Die Treppe führt in eine andere Welt. Stufe um Stufe entferne ich mich von der vierspurigen, abgasverseuchten Commercial Road und steige zum Kanal hinunter. Hier ist es still. Ich befinde mich zwei Meter unter dem Straßenniveau – allerdings nicht unter der Erde, sondern unter freiem Himmel. Der Kanal ist nur wenige Meter breit, daneben verläuft ein handtuchschmaler Pfad, dem ich folge. Das Wasser neben mir steht eher, als dass es fließt, die Luft hier unten ist feucht und doch klar, als wäre man an der Küste. Stille und Frischluft lassen den Weg durch die Millionenstadt wie einen Spaziergang durchs Umland erscheinen, selbst die Sirenen der Ambulanzen heulen nur noch von fern.

Genau das war der Plan: entlang des historischen Regent’s Canal ein anderes, ruhigeres London zu entdecken, fern von Touristenströmen und Verkehrsinfarkt. Vierzehn Kilometer zieht sich der Regent’s Canal durch die Stadt, von der Themse im Osten bis nach Paddington im Westen, ein Freilichtmuseum aus Backsteintunneln und Schleusen, funktionsfähig bis heute. Mein Spaziergang beginnt im East End, jenem sagenumwobenen Einwandererviertel, in dem Jack the Ripper 1888 fünf Prostituierte ermordete und das bis heute als rau und unsicher gilt. Hier, wo der Kanal in die Themse mündet, entstand Ende des 19. Jahrhunderts Londons größter Umschlaghafen. Heute ist das Limehouse Basin zu einer mondänen Freizeitmarina geworden, nur noch eine Hinweistafel zeugt von seiner Handelsgeschichte.

Ursprünglich wurde hier die Fracht der großen Themseschiffe auf narrowboats verladen, die schmal genug waren für die Kanäle. Sie verbanden die Docks auf der Themse mit den großen Städten in den Midlands, mit Birmingham etwa, auch mit Manchester und Liverpool, als die Industrialisierung im 18. Jahrhundert nach einfachem Warenaustausch verlangte. Zwar waren Themse und River Lee, Londons zweitgrößter Fluss, schon immer schiffbar, doch führten nur weite Umwege über die See in den Norden. 1760 aber versuchte der Duke of Bridgewater etwas Unerhörtes: Zwischen Manchester und seinen zehn Meilen entfernten Kohleminen ließ er einen künstlichen Kanal graben – was die Herstellungskosten für seine Kohle halbierte. Wenig später breitete sich eine wahre canalmania auf der Insel aus, mit zweitausend Meilen erstreckte sich das Kanalnetz bald über die Insel.

1820 war auch in London das letzte Verbindungsstück fertiggestellt, um ohne Umweg in die Midlands zu gelangen: der mitten durch die Stadt verlaufende Regent’s Canal. Bereits im Jahr der Eröffnung wurden 120000 Tonnen Güter darauf verschifft, neben Kohle auch Bauholz. Londoner Pferdemist ging über den Kanal dahin zurück, wo Londoner Pferdefutter hergekommen war. Ganze Industrien siedelten sich in Kanalnähe an, Gaswerke und spezialisierte Betriebe wie etwa die Ice Wharf bei King’s Cross, in der zwölf Meter unter der Erde norwegisches Eis lagerte, um Londons bessere Kreise auch in heißen Sommern damit zu versorgen.

Die Blütezeit des Kanals währte nicht lang. Bereits 1840 eröffnete die Eisenbahnstrecke von London nach Birmingham. Und nach der Jahrhundertwende wurde der härteste Konkurrent der Kanalwirtschaft massentauglich: das Automobil. Wirklich wirtschaftlich war der Kanal also nur im 19. Jahrhundert. Trotz aller Krisen aber blieb er bis in die 1960er Jahre ein wichtiger Verkehrsweg. Dann schlossen die Docks auf der Themse, und der Handel erlebte seinen endgültigen Niedergang. Als im Winter 1962/63 die Temperaturen wochenlang weit unter null fielen, steckte die Kanalschifffahrt im Wortsinne fest – und kam auch nach dem great freeze nie mehr frei.

Ich lasse die Infotafel am Limehouse Basin hinter mir und folge dem Kanal in nordwestlicher Richtung. In der nächsten Stunde begegne ich kaum jemandem. Es ist nicht irgendein Pfad, auf dem ich hier am Wasser entlanggehe, sondern der ehemalige towpath, der sogenannte Treidelpfad. Vor der Motorisierung des Schiffsverkehrs trabten Pferde und Maulesel darauf, um die Barken an langen Seilen von der Themse durch halb London und dann in Englands Norden zu ziehen – oder eben zu treideln, wie der Fachausdruck dafür heißt. In Tunneln, die zu schmal für einen eigenen Treidelpfad waren, mussten sich die Bootsmänner im Liegen mit den Füßen am Gewölbe abstoßen, um ihre Barken voranzubekommen.

Die schmalen Kohlebarken von einst sind längst zu Hausbooten umgebaut, in Seitendocks liegen sie so ruhig und bewegungslos, als wären sie auf Grund gelaufen. »Barnable Bill« prangt ornamental verziert auf einem blauen Rumpf, »Tiger Lilly« auf einem roten, bei »Paul & Heather« sind die Gardinen hinter den Bullaugen zugezogen, an Deck steht eine leere Flasche portugiesischen Weins. Mitten in London leben einige Dutzend Menschen auf dem Wasser, keine Aussteiger oder gar Obdachlose, eher Liebhaber eines Lebens unter freiem Himmel – das zeigen die kostspielig und liebevoll restaurierten Boote.

Ich gehe weiter nach Westen, es wird bereits dunkel. Bin ich wirklich schon drei Stunden unterwegs? Die alte Verkehrsachse wird allmählich zu einem in die Länge gezogenen Park. Es gibt sogar Eichhörnchen hier. »High voltage under your feet«, warnen Schilder an den Brückenpfeilern. Es fällt einem schwer, das zu glauben. Als ich an eine alte Straßenunterführung gelange, weist ein verrostetes Blechschild mich an, entgegenkommenden Fußgängern den Vortritt zu lassen. Aber wenn jetzt ein Spaziergänger oder gar ein Jogger aus dem Dunkel des Backsteingewölbes vor mir auftauchen würde, wäre zum Ausweichen gar kein Platz. Der Treidelpfad ist hier so schmal, dass ich mit einem Schritt zur Seite bereits ins Wasser fiele. Zum Glück ist niemand unterwegs. Vorsichtig betrete ich die Unterführung, man muss mit abgewinkeltem Kopf weitergehen, um sich nicht am Gewölbe zu stoßen. Unvorstellbar, wie hier Pferde durchpassten. Am anderen Ende der Unterführung kann ich noch heute die Rillen ertasten, die die Schleppseile in den Torbogen gefressen haben.