Dies hier, liebe Wählerinnen und Wähler, ist eine Warnung: Die Parteien könnten in diesem Jahr etwas verrückt werden! Unter dem Druck einer Wirtschaftskrise, die sie – wie uns alle – intellektuell überfordert, und inmitten der Wirren eines Multi-Options-Wahlkampfes mit ungewissen Koalitionsausgängen geraten alle sechs Parteien aus den Fugen.

Beginnen wir mit der rechtschaffensten, bravsten und langweiligsten Partei, den Grünen. Die haben nur ein Problem: dass sie vor lauter Rechtschaffenheit, Bravheit und Langeweile in den Medien fast gar nicht mehr vorkommen. Außer wenn sie sich in den Haaren liegen wie zurzeit. Nur, worüber streiten sie? Die Spitze streitet sich mit der Basis vor aller Ohren über die Frage, ob man es offen aussprechen oder lieber verschweigen soll, dass die Grünen nur eine einzige Chance haben mitzuregieren – mit der verhassten FDP. Öffentlich zu diskutieren, ob man etwas verheimlichen möchte, ist schon an sich recht irre, besonders aber, wenn ganz unabhängig von den Grünen sowieso jeder weiß: Wer grün wählt, wählt Guido!

Die Linken wiederum warten nun schon seit einem halben Jahr darauf, dass die Weltwirtschaftskrise endlich bei ihnen ankommt und ihnen antikapitalistische Wählerstimmen zuführt. Weil das jedoch rätselhafterweise nicht geschieht, versuchen sie mit immer überdrehteren Parolen auf sich aufmerksam zu machen. So fordert Oskar Lafontaine, um sich von SPD und Grünen zu unterscheiden, einen Mindestlohn von sage und schreibe zehn Euro. Damit liegen die Linken weit vor allen anderen Parteien in Deutschland und in der ganzen Welt. Nicht schlecht. Bleibt die Frage, wie die Hartz-IV-Empfänger dann noch ihr Glas Bier in einer Kneipe bezahlen sollen, in der die Kellner zehn Euro verdienen.

Auch bei der FDP ist die Krise noch nicht angekommen. Denn mit ein bisschen bösem Willen kann schon behauptet werden, die FDP und ihr Neoliberalismus seien mit schuld an der Krise. Doch statt einer kleinen, gerechten Strafe bekommen sie immense Umfragewerte. Im Rausch dieser Zahlen fordern die Liberalen nun die sofortige Auflösung des Bundestages. Dabei würde ein kurzer Blick ins Grundgesetz und in die laufende Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts genügen, um festzustellen, dass das nicht geht. Schon gar nicht, um ganze drei Monate früher als geplant wählen zu lassen.

Doch auch bei ihrer vehementen Verteidigung des Steuerhinterziehungsstaates Schweiz zeigt die FDP ein merkwürdiges Verhältnis zum Recht. Natürlich will sie allüberall niedrigere Steuern. Aber dass die Schweiz deutsche Bürger zum Bruch demokratisch zustande gekommener Steuergesetze einlädt, kann doch kein Demokrat, nicht mal ein Freidemokrat wollen. Offenbar verführt die ausbleibende Strafe für ihren Neoliberalismus die FDP zu der Annahme, sich alles erlauben zu können.

Das glaubt auch die vierte deutsche Kleinpartei, die CSU. Sie fordert die SPD auf, die Große Koalition zu verlassen. Was die Leute jedoch nur daran erinnert, dass die sich so oppositionell gebärdende CSU tatsächlich noch Mitglied der Regierung ist. Horst Seehofer reduziert die CSU derweil auf Reflexe. Wie ein Hund, der unversehens in eine Squash-Halle geraten ist und in wilder Verzweiflung hinter dem roten Gummiball herrennt, so versucht er täglich neu, den Wählergeschmack zu erhaschen. Und das soll konservativ sein!

Scheinbar beruhigt hat sich hingegen die SPD. Geschlossen – ja: geschlossen! – vollzieht die Partei einen schönen sanften Linksschwenk. Allerdings marschieren die geschlossenen Genossen dabei programmatisch in eine Richtung, in der nur noch eine einzige Koalition einen Sinn macht, ebenjene, die sie partout ausschließen: Rot-Rot-Grün. Es ist wirklich zum Verrücktwerden.