An jenem Abend im November 2005, da Angela Merkel endgültig Gerhard Schröder aus dem Kanzleramt ver-drängt hatte, stand der Niedersachse in Hannover auf einer Tribüne vor 135 Fackelträgern in Uniform. Die Bundeswehr verabschiedete den siebten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, den Kanzler des Kosovokriegs, des Irakkrieg-Neins und der Agenda 2010, mit einem Großen Zapfenstreich. Für die Stunde seines politischen Endes hatte der Geschlagene sich Härte und Gefühl gewünscht: I did it my way spielte das Stabsmusikkorps, und Gerhard Schröder, der Frank Sinatra der deutschen Politik, war Geschichte.

Ich mach’s, wie’s mir passt. Mit keinem Kanzler wird Angela Merkel in letzter Zeit so gern verglichen wie mit ihrem Vorgänger von der SPD, keinem wächst im Rückblick mehr gefühlte Führungsstärke zu, neben keinem schrumpft Merkel schneller: Wann wird wirklich regiert, wo endlich geführt? Weniger Basta war nie.

Und war vergangene Woche nicht der Höhepunkt ihrer Unschlüssigkeit zu erleben? Drei Flanken will die CDU-Vorsitzende mit drei öffentlichen Auftritten binnen sieben Tagen schließen. Grund dazu gibt es genug: Die breite Öffentlichkeit reagiert verunsichert auf ihr Krisenmanagement von einer möglichen Hypo-Real-Enteignung bis zu einer schier unmöglichen Opel-Rettung, die Katholiken sind immer noch verärgert wegen ihrer Kritik am Papst nach der Rehabilitierung des antisemitischen Bischofs Williamson, und die Vertriebenen eingeschnappt im Streit um eine Führungsrolle für deren Vorsitzende Erika Steinbach im geplanten Zentrum für Vertreibungen. Schäfchen scharen, Reihen schließen – die Operation riecht nach Defensive auf hohem Niveau.

Im Kern aber ging es dreimal um den Kern ihrer Kanzlerschaft, dieser und einer möglichen nächsten: Wie viel Kraft steckt noch in der Kanzlerin und wie viel CDU in der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel? In der vergangenen Woche kämpfte Merkel gegen einen Dämon, der die Karriere der ersten ostdeutschen Vorsitzenden einer Volkspartei, der ersten ostdeutschen Regierungschefin von Anfang an begleitet hat: die Zweifel der anderen.

Seit 19 Jahren ist Merkel keine »von uns«, wie die Kritiker raunen

Kann die das? Versteht sie dieses Land? Und hat sie ein Gespür für ihre Partei, diese zutiefst westdeutsche Neugründung der jungen Bundesrepublik? Flotte Fragen sind das, allesamt gut begründbar, und doch gingen sie Kommentatoren wie Parteifreunden in den letzten Wochen irritierend leicht von der Hand. In ihnen verrät sich eine Routine, eine Leichtfertigkeit, die nicht zur Schwere des Vorwurfs passen will. Es sind Sätze, die zu oft gesagt wurden, Sätze, die der Kritiker nur aus der Schublade zu holen braucht. 1990, 1992, 1998, 2000, 2002, 2005 – wann in Angela Merkels Laufbahn hätte dieser Zweifel nicht gegolten?

Seit 19 Jahren ist sie keine »von uns«, wie die Kritiker raunen, und doch wurde die CDU immer mehr zu ihrer Partei. Kann die das?, fragen Gegner wie Parteifreunde seit 19 Jahren, und doch ist sie die Bundeskanzlerin. Aber es hilft alles nichts, vergangenen Sonntag war Merkel, die andere, wieder da: Die Fremde titelte eine konservative Sonntagszeitung.