Es war ein überraschender, geradezu unerhörter Dokumentarfilm, der ausgerechnet am »Tag des Vaterlandsverteidigers« im russischen Fernsehkanal NTW ausgestrahlt wurde. Der Fernsehautor Alexej Piwowarow hatte sich vorgenommen, einem breiten Publikum von der tragischen Schlacht von Rschew 1941/42 und ihren vielen Opfern zu berichten. Das klingt einfach, gehört in Russland aber zum Schwersten: schlicht zu zeigen, was geschah.

Meist prägen schöne, poetisch veranlagte Helden das Bild der Soldaten in den klassischen Spielfilmen über den Zweiten Weltkrieg. Die Schattenseiten dieses Krieges, vor allem die Fehler der sowjetischen Militärführung und das unnötige menschliche Leid, das sie hervorriefen, sind selbst in Dokumentationen kaum ein Thema. Die kollektive Kriegserinnerung gilt vor allem dem siegreichen Staat. Piwowarow dagegen beschreibt in seiner Dokumentation die Schlachten um die Städte Rschew und Wjasma, gut 200 Kilometer westlich von Moskau. Die Kämpfe dauerten mit Pausen mehr als ein Jahr und sind doch als militärisches Datum aus Russlands Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges gelöscht worden. Piwowarow hatte sich seit Langem über die offizielle Chronologie gewundert, bei der auf die Schlacht um Moskau 1941/42 jene bei Stalingrad 1942/43 folgte. »Was ist mit dem Jahr dazwischen passiert?«, fragte er sich.

Rschew wurde in der sowjetischen Geschichtsschreibung verschwiegen, weil es ein militärischer Misserfolg war. General Michail Jefremow sollte mit seiner ermatteten und von der Artillerie verlassenen 33. Armee die von den deutschen Truppen besetzte Stadt Wjasma zurückerobern. Seine Chancen waren gleich null. Aber kein Befehl zog seine und die anderen Armeen an der Westfront zurück, um Menschenleben zu retten. Die Zahl der sowjetischen Soldaten, die für Rschew fielen, liegt nach vorsichtigen Schätzungen bei mehr als einer Million.

Für die meisten Historiker zeigt Piwowarows Film nichts Neues. Aber für die große Mehrheit der Russen war es eine ungewöhnliche Sicht auf den Weltkrieg. Denn während der Präsidentschaft Wladimir Putins ist der Triumph über den Faschismus, dieser letzte breite Konsens der Gesellschaft, beschworen worden. Der sowjetische Sieg sollte den Zusammenhalt Russlands sichern und gilt bis heute als ein Heiligtum. Noch vor gut einer Woche sprach sich Katastrophenschutzminister Sergej Schojgu dafür aus, das Leugnen des Sieges unter Strafe zu stellen. Der Generalstaatsanwalt spendete Beifall.

Russlands Führung versucht seit Beginn des Jahrzehnts, die Deutungshoheit über die Geschichte zu wahren. Fast zeitgleich mit einer großen Moskauer Konferenz zur Stalinismusforschung Anfang Dezember vergangenen Jahres durchsuchte die Staatsanwaltschaft die Büros der Menschenrechtsorganisation Memorial in St. Petersburg. Memorial erforscht die sowjetische Geschichte. Offiziell fahndete der Staatsanwalt nach Finanzunterlagen eines geschlossenen Zeitungsverlags, mit dem die Organisation keinerlei Kontakte hatte. Er beschlagnahmte das gesamte elektronische Archiv auf zwölf Computerfestplatten, darunter die biografischen Angaben zu mehr als 50000 Opfern des Terrors und gut 10000 Bilder und Texte eines virtuellen Gulag-Museums. Auf den Festplatten befinden sich auch die Aufzeichnungen zu einem vermeintlichen Massengrab von Stalin-Opfern, das Memorial 2002 auf einem Truppenübungsplatz bei St. Petersburg lokalisiert hatte. Bei Probegrabungen fanden sich die Überreste von mehr als 20 Leichen. Den Knochenfund hatte Memorial der Staatsanwaltschaft gemeldet. Damals blieb sie tatenlos.

Memorial bietet einen Gegenentwurf zum offiziellen Geschichtsbild. Die Organisation wurde 1988 als Kind der Perestrojka-Zeit von Dissidenten gegründet, um die historische Wahrheit ans Licht zu bringen und die Namen aller Opfer der sowjetischen Epoche zu sammeln; erster Vorsitzender war der Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow. Sie hat sich der Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit verschrieben, da der russische Staat diese Aufgabe fast vollkommen ignoriert. Das Gesetz zur Rehabilitierung der Opfer des Stalin-Terrors blieb der einzige Akt des Staates, die Verbrechen der Vergangenheit zu ahnden.

Memorials Arbeit finanzieren vor allem ausländische Stiftungen oder Privatpersonen. Erst in den vergangenen Jahren kamen russische Sponsoren hinzu. Die Organisation setzt auf den Enthusiasmus ihrer Mitarbeiter – und ihren Mut. Mehrmals sind Memorial-Büros in St. Petersburg überfallen und bestohlen worden. Auch wenn es keine direkten Drohungen gibt, bleibt eine Atmosphäre der Einschüchterung. »Wir wissen bis heute nicht, ob die Bürodurchsuchung eine Eigeninitiative des Staatsanwalts oder ein Auftrag aus Moskau war«, sagt die Leiterin des Petersburger Forschungs und Informationszentrums von Memorial, Irina Fliege. Ihre Klage gegen die Staatsanwaltschaft führte zu einem Teilerfolg: Ein Petersburger Gericht erklärte die Durchsuchung am Freitag für rechtens, ihre Durchführung für rechtswidrig.