich eine facette, die ähnlich aussagekräftig ist, wie zb der kleidungsstil oder die wahl der frisur

    Ich wage die These, dass der Musikgeschmack mehr über das Innenleben eines Menschen verrät als die Frisur. Ich kenne einige Leute mit faszinierendem Musikgeschmack, die äußerlich eher unscheinbar sind. Mit denen würde ich bestimmt nicht über Frisurfragen ins Gespräch kommen.
    Ich z.B. trage mittelkurze blonde haare, keine dreadlocks, höre aber viel Reggae. Reggae habe ich mir selbst ausgesucht, meine blonden haare nicht (die Frisur nur bedingt...).

    schneewante67 schrieb: halte ich diese form der schubladenbildung für falsch, wenn nicht sogar für gefährlich. einen menschen kann man nur in seiner gesamtheit beurteilen, sofern man es überhaupt wagen darf, ihn zu beurteilen. da ist der musikgeschmack lediglich eine facette, die ähnlich aussagekräftig ist, wie zb der kleidungsstil oder die wahl der frisur

    Ich wage die These, dass der Musikgeschmack mehr über das Innenleben eines Menschen verrät als die Frisur. Ich kenne einige Leute mit faszinierendem Musikgeschmack, die äußerlich eher unscheinbar sind. Mit denen würde ich bestimmt nicht über Frisurfragen ins Gespräch kommen.
    Ich z.B. trage mittelkurze blonde haare, keine dreadlocks, höre aber viel Reggae. Reggae habe ich mir selbst ausgesucht, meine blonden haare nicht (die Frisur nur bedingt...).

  4. Die Frage stellt sich schon vom Kleinkindsalter an. Wie wächst ein Mensch auf und was macht er später musikalisch daraus. Ich bin mit der Königin der Nacht aufgewachsen (Mozart, Zauberflöte, Arie, Sopran). Wenn man mit Eltern aufwächst, die musizieren und singen, dann wird man auch fürs Leben geprägt. Natürlich unterscheidet man zwischen Kastelruther Spatzen Kinder oder Placido Domingo Kids . Meine Kindheit wurde durch die klassische Musik geprägt, vielleicht lag es auch daran, dass ich zu oft in der Künstlerkantine des Theaters war. Es gibt viele Erwachsene, die sich heute für Klavierkonzerte begeistern können und früher den Klavierübenden Nachbarsjungen gehänselt haben. Ein Musikgeschmack kann sich durchaus im Laufe der Jahre verändern. Es gibt Menschen, die werden durch Rapmusik aggressiv, andere wiederum- wenn sie Haydns Schöpfung hören. Ich kenne sehr viele Musikstücke und deshalb beschränke ich mich auf einige Wenige, die ich am liebsten singe:
    Würde mich jemand heute fragen, was ich aus den verschieden Richtungen wählen würde, dann würde ich diese spontan angeben.
    Visi d’arte (Puccini, Opera, Tosca, Soprano)
    Ja, die Liebe hat bunte Flügel (Bizet, Oper, Carmen, Habanera der Carmen
    Lass mich mit Tränen (Händel, Rinaldo, Kirchenmusik)
    Ave Maria (Gabunia, Kirchenmusik)
    Memory (Webber, Musical, Cats)
    Ich gehöre nur mir (Kunze u. Levay, Musical Elisabeth, Sissi)
    My heart will go on aus dem Film Titanic, die Schnulze schlechthin…
    Zieh die Schuh aus… von Roger Cicero, trällere ich gerne beim Kochen!
    Und wenn ein Lied…. von Mannheims Söhnen, singe ich beim Bügeln….
    A love until the end of time im (Holdridge, Duet: Sopran, Tenor)
    Undundundundundundundund …….schwer sich zu entscheiden….

    Ich mag auch Rockmusik, Pop, Soul und Jazz

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    • Anonym
    • 26.03.2009 um 16:43 Uhr

    mit vielem was sie geschrieben haben, liegen sie richtig.
    Allerdings ist nicht immer die Prägung durch die Kindheit maßgebend.
    Ich zum beispiel bin ein Mensch der sehr stark über die Musik assozioniert.
    So gibt es Musik bei der ich sofort abstelle, weil ich an eine schlechte Zeit erinnert werde.
    Zur Klassik bin ich alleine gekommen und intensiver erst in den letzten Jahren.
    Alles was sie oben angeführt haben an Klassik, hat mich sofort stark an Fritz Wunderlich erinnert. Die Zauberflöte und seinen Tamino, Händel und Xerxes.
    Von keinem Tenor habe ich derartiges so gehört. Dazu seine Matthäus-Passion und die Messa da Requiem von Verdi, oder Haydns " Die Schöpfung".
    Puccini, Donizetti, Bellini und Verdi. Die Großen , wie Pavarotti, Alfredo Kraus, di Stefano, Tagliavini, Bergonzi usw.usw.
    Und ich komme aus einfachem Elternhaus und hatte keinen Bezug zu dieser herrlichen Musik.
    Die klassische Musik ist nun mal der Ursprung und aus dieser Musik wird heute für den Rock und den Pop abgekupfert, was das Zeug hält.
    Musik läßt die Seele klingen.

    Herzlichst
    Auf ein Wort

    Corina Wagner schrieb: Es gibt Menschen, die werden durch Rapmusik aggressiv, andere wiederum- wenn sie Haydns Schöpfung hören.

    Stimmt! Und beides gilt vermutlich sowohl für Fans als auch „Gegner“ der jeweiligen Musik! (Es gab auch mal eine schöne Studie zu diesem Thema: Heavy Metal-Fans wurden mit Country beschallt, Country-Fans mit Heavy Metal. Dann wurden ihre jeweiligen „Erregungskurven“ gemessen. (Wenn ich mich richtig erinnere, waren die Country-Fans am Ende aggressiver)

    • Anonym
    • 26.03.2009 um 16:43 Uhr

    mit vielem was sie geschrieben haben, liegen sie richtig.
    Allerdings ist nicht immer die Prägung durch die Kindheit maßgebend.
    Ich zum beispiel bin ein Mensch der sehr stark über die Musik assozioniert.
    So gibt es Musik bei der ich sofort abstelle, weil ich an eine schlechte Zeit erinnert werde.
    Zur Klassik bin ich alleine gekommen und intensiver erst in den letzten Jahren.
    Alles was sie oben angeführt haben an Klassik, hat mich sofort stark an Fritz Wunderlich erinnert. Die Zauberflöte und seinen Tamino, Händel und Xerxes.
    Von keinem Tenor habe ich derartiges so gehört. Dazu seine Matthäus-Passion und die Messa da Requiem von Verdi, oder Haydns " Die Schöpfung".
    Puccini, Donizetti, Bellini und Verdi. Die Großen , wie Pavarotti, Alfredo Kraus, di Stefano, Tagliavini, Bergonzi usw.usw.
    Und ich komme aus einfachem Elternhaus und hatte keinen Bezug zu dieser herrlichen Musik.
    Die klassische Musik ist nun mal der Ursprung und aus dieser Musik wird heute für den Rock und den Pop abgekupfert, was das Zeug hält.
    Musik läßt die Seele klingen.

    Herzlichst
    Auf ein Wort

    Corina Wagner schrieb: Es gibt Menschen, die werden durch Rapmusik aggressiv, andere wiederum- wenn sie Haydns Schöpfung hören.

    Stimmt! Und beides gilt vermutlich sowohl für Fans als auch „Gegner“ der jeweiligen Musik! (Es gab auch mal eine schöne Studie zu diesem Thema: Heavy Metal-Fans wurden mit Country beschallt, Country-Fans mit Heavy Metal. Dann wurden ihre jeweiligen „Erregungskurven“ gemessen. (Wenn ich mich richtig erinnere, waren die Country-Fans am Ende aggressiver)

  5. Zuerst muss ich einmal sagen, dass dies hier der soziologisch interessanteste Artikel war, den ich bisher über Last.fm lesen durfte. An dieser Stelle herzlichen Dank an Herrn von Rutenberg.

    Ich habe soeben meine Bachelorarbeit über die Geschmacksprägung Jugendlicher und die damit verbundenen Sozialisierungsversuche geschrieben und interessiere mich daher sehr für dieses Thema.

    Ich muss auf die Kritik von Schneewante zur Schubladenbildung sagen, dass es in der Realität natürlich nicht sein sollte, Menschen aufgrund einer Eigenschaft über einen Kamm zu scheren. Dennoch ist es unumgänglich in der Soziologie Gruppen zu bilden, die Gemeinsamkeiten teilen. Andernfalls wäre Soziologie nicht möglich, sondern nur noch so etwas wie "Individuologie", die sehr unübersichtlich sein wird ;-).
    Zudem ist auch der Musikgeschmack auf die Stilfragen nach Georg Simmel und Max Weber zurückzuführen. So kann man vermuten, dass an dem präferierten Musikstil auch noch andere zum Lebensstil gehörige Eigenschaften hängen. Der Lebensstil eines Individuums ist somit sozusagen die Basis auf der sich die Geschmäcker eines Individuums (Küche, Kunst, Musik, Wohnung) aufbauen. Und es ist feststellbar, dass Menschen mit einem ähnlichen Musikgeschmack oft auch einen ähnlichen Kunstgeschmack haben. (siehe die Kategorien der College-Studenten)

    Ich freue mich schon auf die Diskussion am Freitag!

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    "So kann man vermuten, dass an dem präferierten Musikstil auch noch andere zum Lebensstil gehörige Eigenschaften hängen."

    Das ist vermutlich sogar teilweise richtig, heißt das nun aber folgerichtig, daß man in jedem Falle auch den umgekehrten Weg nehmen könnte, also tatsächlich vom Hörverhalten Rückschlüsse auf die individuellen Lebensmuster ziehen können soll? Anders gesagt, ist es möglich, anhand der im Regal stehenden Platten oder CDs Antworten auf die Frage liefern zu können "Sage mir, was Du hörst, und ich sage Dir, wer (und vor allem: wie) du bist"?

    Ich höre zum Beispiel Klassik, Opern, alle (und zwar wirklich alle) Arten von Jazz und Minimal. Hieraus ein konsistentes Bild über mich folgern zu können ist allerdings schwierig - schon deshalb, weil Klassikhörer Minimalisten gewöhnlich vorwerfen, atonale Volldeppen zu sein, worauf diese dann gerne antworten "dafür brauchen wir keine zehn Meter Sekundärliteratur in der Hypophyse beim Hören"...

    Wer also bin ich?

    Ihre Bachelorarbeit über die "Geschmacksprägung Jugendlicher und die damit verbundenen Sozialisierungsversuche“ klingt aber sehr interessant!
    Ich hab mich beim Recherchieren oft gefragt, wie heute 15-jährige „ihren“ Musikgeschmack entwickeln – wenn ständig jede erdenkliche Musik verfügbar ist, und wenn man, auch dank Last.fm & Co, kaum noch das Gefühl entwickeln kann, einen „einzigartigen“ Geschmack zu haben. Läuft die Geschmacksentwicklung im Prinzip noch so wie früher auf dem Schulhof? Oder ganz anders?
    P.S.: Danke fürs Lob!

    "So kann man vermuten, dass an dem präferierten Musikstil auch noch andere zum Lebensstil gehörige Eigenschaften hängen."

    Das ist vermutlich sogar teilweise richtig, heißt das nun aber folgerichtig, daß man in jedem Falle auch den umgekehrten Weg nehmen könnte, also tatsächlich vom Hörverhalten Rückschlüsse auf die individuellen Lebensmuster ziehen können soll? Anders gesagt, ist es möglich, anhand der im Regal stehenden Platten oder CDs Antworten auf die Frage liefern zu können "Sage mir, was Du hörst, und ich sage Dir, wer (und vor allem: wie) du bist"?

    Ich höre zum Beispiel Klassik, Opern, alle (und zwar wirklich alle) Arten von Jazz und Minimal. Hieraus ein konsistentes Bild über mich folgern zu können ist allerdings schwierig - schon deshalb, weil Klassikhörer Minimalisten gewöhnlich vorwerfen, atonale Volldeppen zu sein, worauf diese dann gerne antworten "dafür brauchen wir keine zehn Meter Sekundärliteratur in der Hypophyse beim Hören"...

    Wer also bin ich?

    Ihre Bachelorarbeit über die "Geschmacksprägung Jugendlicher und die damit verbundenen Sozialisierungsversuche“ klingt aber sehr interessant!
    Ich hab mich beim Recherchieren oft gefragt, wie heute 15-jährige „ihren“ Musikgeschmack entwickeln – wenn ständig jede erdenkliche Musik verfügbar ist, und wenn man, auch dank Last.fm & Co, kaum noch das Gefühl entwickeln kann, einen „einzigartigen“ Geschmack zu haben. Läuft die Geschmacksentwicklung im Prinzip noch so wie früher auf dem Schulhof? Oder ganz anders?
    P.S.: Danke fürs Lob!

  6. "So kann man vermuten, dass an dem präferierten Musikstil auch noch andere zum Lebensstil gehörige Eigenschaften hängen."

    Das ist vermutlich sogar teilweise richtig, heißt das nun aber folgerichtig, daß man in jedem Falle auch den umgekehrten Weg nehmen könnte, also tatsächlich vom Hörverhalten Rückschlüsse auf die individuellen Lebensmuster ziehen können soll? Anders gesagt, ist es möglich, anhand der im Regal stehenden Platten oder CDs Antworten auf die Frage liefern zu können "Sage mir, was Du hörst, und ich sage Dir, wer (und vor allem: wie) du bist"?

    Ich höre zum Beispiel Klassik, Opern, alle (und zwar wirklich alle) Arten von Jazz und Minimal. Hieraus ein konsistentes Bild über mich folgern zu können ist allerdings schwierig - schon deshalb, weil Klassikhörer Minimalisten gewöhnlich vorwerfen, atonale Volldeppen zu sein, worauf diese dann gerne antworten "dafür brauchen wir keine zehn Meter Sekundärliteratur in der Hypophyse beim Hören"...

    Wer also bin ich?

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    Lieber Viscount,

    dann sind Sie eventuell ein so genannter "Omnivore" - ein musikalischer Allesfresser. Es gibt dazu in Amerika zwei Forschungen, die sehr interessant sind. Zum einen Peterson, der den Begriff der Omnivores geprägt hat und besagt, dass es in der heutigen Gesellschaft zwei Arten von Musikkonsumenten gibt. Die einen konzentrieren sich auf eine bestimmte Musikszene, die anderen decken mit ihrem Interessen eine breite Palette an Musikrichtungen ab. Dies bringt er in Verbindung mit dem Bildungsniveau der Musikkonsumenten. In einem höheren Bildungsniveau sind Menschen öffener für unterschiedliche Einflüsse, in einem niedrigeren Bildungsniveau suche Menschen unter anderem auch in der Musik bzw. einer Musikszene nach sozialer Stabilität und Absicherung.
    An diese Theorie schließt sich zudem eine Wissenschaftlerin namens Bryson an, die behauptet das das ehemalige kulturelle Kapital in der gehobenen Bildungsschicht heute durch das "multikulturelle Kapital" ersetzt wird. So wird in höheren Bildungsschichten heute mit einem breiten Musikgeschmack und dem Interesse in unterschiedlichen künstlerischen Bereichen Prestige gesucht.
    Dennoch kann man meiner Meinung nach auch diesen "breiten" Musikgeschmack in eine Schublade stecken. Denn hier geht es den Musikkonsumenten um möglichst nicht-triviale und qualitativ-hochwertige Musik. Es wird also wieder nach bestimmten Merkmalen selektiert.
    Die "Selektion" führt zum Musikgeschmack und Menschen mit ähnlichen "Selektionsmechanismen" können in der Soziologie zusammengefasst werden.
    Diese Selektionsmechanismen führen jedoch über die Musik hinaus, womit wir wieder bei der Lebensstilfrage nach Weber und Simmel angekommen wären.
    Das alles auf einen Lebensstil zurückzuführen ist, hat auch damals schon Bourdieu festgestellt, als er untersucht hat, was Konzertgänger in unterschiedlichen Musikrichtungen trinken. Heute gibt es auch wieder eine Studie darüber, wie Jazzer wohnen bzw. wie sie Hochkulturliebhaber einrichten.

    Viscount schrieb: „Anders gesagt, ist es möglich, anhand der im Regal stehenden Platten oder CDs Antworten auf die Frage liefern zu können "Sage mir, was Du hörst, und ich sage Dir, wer (und vor allem: wie) du bist"?

    Das ist die große Frage! Ich neige inzwischen zu einem vorsichtigen Ja. Vorsichtig aber nur deswegen, weil es Leute gibt, die sich nicht so sehr für Musik interessieren, oder keine Zeit oder kein Geld für sie haben. Bei denen würde ich mich eher an anderen Dingen orientieren. Was sie gern lesen, zum Beispiel.

    Lieber Viscount,

    dann sind Sie eventuell ein so genannter "Omnivore" - ein musikalischer Allesfresser. Es gibt dazu in Amerika zwei Forschungen, die sehr interessant sind. Zum einen Peterson, der den Begriff der Omnivores geprägt hat und besagt, dass es in der heutigen Gesellschaft zwei Arten von Musikkonsumenten gibt. Die einen konzentrieren sich auf eine bestimmte Musikszene, die anderen decken mit ihrem Interessen eine breite Palette an Musikrichtungen ab. Dies bringt er in Verbindung mit dem Bildungsniveau der Musikkonsumenten. In einem höheren Bildungsniveau sind Menschen öffener für unterschiedliche Einflüsse, in einem niedrigeren Bildungsniveau suche Menschen unter anderem auch in der Musik bzw. einer Musikszene nach sozialer Stabilität und Absicherung.
    An diese Theorie schließt sich zudem eine Wissenschaftlerin namens Bryson an, die behauptet das das ehemalige kulturelle Kapital in der gehobenen Bildungsschicht heute durch das "multikulturelle Kapital" ersetzt wird. So wird in höheren Bildungsschichten heute mit einem breiten Musikgeschmack und dem Interesse in unterschiedlichen künstlerischen Bereichen Prestige gesucht.
    Dennoch kann man meiner Meinung nach auch diesen "breiten" Musikgeschmack in eine Schublade stecken. Denn hier geht es den Musikkonsumenten um möglichst nicht-triviale und qualitativ-hochwertige Musik. Es wird also wieder nach bestimmten Merkmalen selektiert.
    Die "Selektion" führt zum Musikgeschmack und Menschen mit ähnlichen "Selektionsmechanismen" können in der Soziologie zusammengefasst werden.
    Diese Selektionsmechanismen führen jedoch über die Musik hinaus, womit wir wieder bei der Lebensstilfrage nach Weber und Simmel angekommen wären.
    Das alles auf einen Lebensstil zurückzuführen ist, hat auch damals schon Bourdieu festgestellt, als er untersucht hat, was Konzertgänger in unterschiedlichen Musikrichtungen trinken. Heute gibt es auch wieder eine Studie darüber, wie Jazzer wohnen bzw. wie sie Hochkulturliebhaber einrichten.

    Viscount schrieb: „Anders gesagt, ist es möglich, anhand der im Regal stehenden Platten oder CDs Antworten auf die Frage liefern zu können "Sage mir, was Du hörst, und ich sage Dir, wer (und vor allem: wie) du bist"?

    Das ist die große Frage! Ich neige inzwischen zu einem vorsichtigen Ja. Vorsichtig aber nur deswegen, weil es Leute gibt, die sich nicht so sehr für Musik interessieren, oder keine Zeit oder kein Geld für sie haben. Bei denen würde ich mich eher an anderen Dingen orientieren. Was sie gern lesen, zum Beispiel.

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